Sündige Sonntage

AprilgartenAls ich jung war, durfte man am Sonntag nur nichts tun. Langeweile hing in der Luft. Die Kinos waren geschlossen. Offen waren nur die Kirchen. Es war ein Tabubruch, am Sonntag draussen Wäsche hängen zu lassen. Im Garten arbeiten? Unvorstellbar! Meine Nachbarn sehen das bis heute so. Ich dagegen habe nur am Wochenende Zeit für Gartenarbeiten und finde, ein bisschen jäten ist meditativer als ein Gottesdienst.

Als wir noch unsere Bambushecke hatten, war das kein Problem. Ich konnte stundenlang in der Erde wühlen, ohne dass es jemand sah. Nun ist der Bambus weg, die frisch gepflanzte Buchenhecke ist nicht nur niedrig, sondern auch noch kahl und ich Sünderin bin den Blicken der Nachbarn gnadenlos ausgesetzt. Wenn sie am Sonntagvormittag zur Kirche pilgern, grüssen sie mich mit strafenden Blicken, die ich zu ignorieren versuche.

Meine Nachbarn nerven mich mit mit dem Lärm von Laubbläser, Motorsäge, Hochdruckreiniger und Rasenmäher oder nebeln mich gar mit dem Gift ein, mit dem sie ihre Bäume spritzen, wenn ich ausnahmsweise einmal im Liegestuhl lese. Aber klar: Natürlich tun sie all das niemals an einem Sonntag.