Gefährliche Spekulationen mit Einzelaktien

Die Märkte sind derzeit kaum voraussehbar. Wer jetzt mit Einzelaktien schnelles Geld machen will, trägt hohe Risiken.

Rückschlagpotenzial: Vom E-Shopping profitierende Unternehmen wie Logitech sind bereits hoch bewertet. Foto: Keystone

Ich möchte je 6000 Franken in zwei Aktien investieren. Einerseits in eine Aktie, die sich in den nächsten zwei Monaten positiv entwickelt – vielleicht aus dem Bereich Konsum, da die Leute ja mit dem Lockdown ein wenig Geld sparen konnten und nun einen Nachholbedarf haben. Zudem noch eine Aktie, die in den nächsten zwölf Monaten eine gute positive Bilanz aufweist. M.Z.

Aus Ihren Angaben schliesse ich, dass Sie nicht in erster Linie an einer langfristigen Anlage interessiert sind, sondern eine kurzfristige Anlage suchen, die hoffentlich Erfolg versprechend ist. Dabei müssen Sie sich bewusst sein, dass Sie deutlich höhere Risiken eingehen. Die Märkte sind derzeit kaum voraussehbar.

Die Corona-Krise beinhaltet dermassen viele Unwägbarkeiten für die Wirtschaft und für die Börsen, dass Prognosen oft falsch oder zumindest ungenau sind. Wir gehen durch die wohl schlimmste Wirtschaftskrise seit 1930 und gleiten in eine Rezession, wissen aber nicht, wann die Covid-19-Krankheit überwunden werden kann und ob es allenfalls zu einer zweiten oder dritten Ansteckungswelle kommt, die schlimmstenfalls neue Lockdown-Massnahmen nötig machen.

Als zusätzlicher Unsicherheitsfaktor kommen geopolitische Risiken, insbesondere das angespannte Verhältnis zwischen den beiden Supermächten USA und China, dazu. Deshalb erstaunt es nicht, dass die Märkte weiterhin sehr turbulent sind und es wohl noch längere Zeit bleiben. Heftige Schwankungen an den Börsen erfordern von den Anlegern starke Nerven, schaffen gleichzeitig aber viele Opportunitäten für Investoren, die kurzfristig spekulieren möchten.

Trotz tiefer Bewertung kann ein weiterer Kursrückschlag nie ausgeschlossen werden.

Wenn Sie nur auf einige wenige Aktien setzen, gehen Sie allerdings ein Klumpenrisiko ein und riskieren, im schlimmsten Fall alles zu verlieren. Chancen sehe ich im Konsumbereich vor allem bei Unternehmen, die vom verstärkten Trend zum E-Shopping profitieren. Beispiele dafür sind in der Schweiz der Westschweizer Computerzubehörhersteller Logitech oder auf der internationalen Ebene die Onlineversandhändler Amazon aus den USA und Alibaba aus China.

Das Problem dabei: Die Titel sind bereits hoch bewertet und haben teils sogar Rekorde erreicht – entsprechend ist das Rückschlagpotenzial hoch. Auch der klassische Konsumwert Nestlé ist seit der Erholung wieder recht teuer.

Mehr Tradingchancen bieten grundsätzlich Aktien von Unternehmen, die stark zurückgestuft wurden. Doch diese Firmen haben in der Regel ein mehr oder weniger grosses Problem. Offensichtlich ist das beim Reisedetailhändler Dufry. Die Aktie notiert aufgrund der Corona-Krise tief im Keller.

Für Anleger, die auf eine baldige Erholung aus der Krise spekulieren, bieten sich da Chancen. Die damit verbundenen Risiken sind aber hoch, da trotz tiefer Bewertung ein weiterer Kursrückschlag nie ausgeschlossen werden kann – etwa dann, wenn es tatsächlich zu einer zweiten oder dritten Corona-Ansteckungswelle käme und der Flugverkehr wieder blockiert wäre.

Günstig bewertet sind aus meiner Sicht auch stark konjunkturabhängige Titel wie Adecco, die Uhrenwerte Swatch Group und Richemont sowie die Versicherer Swiss Re, Swiss Life, Zurich und erst recht die Grossbanken UBS und CS. Für risikobereite Trader bietet derzeit die UBS einiges Potenzial. Beliebt bei Tradern ist auch der Schweizer Backwarenhersteller Aryzta. Hier stufe ich die Risiken wegen der hohen Verschuldung und den immensen operativen Problemen aber als sehr hoch ein.

Ein weit besseres Chancen-Risiko-Verhältnis sehe ich bei einem langfristigen Anlagehorizont auf mehrere Jahre. Hier würde ich bei kleineren Beträgen nicht auf Einzelaktien setzen, sondern auf breit diversifizierte Anlagefonds und Exchange Traded Funds (ETF). Sie könnten zum Beispiel einen ETF nutzen, der an einen Schweizer Marktindex gekoppelt ist wie den SMI oder den SPI oder an einen Weltaktienindex wie den MSCI.

Das ist im Vergleich zu einer kurzfristigen Spekulation zwar langweilig, beinhaltet aber deutlich geringere Risiken und aus meiner Sicht auf lange Sicht eine höhere Erfolgswahrscheinlichkeit. Beim Traden hat man manchmal den richtigen Riecher und vielleicht auch Glück – leider aber nicht immer. Dann wirds teuer. Fonds hingegen bieten eine breite Diversifikation, und man läuft in der Regel kaum Gefahr, dass man alles verliert.