Warum notieren US-Staatsanleihen so tief?

Die US-Notenbank hat die Zinsen angehoben und zwar gleich mehrfach. Und sie wird das in diesem Jahr wohl nochmals tun. Foto: Shutterstock

Seit einiger Zeit verfolge ich die US-Bundesanleihen, weil ich immer wieder Alternativen zu den miserabel rentierenden Frankenanleihen suche. Nun bin ich irritiert. Einige Zeit war die Rendite für US-Bundesanleihen über 3 Prozent. Doch jetzt notieren sie wieder deutlich darunter. Was ist los? F.B.

Der Chart der zehnjährigen US-Staatsanleihen ist in der Tat bemerkenswert. Gleich mehrfach ist die Rendite kurz über die psychologisch wichtige Marke von 3 Prozent geklettert, was die Aktienmärkte prompt irritiert hat.

Kein Wunder: Wenn man mit sehr sicheren Staatsanleihen wieder mehr als 3 Prozent Rendite erzielen kann, werden riskantere Investments mit deutlich stärkeren Kursschwankungen weniger attraktiv. Viele hatten denn auch geglaubt, dass es nach dem Überschreiten der 3-Prozent-Marke bei den US-Staatsanleihen nur noch eine Richtung gebe: nämlich nach oben.

Es kam anders. Die US-Treasuries konnten die 3-Prozent-Rendite mehrmals nicht halten und rentieren aktuell wieder weniger als drei Prozent.

Um diese Entwicklung zu erleben, müssen Sie allerdings nicht weit schweifen und nicht in die USA gehen. Auch die Rendite der Schweizer Bundesobligationen mit Laufzeit 10 Jahre ist phasenweise ins Plus gedreht. Viele glaubten dann, die grosse Zinswende sei nun definitiv eingeläutet. Inzwischen bewegt sich die Rendite der Eidgenossen wieder deutlich im Minus.

Doch anders als in der Schweiz und in Europa hat die US-Notenbank die Zinsen angehoben und zwar gleich mehrfach. Und sie wird die Zinsen in diesem Jahr wohl noch mehr erhöhen. Die Ausgangslage in den USA ist somit eine ganz andere. Die Zinserhöhungen würden eigentlich dafür sprechen, dass die Renditen der US-Bundesanleihen stärker in die Höhe gehen.

Zu Recht weist das Research der St. Galler Kantonalbank darauf hin, dass sich vor der Finanzkrise 2008 der 10-jährige Zins in den USA regelmässig zwischen 4 Prozent und 5 Prozent bewegte, auch in wirtschaftlich schwächeren Zeiten als heute. Die Differenz zwischen den 2-jährigen und den 10-jährigen Zinsen beträgt nur noch 0,25 Prozent.

Noch erstaunlicher ist laut Thomas Stucki, Chief Investment Officer der St. Galler Kantonalbank, der Stopp bei den Renditen angesichts der Entwicklung bei den Inflationsraten, zumal die nominelle Inflationsrate von 2,1 auf 2,9 Prozent gestiegen ist. Das bedeutet, dass Sie real mit einer 10-Jahres-Anlage in amerikanischen Staatsanleihen somit nichts mehr verdienen.

Laut Stucki kann darüber, warum die Renditen nicht steigen, nur spekuliert werden: «Es kann sein, dass die Investoren der US-Wirtschaft nicht trauen und davon ausgehen, dass das Fed die Zinsen nicht mehr weiter erhöhen kann. Die Verflachung der Zinskurve mit der Möglichkeit, dass die Zinskurve in den nächsten Monaten gar invers wird, lässt diese Spekulationen wachsen.»

Auf der anderen Seite würden die Kreditrisikoprämien für Unternehmensobligationen in den USA nicht ansteigen, was darauf hinweist, dass die Angst vor Zahlungsausfällen in dieser Schuldnerkategorie gering ist. Es könne sein, dass die Anleger dem Anstieg der Inflationsraten nicht trauen.

Thomas Stucki: «Hier liegt auch die Gefahr für die Obligationen. Wir gehen nicht davon aus, dass die US-Wirtschaft sich so schnell abschwächt.» Die US-Notenbank werde daher an ihrem Programm regelmässig höherer Zinsen auch im nächsten Jahr festhalten.

«Angesichts der rasch schwindenden Arbeitsmarktreserven in den USA wird gleichzeitig die Inflationsrate weiter steigen. Wieder aufkeimende Inflationsängste können plötzlich und im Moment unerwartet zum nächsten Renditeschub führen, analog zum Jahresbeginn. Ein Anstieg der 10-Jahresrendite innert Kürze auf 3,5 Prozent ist dann absolut möglich», erklärt Thomas Stucki.