Rassismus im Garten II

Es gibt seit je unbeliebte Pflanzen im Garten: Baumtropf, der leidige, Winden, die mühseligen, Schnurgras, das unbeliebte. Unkraut, das man mühselig jäten muss. Und dann gibt es andere, sogenannte Neophyten, über die Kollegin Fehlmann schon mal geschrieben hat. Sie fragte sich, warum nicht einheimische Pflanzen wie Kirschlorbeer im Garten unbeliebt seien. Schliesslich habe es Artenwanderung im Laufe der Zeit schon immer gegeben. Sie sprach in diesem Zusammenhang gar von Rassismus im Garten. Eine Überlegung, die ich durchaus nachvollziehen kann. Schliesslich möchte ich Tomaten und Agapanthi nicht missen – auch sie wuchsen ursprünglich nicht hier.

Doch ein Neophyt zieht meine Aufmerksamkeit in letzter Zeit immer mehr auf sich. Weil ich ihm täglich begegne. Mehrfach. Die Goldrute. Sie wächst dicht am Grashang neben dem Wald, an dem ich auf dem Weg zur Arbeit vorbeifahre, sie wächst an den Gleisrändern zwischen Bern und der Agglo, und sie wird in vielen Gärten in der Nachbarschaft gehegt und gepflegt. Hochgebunden, gejätet, bewundert. Erst wollte ich all diese Gärten abfotografieren, aber dann dachte ich mir: Wozu die Gartenbesitzer an den Pranger stellen? Die Goldrute sieht doch ganz hübsch aus. Und auch Bienen habe ich schon auf ihren Blüten landen gesehen. Stellt die Goldrute wirklich ein so grosses Problem dar?

Ja, finden Stellen wie Infoflora, die Stiftung zur Förderung der Wildpflanzen. Die Kanadische Goldrute sei ein sogenannter invasiver Neophyt, sei als solcher auf der schwarzen Liste, also verboten. Auf einem Infoblatt klingt es fast, als ob die Goldrute eine Strategie hätte, das ganze Land einzunehmen: „Die Kanadische Goldrute nutzt ihre Vermehrungsstrategien für eine effiziente und rasche Ausbreitung“, heisst es da. Sie verdränge einheimische Pflanzen, schade der Biodiversität. Die Lösung? Bestehende Pflanzen müssten aus Gärten entfernt oder zumindest vor der Blüte zurückgeschnitten werden. Und wichtig: Alle Pflanzenteile gehören in den Abfall, nicht in den Kompost.

Ich schwanke. Einerseits finde ich den Alarmismus übertrieben. Andererseits sehe auch ich, dass die Goldrute sich sehr schnell ausbreitet. Aber Gartenbesitzer darauf ansprechen? Nein, das fände ich doch zu übergriffig.

Was denken Sie?

14 Kommentare zu «Rassismus im Garten II»

  • Laura Fehlmann sagt:

    Einer meiner Nachbarn pflegt auch schon seit Jahr und Tag Goldruten in seinem Staudenbeet. Ich war schon ein paar Mal drauf und dran, ihn vor diesen Neophyten zu waren, liess es aber bleiben. Der Mann schneidet die potentiellen Wucherpflanzen nämlich immer zurück, bevor sie absamen.

  • Andreas Merz sagt:

    Wer bezüglich Neophyten von Rassismus zu sprechen, hat einen wesentlichen Teil der Biologie nicht verstanden. Rassismus ist eine Ideologie, welche auf Unterschiede zwischen den Rassen fokusiert. Bei der Problematik der Neophyten liegen nicht die Grenzen bzw. Probleme zwischen verschiedenen Rassen sondern zwischen verschiedenen Arten im Fokus. Man müsste also korrekterweise von Artismus sprechen. Und bezüglich Umgang mit anderen Arten, ob pflanzlicher oder tierischer Art, ist unser Umgang eher unzimperlich.
    Wir domnieren, bekämpfen, töten, pflegen und hegen andere Arten nach Lust und Laune – insofern steht Mitleid im Umgang mit Neophytenarten doch ziemlich quer in der Landschaft.

  • Konrad Rimos sagt:

    Mit dem Nachbarn darüber sprechen ist sicher richtig, denn früher oder später hat man sie auch im eigenen Garten. Auch wenn vor dem Absamen geschnitten wird, die Wurzeln bleiben. Und diese haben es in sich. Sie durchsetzen und erwürgen unsere Staudenbeete gnadelos. Beim zu späten entfernen geht meist auch der Reste der einheimischen Stauden verloren. Eine aufwendige und teils teure Angelegenheit. Beim Ansprechen ist es wie immer: Wie ist das Verhältnis zwischen den Nachbarn? Wie pflegt er zu reagieren? fragen? bitten? befehlen? orientieren? Alles kann falsch ausgelegt werden. Daher schweigen die Meisten lieber.

    • werner boss sagt:

      Genau, deshalb möchte ich Sie fragen, was für „Einheimische“ Stauden Sie denn besitzen! Ausser der Haselstaude und den den verschiedenen ( wehrhaften) Dorngebüschen gibt es praktisch keine Einheimischen Stauden!

      • Hermann Klöti sagt:

        Stauden? Es gibt hunderte Arten einheimischer Stauden – sehen sie sich die Definition Wikipedia/Stauden einmal an oder besuchen sie eine Staudengärtnerei, deren gibt es mehrere in der Schweiz. Auch die „gewöhnlichen“ Gärtnereien verkaufen Stauden in grosser Zahl.

      • Jürg Brechbühl sagt:

        Vielleicht um die Begriffe zu klären: Die Gärtner bezeichnen mit „Staude“ eine mehrjährige, krautige Pflanze, die unterirdisch überwintert. Eine Hasel verholzt und die Knospen überwintern oberirdisch. Dasselbe gilt für das Dornnegebüsch. Die Gärtner nennen das einen „Strauch“.
        Einheimische Stauden gibt es viele: Der Baumtropfen (sehr unbeliebt bei Gärtnern), die Erdbeere, Brennessel, einige Himbeersorten, Blacke, Guter Heinrich, Klee (alle Sorten), Esparsette, Löwenzahn … Sehr viele hartnäckige Pflanzen, die man fast nicht ausrotten kann, und als Unkräuter bezeichnet werden, sind nach der Gärtnerdefinition Stauden….
        Hehemm, dies nur so als Seitenhieb auf das sorgsamst mit jahrzehntelangem, nicht erlahmendem Eifer gepflegte Staudenbeet.

      • Konrad Rimos sagt:

        Lieber Herr Boss, Sie verstehen unter dem Begriff „Staude“ nicht das gleich wie wir. Eventuell wäre der Mundart Ausdruck „Stüdeli“ treffender. Unsere Stauden finden sich unter diesen 155 einheimischen „Stüdeli“: https://www.pflanzenshop.hauenstein-rafz.ch/ch/ch-pflanzen/einheimische-stauden.html?limit=45
        Ein Stüdeli Garten ist übrigens ein wunderschönes Hobby!

  • Stefan Müller sagt:

    Goldruten sind in der Tat schöne Stauden. Da sie aber so dominant auftreten und die Pflanzen um sie herum verdrängen, sollte sie nicht mehr verwendet werden. (invasives Auftreten) Die Vielfalt geht so verloren. Ich wünsche mir grundsätzlich mehr Vielfalt in unseren Gärten. Weg von den Steinwüsten, da muss dann auch nicht alles „heimisch“ sein….

  • Jürg Brechbühl sagt:

    Die kanadische Goldrute macht den Naturschützern vor allem auf Ruderalstandorten Probleme. Beispiel sind die Kiesgruben, die als Ersatzstandorte für die Pflanzen und Tiere der verloren gegangen Auenwälder dienen sollen. Diese können von kanadischen Goldruten überwachsen werden und so dein schutzbedürftigen einheimischen Pflanzen Licht und Raum nehmen.
    Im Artikel werden die Bahnbörder genannt. Diese werden nur noch einmal pro Jahr und zwar sehr spät gemäht. Das war ein Wunsch von der Seite der Naturschützer.
    Dort sieht man, was passiert, wenn Bürokraten ohne fundierte Sachkenntnis in unseren Besserwisser-Ämtern Entscheide nach Schema fällen. Nicht nur die kanadische Goldrute kann sich dort eine Quellpopulation für Invasionen behalten, sondern z.B. auch das Jackobskreuzkraut.

  • Markus Bucher sagt:

    @boss: Hasel ist ein Strauch und keine Staude. Die Aussage, dass es praktisch keine einheimischen Stauden gibt, ist völliger Unsinn – es gibt (oder gab) nämlich sehr viele. Beispielsweise: Honigklee, Frauenmantel, Fingerhut, Hornklee, Klatschmohn. Die Goldrute sollte immer radikal entfernt und verbrannt werden, inkl. Wurzeln.

  • Geert sagt:

    Meine Güte. Ich hatte es letzthin drüber, dass gleich nachdem der Vegane Kost in Schulkantinen durchgesetzt und obligatorisch wird, die Diskussion über ethnische Säuberungen im Garten (auch jäten genannt) losgeht. Eigentlich hatte ich das als Witz gemeint, aber es scheint so kranke Hirne tatsächlich zu geben die in dieser Richtung denken. Die Menschheit ist psychisch krank, sehr krank…

    • Jürg Brechbühl sagt:

      @Geert, das ist eine ernsthafte Diskussion, die in den amerikanischen wissenschaftlichen Fachzeitungen mit grosser Polemik von berühmten Professoren geführt wird. Dazu muss man wissen, dass in Nordamerika einzelne invasive Neophyten an vielen Orten ganze Landschaftsbilder umkrempeln und die Ökologie und Dynamik der Ökosysteme von vielen hundert Quadratkilometern komplett verändern.
      Im kleinräumig strukturiereten Europa können wir uns gar nicht vorstellen, welche Dimension solche Probleme auf anderen Kontinenten annehmen.

  • Doris Fuchs sagt:

    Goldrute ist, als Tee genossen, ein sehr gutes Mittel bei Reizblase.
    Also doch für etwas gut.

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