Wem die Negativzinsen am meisten schaden

Negativzinsen sind ein heikles Experiment, deren langfristigen Folgen schwer abzuschätzen sind.

Gefährlicher Dauerkurs: Die Negativzinsen der SNB belasten Sparer und Versicherte. Foto: iStock

Ich ärgere mich über die Negativzinsen der SNB. Es kann nicht sein, dass Einwohner der Schweiz für die eigene Währung Geld bezahlen müssen. Zudem haben die Negativzinsen sehr schlechte Auswirkungen für die AHV und die Pensionskassen. Ist es nicht möglich, die Negativzinsen nur von Personen mit einem Wohnsitz ausserhalb der Schweiz zu verrechnen? Da darf der Negativzins ruhig auch tiefer sein. M.T.

Ich kann Ihren Ärger gut verstehen. Tatsächlich haben die Negativzinsen der Nationalbank nachteilige Auswirkungen auf unsere gesamte Altersvorsorge, aber auch generell für die Banken und Versicherungen und ihre Aktionäre.

Die wirklich Dummen im Umzug sind die Sparer und die Versicherten: Auf ihrem Sparbatzen und ihren Vorsorgegeldern bekommen sie kaum mehr oder sogar gar keinen Zins mehr. Im schlimmsten Fall müssen sie sogar noch direkt oder indirekt Negativzinsen leisten – so etwa als Versicherte von Pensionskassen, die ebenfalls beträchtliche Summen an Negativzinsen jedes Jahr an die Nationalbank abliefern müssen.

Eingeführt wurden die Negativzinsen von der SNB vor bald fünf Jahren als Instrument gegen die Frankenerstarkung. Der starke Franken hat zwar negative Folgen für die Schweizer Exportfirmen und den Tourismus. Schweizer Produkte sind im Ausland teurer und damit schwieriger verkaufbar. Was nach der Aufhebung im Januar 2015 als temporäre Massnahme gedacht war, wurde inzwischen zur Dauermassnahme. Das halte ich für problematisch.

Aus meiner Sicht hatten die Exportfirmen und der Tourismus genügend Zeit, um sich an die veränderten Rahmenbedingungen bei den Währungen anzupassen. Das haben viele Unternehmen in der Vergangenheit auch erfolgreich gemacht. Sie erinnern sich: Es gab Zeiten, da kostete 1 Euro 1.70 Franken. Heute klagen viele, wenn der Euro weniger als 1.10 Franken kostet, dabei hatten sich die Unternehmen an weit stärkere Schwankungen bei den Währungen angepasst.

In nächster Zeit dürfte der Druck noch grösser werden: Wenn die Europäische Zentralbank im September ihre Geldpolitik weiter lockert, gerät die SNB erneut unter Zugzwang. Dann dürfte sie wohl die heutigen Negativzinsen von bisher minus 0,75 Prozent auf Minus ein Prozent ausweiten. Das hilft zwar allen, die Kredite halten, schadet aber erneut den Sparern und Versicherten. Faktisch werden der Export und der Tourismus subventioniert – die Altersvorsorge, von der die gesamte Bevölkerung abhängt, wird indes über Jahre hinweg dramatisch geschwächt. In der Altersvorsorge wird es noch schwieriger, anständige Renditen zu erwirtschaften.

An sich wäre es durchaus eine Möglichkeit, dass man nur Gelder von ausländischen Investoren oder Leuten mit Wohnsitz ausserhalb der Schweiz mit einem Negativzins belastet. Doch dann gäbe es Stimmen, die eine Ungleichbehandlung von Investoren monieren würden und die Schweiz auf dem internationalen Parkett angreifen würden, weil dies zum Beispiel als Verstoss gegen EU-Recht oder als Diskriminierung der ausländischen Investoren eingestuft würde.

Ein anderer Weg wäre auch, dass man die Negativzinsen, welche die SNB einnimmt, wieder in die Altersvorsorge fliessen lässt. Es gibt diesbezüglich immer wieder mal entsprechende politische Initiativen von unterschiedlichen Parteien. Da wird dann allerdings davor gewarnt, dass man die Unabhängigkeit der SNB und deren Gewinne nicht antasten dürfe. Aus meiner Sicht wäre es aber richtig, wenn man wenigstens einen Teil der Gewinne, die die SNB mit den Negativzinsen einfährt, in die Altersvorsorge transferiert. Man könnte damit Löcher bei der AHV stopfen, und es wäre auch zu überlegen, wie auch die zweite Säule davon profitieren könnte.

Da es dem dritten Beitragszahler immer schwerer fällt, Renditen auf dem Vorsorgegeld zu erzielen, wäre eine Kompensation durchaus angezeigt, zumal es gerade die rekordtiefen Zinsen und die Negativzinsen sind, welche es den Pensionskassen erschweren, anständige Renditen für die Versicherten zu erzielen.

Zu überlegen wäre auch, ob man die Interventionen gegen die Frankenerstarkung nicht beenden und die Währungsentwicklung dem Markt überlassen sollte. Aus meiner Sicht sind Eingriffe in den Währungsmarkt nur temporär sinnvoll, auf lange Sicht aber problematisch.

Die Negativzinsen sind ein heikles Experiment, deren Folgen wir langfristig nur schwer abschätzen können. Sicher ist aber, dass die Sparer und Versicherten leiden. Auf lange Sicht halte ich das auch gesellschaftspolitisch für falsch und gefährlich.

18 Kommentare zu «Wem die Negativzinsen am meisten schaden»

  • Susanne sagt:

    …leider wird wohl niemand auf Ihren Rat hören, da alle nur kurzfristig an ihren eigenen Erfolg denken. Wenn die Keule die Menschen trifft, sind die, die sie beschlossen haben, schon lange in trockenen Tüchern, haben riesen Pensionen und interessieren sich nicht für nachfolgende Generationen. So sieht es aus, wenn man die Jungen nicht ans Regieren lassen will.

  • Josef Marti sagt:

    Die Negativzinseinnahmen der SNB dürfen nur deshalb nicht der AHV überwiesen werden weil dann der Druck auf die Erhöhung des Rentenalters abnimmt, das ist der einzige Grund, und nicht die Unabhängigkeit, das ist nur vorgeschoben.

  • farin sagt:

    Handelt die SNB noch im Sinne der Bevölkerung?
    Oder wird hier einfach nur noch die Exportwirtschaft unterstützt?

  • Christian Cholber sagt:

    Wir sind zwar auf ausländisches Kapital angewiesen, aber gegen eine stärkere Besteuerung dessen spricht eigentlich nichts.

    • Josef Marti sagt:

      Wohl eher umgekehrt. Da die CH seit Ewigkeiten ein chronisches Exportüberschussland ist, ähnlich wie Japan, ist das Ausland auf unser Kapital angewiesen um laufend seine LB Defizite zu refinanzieren resp. laufend umzuschulden, die SNB hilft dabei kräftig mit. Man will diesen Status in der CH auf keinen Fall gefährden mit auf internationalem Parkett ungeliebten Kapitalbeschränkungsmassnahmen.

  • Anh Toàn sagt:

    Die AHV Lücken haben nur sehr marginal etwas mit den Negativzinsen zu tun, ist ja ein Umlageverfahren. Welche „Sparer“ haben wirklich einen grossen Teil ihres Haushaltseinkommen aus Vermögenserträgen? Das sind nicht die „Kleinsparer“, das sind solche mit flüssigem Vermögen von mehreren Millionen. Und auch in der PK sind die Zinsen nicht so wesentlich, wie es gerne dargestellt wird, die ersten 10 Jahre wird kaum Sparkapital gebildet, bis da wirklich eine grosse Summe ist auf welche die Zinsen eine Relevanz erhalten, ist die Zeit, für welche die Zinsen „verdient“ werden, nicht mehr lang.

    Kurz: Ist es gemein, wenn die mit vielen Millionen auf der Bank nicht mehr viele Zinsen bekommen? Ja, für diese Reichen und deren Banker schon, für den Rest spielt es kaum eine Rolle.

    • Anh Toàn sagt:

      Eine starke Währung ist gut für die, welche viel davon haben, eine schwache gut für die, welche sie sich verdienen müssen.

    • Anh Toàn sagt:

      Die Negativzinsen schaden den PK’s, weil diese viel in Zinspapiere investieren müssen. Nun kann man die tiefen Zinsen kritisieren oder die Anlagevorschriften im BVG: letzteres zu ändern ist eine nationale Angelegenheit, die Zinsen auf den CHF kann man nicht losgelöst von den Zinsen auf den EUR und den USD betrachten. Niemand ist eine Insel!

      • Alain Surlemur sagt:

        Liebe/ Herr frau Anh Toàn

        Glauben Sie wirklich dass „Die Reichen“ einen nennenswerten Teil ihres Vermögens einfach so auf dem Konto haben? Es sind eher die Kleinsparer die Noninalanlagen wie Sparbücher, 3. Säule oder Lebensversicherungen haben. Die Reichen haben ertragbringende Sachwerte wie Firmen, Immobilien oder Aktien und profitieren eher von tiefen Zinsen als dass sie darunter leiden.

      • Anh Toàn sagt:

        Ich glaube wirklich, dass ziemlich reich ist, wessen Einkünfte aus Zinsen höher sind als die aus Erwerbstätigkeit oder Altersrenten.

        Wieviel Zins erhält denn so ein Kleinsparer und wieviel Lohn? Was hilft ihm mehr? Mehr Lohn oder mehr Zins?

      • Anh Toàn sagt:

        Man könnte auch, statt nur zu sinnieren, wäre mehr Zinsen bekäme, darüber nachdenken, wer mehr Zinsen bezahlen müsste: Da wäre zuerst mal der Staat, also wir alle, dann Hypothekarschuldner, also die leicht obere Mitte im Eigenheim mit relativ hohen Schulden und die untere Hälfte der Bevölkerung über Mieten, schliesslich treiben höhere Zinsen die Renditeerwartungen der Vermieter.

        Die Behauptung, hohe Zinsen wären gut für Kleinsparer ist absurd, hochgradig absurd, Kleinsparer erhalten auch wenig Zinsen wenn diese prozentual hoch sind, ihr Sparkapital ist klein, viel zu klein um das Leben damit zu zahlen, selbst bei hohen Zinsen.

        Die meisten werden mit nichts geboren, erben allenfalls im Rentenalter, und zahlen „Zinsen“ für ein Dach über dem Kopf.

      • Anh Toàn sagt:

        Untern Strich zahlen alle die Zinsen, deren Gesamtvermögen kleiner ist als das Heim das sie bewohnen, sei es als Mieter oder als Eigentümer. Erst wer mehr Vermögen hat als sein Heim, kann insgesamt Zinsen bekommen. Und wer ein schuldenfreies Heim hat und dann noch etwas um Zinsen zu bekommen, gilt als reich.

  • Mari sagt:

    Weil die Nachfrage fehlt, muss man die Sparer enteignen und die Schuldner entlasten …. !?

    Das ist doch schizophren, denn Vermögensaufbau „heisst“ ja mehr Schulden machen, um alte Schulden (-zinsen) zu begleichen – umzuverteilen. Und zusätzlich verschulden können sich nur die „wirklich“ Vermögenden via Geldschöpfung aus dem Nichts und deren Zuteilung via Banken ….

    Richtig wäre aber, die Nachfrage zu erhöhen und nicht die „Reichen“ leistungslos via Spekulation „virtuell“ (Geldwertillusion) noch reicher zu machen.

    Geld (Reichtum) hat’s abermal genug, nur sollte man dieses auch richtig besteuern, damit eine Volkswirtschaft auch langfristig funktioniert und ein Mittelstand (mit Rentnern;-) überleben kann …

  • urs brand sagt:

    Die Milliarden im Topf der SNB werden zukünftig wohl wegen mikrigker Renten für Ergänzungsleistungen benötigt werden.
    Die SNB behauptet für Preisstabilität besorgt zu sein. In erster Linie sorgt sie jedoch dafür, dass die Preise für Exportgüter im Ausland weiterhin erschwinglich bleiben.
    Kredite für natürliche Personen, sind trotz Minuszinsen, weiterhin sehr teuer, von den Hypothekarzinsen mal abgesehen. Ein Salärkredit und Verzugszinsen bei Kreditkarten betragen immer noch hohe 9 – 10% Zins p.a. Warum setzt hier die Politk nicht endlich an und senkt die Grenze für Wucherzinsen auf unter 8%? Erst dann könnte sich der Konsum auf Pump wieder beschleunigen, was ja seit langem angestrebt wird.

  • Harald Jenk sagt:

    „Negativzinsen“ für die Sparer sind doch nichts Neues. Früher waren die Zinsen auf dem Bankbüchlein zwar höher, aber nach Abzug der Steuern und der Inflation, hat sich der reale Wert des Ersparten meistens doch von Jahr zu Jahr vermindert. Eine Sauerei ist, dass die Währungsgewinne wegen dem stärkeren Franken von den Importeuren nach wie vor nicht vollständig an den Handel und die Konsumenten weitergegeben werden.

  • Pius Tschirky sagt:

    Ich denke nicht, dass man sich da Gedanken machen muss, über die mittelfristigen Folgen. Ich denke mir, dass diese verheerend sein werden eines Tages. Frag sich nun wann, aber man sperrt sich ja genau mit dem fortwährenden Handeln der Notenbanken und zögert diese Apokalypse so einfach raus.

  • Gustav Schwarzer sagt:

    Womit endlich einmal von kompetenter Seite klargestellt ist, dass es keinen Sinn macht, gegen die Rente beziehenden Babyboomers zu hetzen, die angeblich das einbezahlte Geld der Jungen aufbrauchen. Die wahre Ursache der Misere in der schweizerischen Altersvorsorge liegt in einer verfehlten Geldpolitik, die sich nicht nur auf die Schweiz beschränkt. Diese Gegebenheiten sollten auf einer viel breiteren Ebene Publik gemacht werden. Und die Negativzinsen gehören abgeschafft, und zwar sofort. Seit Jahren werden hier auf Kosten des Bürgers Subventionen vergeben, während die Sozialwerke und das Volk enteignet werden. Würde in dieser Hinsicht breiter informiert, so bestände die Chance, dass auch die Stimmungsmache gegen die Rentner aufhören würde.

  • Tiziano Pelli sagt:

    Die Exportwirtschaft der Schweiz ist das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft. Funktioniert diese nicht mehr, werden wir mit ganz anderen Herausforderungen konfrontiert werden. Löhne werden sinken, Arbeitsplätze werden verschwinden oder die Schweiz wird als Standort massiv an Attraktivität verlieren. Die lapidare Aussage, dass Firmen mit Exportprodukten wie auch der Tourismus genügend Zeit hatten, um sich anzupassen, ist fahrlässig und unprofessionell. Für viele Regionen in der Schweiz (v.a. alpin) ist der Tourismus die einzige Alternative. Sie einfach ihrem Schicksal zu überlassen, ist nicht sehr schweizerisch. Man macht ja auch alles dafür, dass die heissgeliebten Pharma- und Finanzriesen in Basel resp. in Zürich bleiben.

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