Kulinarik und Kino in der Kapselfabrik

«Seid ihr von der Reitschule geflüchtet?», fragt unser Tischnachbar, und die Fronten sind klar: Wenn Berner in Thun sind, dann nur, weil wir vor unserem Kulturzentrum fliehen. Damit hat uns dieser Nachbar die Lust auf Konversation verdorben, die an langen Tavolatas eigentlich schön wäre. Nun gut, der Ort hob die Stimmung denn auch wieder deutlich an: Restaurants ander Aare könnte es für unseren Geschmack alle paar Meter geben. Das Lokal in der ehemaligen Zündkapselfabrik auf dem Thuner Ruag-Areal ist schlicht spektakulär. Während das Backsteinhaus nur am Mittag offen steht, hätten es in Bern Kulturschaffende schon längst besetzt, umgenutzt und auch abends belebt.

 

Wenigstens wird es im Sommer für zwei Wochen genutzt,wenn das Aarekino zum Besuch lädt. Vis-à-vis über der Aare ist im Wald die Leinwand installiert, vor der Terrasse eine Bühne aufgebaut, wo später diejenigen Gäste sitzen werden, die nur wegen des Films kommen. Drinnen wie draussen gibt es Platz, auf der Terrasse allerdings nicht lange, da bald alle Tische besetzt sind. Wir schauen bei einem Thun-Bier (Fr. 6) zu, wie es sich langsam füllt.

Für 75 Franken gibt es ein Viergangmenü plus den Film. Das Lokal wird von Transfair betrieben, einer Organisation, die Menschen mit Beeinträchtigungen eine Stelle gibt. Davon merken wir grundsätzlich wenig. Aber es ist der erste Abend des Kino-Happenings, so sind die Abläufe etwas unkoordiniert: Der erste Gang mit gebeiztem Lachs begleitet von einem geräucherten Peperoni-Limetten-Schaum und Lachsmousse kommt spät. Wir haben den ersten Hunger bereits mit dem ebenfalls leckeren Brot gestillt.

 

Auch der zweite Gang – eine gut ab­­geschmeckte Maissuppe mit Chili-Popcorn, Schnittlauch und Nidle – lässt auf sich warten. Wir trinken dazu einen Pra bianco (Fr. 45), der zu warm ausgeschenkt wird, aber nach einer Intervention in einen Weinkühler gestellt wird.

Beim Hauptgang geht es schnell. Ein Duo vom Rindsschulterspitz, dazu Kräuterjus, mit einer Petersilienkartoffel-Schnitte und Marktgemüse. Die Messer brauchen einen Schliff, denn erst denken wir, dass das Fleisch zäh ist. Zwar ist es nicht mehr rosarot wie angekündigt, aber dennoch sehr zart. Langsam trudeln auch die anderen Kinobesucher ein, und typisch für einen Schweizer Sommer müssen Funktionsjacken montiert werden, weil es doch frisch wird und die Bise kalt bläst. Das Lüftchen ist auch fürs Essen nicht bekömmlich und kühlt es schnell ab.

Nach dem Hauptgang merken wir den Militäreinfluss: Eine Kompanie mit Rekruten marschiert am anderen Ufer vorbei. In ihrer Tarnkleidung wären sie fast unerkannt geblieben, wäre nicht der vorderste Mann mit einer Fahne im Stechschritt vorangegangen. Ein Marsch hätte uns nach dem Hauptgang ebenfalls gut getan. Beim Dessert gibt es Birne Helene mal anders. Die Birne ist zu einem Kompott verarbeitet worden, dazu Schokolade in Form von Mini-Caracs und Schokomousse. Wir halten uns die Bäuche und lassen uns von der vorbeifliessenden Aare zusätzlich berauschen.

Die Quittung

Auf dem Tisch: Während des Aarekinos ein Viergänger mit oder ohne Fleisch.

Abgerechnet: Preis/Leistung absolut ausgewogen.

Aufgefallen: Die Klientel ist eher älter.

Abgefallen: Wer mit ÖV anreist, bekommt auf Google Maps eine kuriose Wegbeschreibung, die wohl tagsüber, aber nicht abends funktioniert.

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