Plädoyer für Kinderarbeit

Beim Bohnen rüsten hat man Zeit zum Schwatzen.

In den 1950er- und 1960er-Jahren war Kinderarbeit bei uns in der Schweiz noch gang und gäbe. Schon als Zehnjährige pflückte ich stundenlang Bohnen oder Kamillenblüten für Tee. Und wenn Vater die Gartenbeete hackte, musste ich Unkraut und Wurzeln aus der Erde klauben. Meinen Schulgspändli ging es wie mir. Zeit zum Spielen blieb trotzdem genug, wir hatten ja keinen Fernseher.

In der Schule gab es einen Schulgarten, wo wir nicht nur jäteten, sondern auch ernteten. Obst und Gemüse verarbeiteten wir zu Konfitüre und Suppeneinlagen. Bis ich 20 war, dachte ich: „Nie mehr gärtnern!“ Dann packte es mich: Obschon ich in der Stadt lebte, säte und erntete ich meine ersten Gemüse und Salate. Das war der Anfang meiner Karriere als Gärtnerin.

Schaue ich, was Jugendliche in der Stadt so verzehren, sehe ich alles – bloss keine Gemüse oder Früchte, ausser etwa einer Banane. Die Eltern dieser jungen Menschen haben in ihren Gärten bestenfalls einen Haufen Steine oder Rasen. Gemüse? Zu viel Arbeit! Pflanzliche Nahrung wird im Supermarkt gekauft, am liebsten gewaschen, geschnitten und verpackt.

Auch mein Nachwuchs musste im Garten helfen. Wir pflanzten eine Hecke, steckten Bohnen und Zwiebeln und pflückten Kamillenblüten. Gemeinsam in der Erde wühlend, gab es oft Diskussionen und Streit. Aber Pflanzen, Vögel und Insekten zu beobachten, war auch schön. Das Resultat: Die Tochter wurde Gärtnerin. Der Sohn kauft den Salat im Supermarkt, gewaschen, geschnitten und verpackt. Ausser Mami rückt mit Grünfutter aus dem Garten an.

Fazit: Kinderarbeit schadet nicht in jedem Fall.

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