Buchverluste: Was hab ich falsch gemacht?

Was habe ich falsch gemacht? Der Energiekonzern ENI sorgte bei Anlegern für Enttäuschungen. Foto: Reuters

Ich habe zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt im letzten Mai 2018 in verschiedene Dividendenperlen investiert. Bei einigen Aktien wie Burkhalter, APG, Nebag, ENI und weiteren ausländischen Titeln sitze ich auf hohen Buchverlusten. Ich bin etwas desillusioniert. Einfach zu denken: Man kauft Aktien mit hohen Dividendenrenditen, und alles ist dann gut – so einfach ist es leider nicht. Habe ich bei der Aktienselektion Fehler gemacht? O.S.

Sie haben zwar, wie Sie mir schreiben, breit diversifiziert in Aktien von Unternehmen aus verschiedenen Ländern und Branchen investiert. Sie haben damit eine Diversifikation im Aktiensegment erreicht. Da Sie aber nur auf Aktien gesetzt haben, hat die negative Entwicklung an den Aktienbörsen und die fehlende Diversifikation in andere Anlageklassen direkt auf Ihr Depot durchgeschlagen.

Negativ ausgewirkt hat sich für Sie zusätzlich ein anderer Fehler: Sie haben sich bei der Selektion Ihrer Aktien in erster Linie von hohen Dividendenrenditen leiten lassen. Das sollte man nicht tun. Wichtigstes Auswahlkriterium bei Aktien ist meines Erachtens nicht die Dividende, sondern die Qualität des Unternehmens. Dabei sollten Sie sich fragen: Wie solid ist eine Firma aufgestellt? Wie sind ihre Perspektiven im Markt und gegenüber Konkurrenten? Welche Risiken geht man bei dem Unternehmen ein?

Die Dividende ist für Anleger, die auf einen Ertrag angewiesen sind, durchaus wichtig. Sie darf aber nicht ein solch hohes Gewicht bei der Selektion haben, dass man nur noch schaut, wer am meisten Dividende zahlt, und dann diese Aktien kauft. Dann muss man, wie Ihr Beispiel zeigt, mit einem bösen Erwachen rechnen.

Bei der Beurteilung von Dividendenperlen müssen Sie zusätzlich zu den grundsätzlichen Qualitätskriterien bezüglich der Firma auch prüfen, warum und aus welchen Mitteln das Unternehmen eine hohe Dividende zahlt. Ist die Dividende wirklich nachhaltig? Wurden die Mittel für die Dividende aus der operativen Geschäftstätigkeit erwirtschaftet? Oder greift das Unternehmen gar auf Reserven, um eine hohe Dividende zu zahlen? Wenn eine Firma die Dividenden nicht wirklich einspielt und mit operativen Problemen konfrontiert ist, rate ich zu grosser Vorsicht. Dann geht die Rechnung über kurz oder lang nicht auf, und man muss mit einem Kursabsturz rechnen – obwohl eine überdurchschnittliche Dividende lockt.

Dazu kommt, dass man sich bewusst sein sollte, dass Dividenden nie garantiert sind. Wenn das Geschäft schlecht läuft oder das Unternehmen in eine längere Krise gerät, ist eine Dividendenkürzung oder sogar -streichung möglich. Die hohe Dividende in der Vergangenheit ist keine Garantie für die Zukunft.

Besonders vorsichtig sollte man meines Erachtens bei Dividendenperlen aus dem Segment der kleinen Börsenfirmen sein. Diese sind besonders starken Kursschwankungen ausgesetzt und können bei operativen Problemen leicht brutal abstürzen.

Bei der Wahl von Dividendenperlen würde ich grosskapitalisierte Unternehmen wie Nestlé, Roche, Novartis, Swisscom, Zürich, Swiss Re, Swiss Life vorziehen, die Dividendenrenditen von immerhin zwischen drei und sechs Prozent erreichen. Selbst bei grosskapitalisierten SMI-Werten und Dividendenperlen wie Adecco, Julius Bär, ABB oder LafargeHolcim kam es zeitweise zu massiven Kursrückschlägen.

Auch Grösse ist keine Garantie gegen Kursrückschläge. Das Segment der mittleren und kleinen Firmen würde ich mit einem Anlagefonds oder einem Exchange Traded Fund (ETF) abdecken. Auch bei ausländischen Märkten würde ich nicht in einzelne Dividendenperlen investieren, sondern das Segment durch einen Anlagefonds oder ETF ins Depot aufnehmen.

Wichtig ist nach Ihren Erfahrungen, dass Sie Ihre eigene Risikofähigkeit nochmals genau überprüfen und einen Depotcheck vornehmen. Ich würde Ihre bisherige Strategie überdenken und unbedingt eine breitere Diversifikation in weitere Anlageklassen vornehmen.

Im Aktiensegment können Sie immer noch einige solide Dividendenperlen behalten. Alle Karten nur auf Aktien mit hoher Dividendenrendite zu setzen, halte ich indes für riskant. Ich würde die Risiken im Depot senken und auf Qualität der Unternehmen und ihre Solidität achten. Ertrag ist wichtig – ebenso aber, dass Sie Ihre Risiken im Griff behalten und nur so viele Risiken eingehen, wie Sie wirklich tragen können und wollen.

7 Kommentare zu «Buchverluste: Was hab ich falsch gemacht?»

  • Hans Meier sagt:

    Meiner bescheidenen Meinung nach wurde ein weiteres Kriterium ausser acht gelassen, alles zum selben Zeitpunkt (Mai 2018) gekauft. Mit einer zeitlichen Staffelung würde man nie zu einem denkbar schlechtem Zeitpunkt Aktien erwerben. Dessen ungeachtet sollte man sich des weiteren auch ernsthaft Gedanken machen ob bei einer nunmehr seit zehn Jahren anhaltenden Börsenhausse tatsächlich noch auf den Zug aufgesprungen werden soll. Wäre ich in den letzten zehn Jahren zu keiner Zeit „dabei gewesen“ würde ich mich bei aktuellen Kursen nicht neu engagieren wollen.

  • R. Wenger sagt:

    Die Börse ist wie ein Paternoster. Durch den Keller zu fahren ist nicht gefährlich, man darf nur keine Angst haben. Der aktuelle Kurs ist nur bei einem Kauf/Verkauf wichtig. Gute Dividenden bringen in jedem Fall eine ansprechende Rendite. Tiefe Kurse beim Jahreswechsel haben einen positiven Nebeneffekt. Man zahlt weniger Vermögenssteuer, bei gleichem Ertrag.

  • Urs sagt:

    Tja – auch bei „Dividendenperlen“ sollte man eventuell einen Stop-loss einbauen….
    Aber vermutlich muss das Erlangen dieser Erkenntnis weh tun, sonst bleibt sie nicht haften.

    • R. Wenger sagt:

      Stop-loss ist ein gefährliches Vehikel. Sinkt einmal ein Valor unter eine Grenze setzt ein Verkauf ein und er fällt ins Bodenlose. Bald nachher erholt er sich wieder und man hat zu einem Schleuderpreis mit grossem Verlust verkauft.

  • Josef Marti sagt:

    Buchverluste sind vollkommen irrelevant da man ja nur in Aktien investiert weil man das Geld nicht braucht und es in die nächste Generation hinüberretten will. Es sei denn man hat investiert um fürs Pflegheim zu sparen.
    Relevant sind somit die regelmässig fliessenden Einkünfte resp. Dividenden, und allfällige Buchgewinne sind nice to have.

    • Thomas Hartl sagt:

      Wenn man Geld wirklich nicht braucht, dann halte ich es für sinnvoller, es in ein Unternehmen oder ein Projekt zu investieren, das man ideell unterstützt. Die nächste Generation ist bei Antritt der Erbschaft oft über 60, und kaum auf den Batzen angewiesen. Wer aber sein Alterskapital anlegt, auf das er vermutlich irgendwann zugreifen muss, der ist gut beraten, auch die Risiken im Auge zu behalten.

    • Josef Marti sagt:

      Deshalb ist alles was keine regelmässigen Erträge abwirft praktisch nichts wert, bei Unternehmensbewertungen wird ja auch nur zukünftiger regelmässiger cashflow abdiskontiert. Niemand kauft eine volle Brieftasche.

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