Warum weisen Pensionskassen plötzlich einen Umwandlungssatz von 5 Prozent aus?

Damit Pensionskassen den gesetzlichen Umwandlungssatz von 6,8 Prozent auf dem obligatorischen Bereich einhalten, machen Sie eine Schattenrechnung. Foto: PD

Damit Pensionskassen den gesetzlichen Umwandlungssatz von 6,8 Prozent auf dem obligatorischen Bereich einhalten, machen sie eine Schattenrechnung. Foto: PD

Ich habe von meiner Pensionskasse ein Schreiben erhalten, dass der Umwandlungssatz ab dem nächsten Jahr nur noch 5 Prozent beträgt. Dabei liegt der obligatorische Umwandlungssatz gemäss Gesetz doch bei 6,8 Prozent. Ist diese Senkung auf 5 Prozent erlaubt? K. E.

Gesetzlich gilt an sich nach wie vor ein Umwandlungssatz von 6,8 Prozent für den obligatorischen Bereich. Ein Umwandlungssatz von 6,8 Prozent beinhaltet, dass den Versicherten auf ihrem Vorsorgekapital in der Höhe von beispielsweise 100’000 Franken lebenslänglich eine Altersrente von 6800 Franken pro Jahr ausbezahlt wird.

Nach dem Willen des Bundesrates soll der Umwandlungssatz im Rahmen der Rentenreform 2020 von 6,8 auf nur noch 6 Prozent sinken, was zur Folge hätte, dass auf 100’000 Franken Vorsorgekapital nur noch 6000 Franken pro Jahr gezahlt würden. Bereits heute deutlich tiefer ist bei den meisten Kassen allerdings der Umwandlungssatz auf dem überobligatorischen Teil, da dieser nicht gesetzlich vorgeschrieben ist. Bei Kassen, welche das Splitting-Modell anwenden, wird das entsprechend ausgewiesen: Man sieht, wie viel des Vorsorgekapitals zu 6,8 Prozent gemäss Gesetz und wie viel zum tieferen Satz im überobligatorischen Teil ausbezahlt würde.

Trotz der nach wie vor geltenden gesetzlichen Regeln mit einem Umwandlungssatz von 6,8 Prozent auf dem obligatorischen Teil informieren immer mehr Kassen ihre Versicherten, dass der Umwandlungssatz künftig deutlich tiefer zu liegen kommt – so wie bei Ihnen zum Beispiel auf 5 Prozent. Sie machen faktisch eine Mischrechnung und weisen die verschiedenen Umwandlungssätze nicht mehr separat aus.

Viele Kassen wenden das Anrechnungsprinzip an: Auf dem gesamten Altersguthaben wird nur noch ein einheitlicher Umwandlungssatz angewandt – in Ihrem Fall also die 5 Prozent. Damit diese Kassen trotzdem den gesetzlichen Umwandlungssatz von 6,8 Prozent auf dem obligatorischen Bereich einhalten, machen sie eine Schattenrechnung. So garantieren sie, dass sie das gesetzliche Minimum erfüllen und dieses bei einer allfälligen Unterschreitung kompensiert würde.

Das Problem ist allerdings, dass mit diesem Anrechnungsprinzip nur noch das absolute gesetzliche Minimum zur Anwendung kommt. Bei vielen Versicherten führt das dazu, dass sie künftiger weniger Rente erhalten als mit dem alten Splitting-Modell. Hier dürfte es für sehr viele Versicherte eine unangenehme Überraschung geben. Manche dürften sich auch über den Tisch gezogen fühlen, was ich nachvollziehen kann. Die Anwendung des Anrechnungsprinzips ist rechtlich erlaubt und wurde vom Bundesgericht mit einem Urteil aus dem Jahre 2010 gestützt. Die Kassen müssen lediglich das gesetzliche Minimum einhalten; in der Ausgestaltung der Leistungen sind sie hingegen frei, was es möglich macht, dass die Rente auch bei Einhaltung des gesetzlichen Minimums mit dem Anrechnungsprinzip erheblich sinkt.

Persönlich halte ich das Anrechnungsprinzip für problematisch: Die Versicherten verfügen über keine Transparenz mehr und bekommen in vielen Fällen weniger Rente. Sobald sich dies die Versicherten bewusst sind und ihre persönlichen Zahlen sehen, steigt bei den Betroffenen die Frustration. Gleichzeitig dürfte mancher, der angesichts der tieferen künftigen Renten die Faust im Sack macht, politisch Konsequenzen ziehen. Dann nämlich, wenn die vom Bundesrat angestrebte Rentenreform 2020 zur Volksabstimmung kommt. Jene, welche sich heute über den Tisch gezogen fühlen – und das sind viele –, werden wohl kaum Hand bieten für eine Senkung des gesetzlichen Umwandlungssatzes von 6,8 auf 6 Prozent.