Plädoyer für die Ungeliebten

 

Sie kommen des Nachts, wenn der Gärtner seine wohlverdiente Ruhe geniesst, machen sich über zarte Salatpflänzchen her, lassen vom jungen Kohlrabi nur Gerippe stehen, fällen die eben versetzten Sonnenblumen und richten im Tagetesfeld Totalschaden an. Sie sind  hinterhältig, gefrässig, nutzlos. Sie sind Schnecken – Nacktschnecken, um genau zu sein.

Bei ihrem Anblick kennt die Gärtnerin keine Gnade: Bekämpfen, lautet die Losung, um jeden Preis. Es werden Schneckenzäune errichtet, Bierfallen aufgestellt und giftige Körner gestreut. Die weniger Empfindsamen greifen zur Schere und machen – zack – aus einer Schnecke zwei. Eine beliebte Art, den Schleimigen beizukommen ist auch, sie einzusammeln und ihnen wahlweise kochendes Wasser über den Kopf zu schütten oder sie in der Gefriertruhe erstarren zu lassen. Ertränken, vergiften, zerschneiden, kochen, einfrieren – die Jagd auf Schnecken hat wahrlich barbarische Züge.

Muss das sein? Können wir den Langsamen denn gar nichts Gutes abgewinnen? Doch, können wir. Es gibt da ein paar Dinge, die sich durchaus positiv werten lassen:

  • Schnecken sind rücksichtsvoll: Sie überrennen niemanden, sind leise und bringen keinen um, von ein paar Pflanzen mal abgesehen.
  • Schnecken sind zärtlich: Haben sich zwei gefunden, berühren sie sich vorsichtig und bauen derweil ein Liebesnest aus Schleim. Während der eigentlichen Paarung schmiegen sich die Zwitterwesen dann innig aneinander.
  • Schnecken sind entwicklungsfähig: Aus den Eikügelchen schlüpfen kaum einen Zentimeter grosse Jungtiere, die innert weniger Monate erwachsen werden.
  • Schnecken sind fleissig: Einige Arten schaffen es, in einer Nacht 50 Prozent ihres Körpergewichtes an Grünzeug zu futtern.
  • Schnecken sind reisefreudig: Die Spanische Wegschnecke hat es seit den 1960er Jahren von Südeuropa bis nach Südlappland geschafft. Kräftig mitgeholfen haben dabei die Menschen, die Gemüse und Pflanzen durch ganz Europa karren; dass die tierischen Touristen diese Mitfahrgelegenheit nutzen, ist gewiss ihr gutes Recht.
  • Schnecken sind grosszügig: Ihre Eier dienen Käfern als Nahrung, sie selber bieten sich Igeln, Kröten und Vögeln an.

Ich höre schon Ihre Protestschreie, liebe Gärtnerinnen und Gärtner, und Sie haben ja recht. Gerade die Spanische Wegschnecke ist ziemlich unsympathisch. Sie ist extrem gefrässig, verdrängt die heimische Wegschnecke und hat auch noch die Frechheit, so furchtbar grauslig zu schmecken, dass weder Igel noch Kröten noch Vögel sie verspeisen mögen. Doch sind wir ehrlich – auch diesen Aspekt kann man positiv sehen: Es gehört einiges an Cleverness dazu, sich mit zähem Schleim und schlechtem Geschmack gegen seine Fressfeinde zu wehren.

Der langen Rede kurzer Sinn: Eingedenk all dessen, was ich für diese Zeilen über Nacktschnecken gelernt habe, plädiere ich dafür, dass sie – wenn sie schon nicht unser Herz erobern können – so doch unseren Respekt verdienen. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal zu Bier, Schere oder kochendem Wasser greifen.

 

3 Kommentare zu «Plädoyer für die Ungeliebten»

  • Laura Fehlmann sagt:

    Stimmt. Schnecken sind die Gesundheitspolizisten des Gartens. Deshalb fressen sie gerne überdüngte, schwächliche, kränkliche Pflanzen. Treten sie aber in Horden auf, hält sie nur ein Schneckenzaun fern. So einen hab ich, auf drei Seiten des Gemüsegartens – er ist effizient, wenn das Gras entlang des Schneckenzauns kurz gehalten wird. Gegen den Rasen hin streue ich doch ab und zu Schneckenkörner. Und im Staudenbeet wachsen auschliesslich Pflanzen, welche Schnecken nicht mögen. Von diesen gibt es mehr als man denkt: https://www.wildfind.com/artikel/schneckenresistente-bluetenpflanzen

  • Raaflaub Vreni sagt:

    Seit 1984 leben wir auf der Schattseite von unserem Tal und die Schnecken sind begeistert,dass es bis mittags meistens schön feucht ist in unserem grossen Garten.Er grenzt fast ganz ans Wiesenland und die Schnecken kommen in grossen Scharen und fressen mit Vorliebe an Setzlingen und gesäten Kulturen etc. Ich habe sehr viel Zeit verbracht sie einzusammeln und sie anderswo freizulassen.Später las ich,dass dies keine gute Idee sei.Habe sie eingefroren und erst vor 2 Jahren „biologische Schneckenkörner“ gestreut,da ich nicht Tag und Nacht sie einsammeln kann.Hatten auch recht viele Weinbergschnecken im Garten,die habe ich in unsere Weide gezügelt da es gute Biotope hat.

  • Marina Bolzli sagt:

    Schnecken dürfen von mir aus gerne in den Wiesen schleimen, aber nicht in meinem Garten. Ich mache im Frühling einen abendlichen Rundgang durch den Garten und zerschneide sie. Das fiel in diesem Jahr bisher weg, weil es zu nass war. Das Zerschneiden lockt zwar andere Schnecken an, die tun sich aber lieber an den Artgenossen gütlich als am keimenden Gemüse. Was auch hilft: Angewelktes Unkraut liegen lassen, sie stürzen sich dann darauf und lassen die frischen Gemüsesetzlinge in Ruhe.

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