Zu Gast in der ältesten Weinstube

1635 ist nicht etwa das Rechnungstotal der Besseresser bei diesem Abendessen. Im Jahr 1635 wurde der Klötzlikeller in der Gerechtigkeitsgasse eröffnet und gilt heute als die älteste Weinstube Berns. Letztes Jahr gab es einen Pächterwechsel, und die Stadt als Hausbesitzerin ergriff die Gelegenheit, den Gewölbekeller umzubauen. Seit November wird hier wieder gespeist und getrunken. Aare­stadt Gastro ist Pächterin, und in der Küche steht Paul Jurt, der ebenfalls fürs kulinarische Wohl im Kramer in der Kramgasse und im Golfrestaurant Blumisberg zuständig ist.

Nicht nur das Essen war vorher traditionell, es gab zudem einen kuriosen Brauch: Bis ins Jahr 2001 wirtete eine ledige Blondine. Eingeführt hatte dies Niklaus Klötzli, der 1885 das Lokal an seine Töchter übergab. Diese Zeiten sind nun vorbei.

An die Tradition knüpft dafür das neue Konzept an: Gerade steht die urchige Woche an mit Treberwurst, Schweinebauch oder Kalbszunge. Aber auch auf der normalen Karte hat man an Klassikern wie Suure Mocke oder Berner Platte festgehalten. Bei Modernem wie Surf and Turf – einem Gericht, das Fisch und Fleisch kombiniert – tischt Jurt Zanderfilet und Zungenwurst gemeinsam auf.

Bei der Durchsicht des Menüs murmelt die Begleitung etwas vom längst vergangenen Herbst, bestellt trotzdem den Herbstsalat mit Ziegenkäse (14.80 Franken), um ihn später in den höchsten Tönen zu loben. Die Besseresserin schliesst sich mit einem Risotto dem Herbstmotto an. Was speziell klingt, nämlich Butternusskürbis mit Orangen-Vanille-Öl und Ziegenfrischkäse (23.80 Franken), fällt etwas weniger rassig aus als erwartet.

Der Kürbis begleitet uns auch beim Hauptgang: glasiert unter der Cordon-bleu-Rolle (37.80 Franken) und eingelegt auf dem Tatar mit Belper Knolle (26.80 Franken). Zur Rolle trinkt die Begleitung Gurtenbier (4.50 Franken), weil sie den gegärten Traubensaft nicht mag. Das übernimmt die Besseresserin und bestellt aus den Offenweinen den spanischen Petit Hipperia (8.80 Franken pro Deziliter).

Da wir erst nach 20.30 Uhr eingetroffen sind, hat das Personal Zeit dafür, den Umbau zu erklären. Primär wurde die Küche renoviert, und ein neues Lichtkonzept vertreibt das Verstaubte. Die Weinstube oben bei der Treppe steht unter Denkmalschutz, weshalb nur sanft renoviert wurde. Während wir lauschen, leert sich das Lokal, bis wir am Schluss die einzigen Gäste sind. Beide Gänge haben wir in kleinen Portionen bestellt, was sich als perfekte Menge zeigt. Trotzdem verzichten wir auf das Dessert und lehnen uns glücklich zurück.

Die Quittung

Auf dem Tisch: Traditionelles und Klassiker mit einem modernen Twist.

Abgerechnet: Preise auf Stadtberner Niveau, Damen werden mit den kleinen Portionen satt.

Aufgefallen: Das Personal mag das Leben wie auch seinen Job.

Abgefallen: Die Bierauswahl genügte der Kennerin nicht.

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