123-jährig und mehr als rüstig

Noch kein Jahr ist es her, dass Kleine-Schanze-Wirt Gerhard Liechti in der Berner Altstadt den 1896 eröffneten Ratskeller übernommen und in Brasserie Ratskeller umbenannt hat.

Er steckte viel Liebe in die Renovation und in ein vermeintlich bis Januar 2020 begrenztes Projekt, weil der Kanton das Haus verkaufen wollte und die künftige Nutzung ungewiss war. Wir können Entwarnung geben: Die Strategie für das Objekt Gerechtigkeitsgasse 81 werde derzeit erst erarbeitet und werde frühestens im Lauf des nächsten Jahres vorliegen, hiess es am Dienstag beim zuständigen kantonalen Amt.

Torschlusspanik ist also keine angesagt. Dennoch gibt es keinen Grund, nicht bald im Ratskeller einzukehren. Die Besseresser taten dies am ersten Advent und freuten sich bereits beim Eintreten, dass die Gaststube am Sonntagabend gut gefüllt war – klar, möglicherweise begünstigt durch die ausnahmsweise sonntags geöffneten Altstadtläden. Nur Fondue, das ausschliesslich draussen unter den Lauben serviert wird, wollte an diesem kühlen Abend niemand essen.

Lieber wärmte sich der Besseresser an einer kräftigen, gut gesalzenen, leicht schäumenden Hummersuppe (17 Fr.) und wähnte sich aufgrund des Geruchs beinah im Chez Michel am Strand der Katalanen, wo angeblich die beste Bouillabaisse von ganz Marseille serviert wird. Die Besseresserin begann mit einem schmelzenden Ziegenkäse mit Thymianhonig und Linsensalat (19.–), einer wunderschön schwungvoll angerichteten Vorspeise.

 

Der Käse hatte den sanften Schmelzvorgang im perfekten Alter angetreten, neben den erwähnten Zutaten lag ein wenig Kürbis-Chutney auf dem Teller, ein Stückchen Randengebäck, eine Baumnuss und ein Feigenschnitz sowie eine orientalisch gewürzte Mischung geriebener Nüsse. Sie hätten einen neuen Chefkoch, erzählte uns ein Kellner: ein Marokkaner mit Schweizerhof-Vergangenheit, der Freude an kleinen, feinen Details habe. Jawohl, das hatten wir am eigenen Leib erfahren dürfen.

Die Hauptgänge konnten das Niveau halten. Beim tranchierten Entrecote vom Rind mit Pommes und hausgemachter Kräuterbutter (44.–) gab es absolut nichts auszusetzen. Bemerkenswert war die zwiebellastige Butter, die daherkam, als wäre sie extra für uns frisch zubereitet worden.

Gar eine Offenbarung (für die, die es mögen) war die geschnetzelte Kalbsleber, mit Kräutern in Butter sautiert und serviert mit Butterrösti (38.–): gut gewürzt und vor allem so scharf angebraten, dass sie aussen schön knusprig und sogar leicht caramelisiert war, während ihr Inneres nachgab wie ein weicher Flan. Herrlich. Die Rösti daneben war unspektakulär, aber so tadellos wie die Pommes zum Entrecote.

Schön fanden wir, wie Ansichtsexemplare der Desserts an den Tisch gebracht werden – schliesslich stehen sie auch nicht auf der Karte. Wir liessen uns zu einem Schoggimousse (6.–) und einer Aprikosen-Crema-catalana hinreissen. Bei Letzterem kamen wir zum gleichen Schluss wie bei Erdbeer-, Orangen- oder anderen Kreativ-Tiramisùs: Das Original ist das beste. Auch für den Ratskeller als Ganzes – ein Original seit 1896 – würden wir dies sofort unterschreiben.

 

Brasserie Ratskeller, Gerechtigkeitsgasse 81, Bern. Täglich geöffnet. brasserie-ratskeller.ch

Die Quittung

Auf dem Tisch: Übersichtliche Brasserie-Karte mit Fleisch-Klassikern und einigen Alternativen.

Abgerechnet: Die Preise liegen im Altstadt-Durchschnitt.

Aufgefallen: Eine Seite für die Speisen, eine für die Getränke, und dennoch die Qual der Wahl –
das muss man erst schaffen.

Abgefallen: Weil beim Besuch nichts abfiel: ein bisschen viele Tippfehler auf der Website.

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