Ferien auf dem Satelliten

In der Toskana fuhren die Besseresser einmal auf der Suche nach einem Restaurant, das ihnen empfohlen worden war, auf einer holprigen Naturstrasse einem Zeltplatz entlang. Als wir schon fast nicht mehr daran glaubten, endete die Zufahrt vor einer Art Baracke, an der nichts darauf hindeutete, was uns drinnen erwartete: ein Saal gefüllt mit Menschen in Feierlaune, die sich frischen Steinpilz vom Grill, Fisch in Salzkruste und andere Köstlichkeiten auftragen liessen.

Marcel’s Marcili erinnert an diesen Abend. Obwohl in den zehn Jahren des Bestehens immer wieder am Lokal und an der Ter­rasse herumgewerkelt wurde, bewahrte es – von aussen betrachtet – etwas Provisorisches. Und weil der Ort im Sommer wie die anderen Beizen im Quartier als Satellit des Marzilibads funktioniert, verströmt er eine Idee von Ferien. Dazu passt, dass beim Lavabo zehn Uhren verschiedene Ortszeiten anzeigen.

 

Nach der Reisevorbereitung im Internet war beim Besser­esser die Vorfreude gross auf die Vorspeise aus in Chnobli und Chili gebratenen Crevetten auf Auberginensalat mit Koriander, Chili und Limettensaft (14.50). Doch dazu kam es nicht – das ­Gericht stand auf der Sommerkarte, die inzwischen von der Herbstkarte abgelöst worden ist. Also starteten wir mit einem Rindstatar (25.50, oben im Bild), das umgeben war von einem Häufchen Chili-Paste und je einem aus gehacktem Knoblauch, Schnittlauch sowie Kapern und dekoriert mit Sprossen. Attraktiv, das Tatar selber so vielfältig würzen zu können. Die zweite Vorspeise war ein üppiger Blattsalat mit Ziegenkäse und Marroni (14.50), Letztere caramelisiert und ganz zart.

Als Hauptgang wählte die Besseresserin Crevetten auf Kartoffelstock (28.50), eine ungewöhnliche Kombination, die bestens funktionierte. Wer den Sud an­gebratener Crevetten mag, der mag ihn auch auf Kartoffelstock. Abzug gabs einzig dafür, dass das Gericht allzu schnell abkühlte, woran der nicht mehr tropische Spätsommerabend sicher mitschuldig war.

Der Besseresser ass einen Flammenkuchen mit Geisskäse, Pinienkernen und ­Rucola (25.50) und fand ihn beinah zu üppig belegt. Geschmacklich und vom Backgrad her war er tadellos – aber wenn wir ihn selber machen, halten wir den Flammenkuchen bewusst simpler. Wohl weil das Leben voller Widersprüche ist, wählte der Besseresser danach das üppigste Dessert auf der Karte: einen lauwarmen Schokoladenkuchen (12.50) mit Pistazieneis, ein­gekochten Beeren und Greyerzer Doppelrahm. Ein spektakulärer Abschluss eines spektakulären Sommers. Und falls die nächste Badehosensaison irgendwann kommen sollte: Sie kommt noch lange nicht.

Marcel’s Marcili, Marzilistrasse 25, 3005 Bern. 031 311 58 02. 7 Tage geöffnet, sonntags 10–15 Uhr.

Die Quittung

Auf dem Tisch: Origineller Mix aus kleinen und grossen Speisen.
Abgerechnet: Faire Preise.
Aufgefallen: Nach holprigem Start entpuppte sich der Gast­geber als herzlicher Typ.
Abgefallen: Auf der Website steht immer noch die Sommerkarte. Die reale Karte steckt in aneinanderklebenden Plastikmäppchen – dem charmanten Ort nicht angemessen.

Kommentar

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