Bunt gemischte Monokultur

In Reih und Glied: Im einen Schrebergartenabteil herrscht Ordnung.

Unser Schrebergarten ist eine Monokultur. Nein, nicht bei den Pflanzen, sondern bei uns, den Pächterinnen und Pächtern: Seit im Frühjahr J. weggezogen ist, den wir ab und zu liebevoll „unser Quotenausländer“ genannt haben, rackern sich hier vorab Schweizer ab, sekundiert von einzelnen Deutschen. Die meisten wohnen mit ihrer Familie in den angrenzenden Quartieren, der Länggasse oder dem Rossfeld, gehören der Mittelschicht an, verbringen ihre Arbeitstage in einem Büro und stehen politisch wohl leicht links der Mitte. Beim Gärtnern scheinen sich alle dieselben Grundwerte zu teilen: Angebaut wird nach biologischen Richtlinien. Und die Infrastruktur soll möglichst einfach bleiben.

Trotzdem gibt es Unterschiede. Zum einen natürlich beim Alter: Einige Pächterinnen und Pächter sind pensioniert, andere haben erst gerade eine Familie gegründet. Entsprechend unterschiedlich sind die Erwartungen an den Garten. Einige investieren jede freie Minute in ihre Kulturen. Andere sind weitaus seltener hier anzutreffen – oder haben schlicht weniger freie Minuten. Einige rackern sich ab, um im Sommer und Herbst eine gute Ernte einfahren zu können. Andere nehmens locker und suchen im Garten vorab Erholung. Einige nutzen das Areal als „Kindergarten“ und schätzen das alte Trampolin und die Schaukel sowie das Baumhaus mindestens so fest wie ihre paar Quadratmeter Gemüsegarten. Andere schwelgen in Nostalgie, wenn sie dem Treiben zuschauen. Einige Gärtnerinnen und Gärtner verfügen nach jahrzehntelanger Gartenarbeit über ein profundes Wissen und das nötige Gespür, andere Pächter sind schlicht Grünschnäbel.

Unterschiede gibt es zum anderen bei der Art, wie der Garten bewirtschaftet wird. Einige Nachbarinnen wissen haargenau, ob jetzt gutes oder schlechtes Wurzelwetter ist und ob der Mond richtig steht. Andere ignorieren den kosmischen Einfluss und pflanzen auf gut Glück – beziehungsweise wenn sie gerade Zeit sowie auf dem Markt oder im Grossverteiler einen Setzling finden. Die einen decken Beete im Frühling und Spätherbst mit Vlies ab, damit die Pflanzen keinen Schaden nehmen. Andere sind mit dem zufrieden, was ohne grössere Intervention gedeiht. Einige säen – biologischen – Dünger, für andere ist spätestens bei der Brennnesseljauche Schluss. Einige schützen ihre Tomaten mit Plastikverschlägen. Andere lassen es bleiben – und hoffen darauf, dass Wind und Regen die Ernte nicht zunichtemacht. Im einen Abteil stehen die Pflanzen in Reih und Glied; was nicht geplant ist, wird ausgerissen und bestenfalls versetzt. Auf anderen Parzellen hingegen herrscht scheinbar ein wildes Durcheinander. Die Pächterin indes weiss haargenau, wo was wächst. Ihre Philosophie: Die Pflanzen sollen dort gedeihen, wo sie keimen.

Das Schöne: Das Mit- oder Nebeneinander auf dem Areal funktioniert fast immer sehr gut. Wohl gerade, weil alle das Heu grundsätzlich auf der gleichen Bühne haben.

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