Die Erstbesteigung der Hinteregg

Wer beim Stichwort Oberaargau nicht zuerst an Berge denkt, ist sicher in guter Gesellschaft. Wohl deshalb hatten die Besseresser trotz des durchaus verdächtigen Namens die Wanderung zur Bergwirtschaft Hinteregg grandios unterschätzt. Wir stellten uns einen gemütlichen Spaziergang am Südhang der ersten Jurakette vor. Dort liegt die Gemeinde Rumisberg, zu der die Hinteregg gehört. Und nun schnaufen wir an einem schwülheissen Tag von unserem Ausgangspunkt in Wolfisberg 500 Höhenmeter hinauf. Hätten wir vorher die Wanderkarte etwas genauer studiert, hätten wir gesehen, dass der höchste Punkt der Gemeinde auf immerhin 1232 Metern liegt. Bis zum Hellchöpfli müssen wir nicht gerade hoch steigen, aber die Hinteregg liegt mit 1107 Metern nur unwesentlich tiefer. Uff. Bald sind wir schweissüberströmt und brauchen eine Pause vor der Mittagspause. Bei der Weidewirtschaft Buechmatt ist der gröbste Höhenunterschied geschafft, und wir füllen unsere Tanks mit je einem halben Liter Apfelschorle.

Kurz oberhalb dieses Boxenstopps überrascht uns der letzte Zipfel Kanton Bern am Jura­südfuss erneut: Was für ein Panorama! Wir stehen in einer blühenden Wiese, den Oberaargau zu Füssen, und blicken bis zu den Berner Alpen. Im Sonnenlicht glitzert in der Ebene ein graublaues Band. «Oh, ist das die Aare?», fragt die Besseresserin. «Das ist die A 1», sagt der Wanderpartner.

Nach einer weiteren halben Stunde nehmen wir auf der Terrasse der Bergwirtschaft Hinteregg Platz. Wir setzen uns in den Schatten, unter einen ausladenden Baum. An den Ästen hängen rot-weiss getüpfelte Lampions, passend zu den roten Gartenstühlen. Haus und Tische sind blumengeschmückt. Zwei neugierige Zwergziegen strecken ihre Nasen durch den Zaun. Man dürfe gern zu ihnen auf die Weide und sie streicheln, steht auf einem Schild. Aber: «Nicht an den Ohren oder am Schwänzli ziehen!»

Nicht nur Terrasse und Um­gebung sind liebevoll gestaltet, auch das kulinarische Angebot hebt sich wohltuend von den üblichen Bergbeizenklassikern ab. Auf der Hinteregg wird das meiste hausgemacht, die Produkte stammen aus der Region oder direkt vom eigenen Biohof. Alle drei Tagesgerichte klingen ver­lockend. Einen Moment lieb­äugelt die Besseresserin mit den Plätzli von den hofeigenen Angus-Rindern samt hausgemachter Focaccia und Berner Frites. Dummerweise weiden die härzigen Kühe in Sichtweite.

Darum bestellt sie die Vegi-Variante: Gemüsetätschli mit Geisskäsefüllung und verschiedenen Salaten (19.50 Fr.). Der Besseresser wählt den Geflügelsalat Malibu (19 Fr.). Die Truten lebten im nahen Rumisberg. Den Durst löschen wir mit hausgemachtem Eistee, der erfrischend und nicht zu süss ist. Auch das Essen schmeckt uns. Die Besseresserin, normalerweise ein Gemüse­muffel, mag das Grünzeug in Tätschliform und mit dem cremigen Geisskäse sehr. Auf beiden Tellern sind die Salatbeilagen abwechslungsreich, üppig und liebevoll zubereitet. Beim Trutensalat liegen dazu noch Erdbeeren und ein Melonenschnitz.

Das absolute Highlight sind aber die hausgemachten Desserts. Einmal ein Mandelkuchen mit frischen Erdbeeren und Schlagrahm, einmal eine Meringue mit Rhabarberglace und Nidle (oben im Bild). Wir sind froh, dass wir auf dem Rückweg nur noch mehr oder weniger den Berg hinunterrollen können. Unsere Erst­besteigung der Hinteregg war sicher nicht unsere letzte Tour hinauf zum Bergbeizli.

Bergwirtschaft Hinteregg, 4539 Rumisberg, Tel. 032 636 32 72. Mi/Do Ruhetage.

Die Quittung

Auf dem Tisch: Selbst gemachte und kreative Hausmannskost aus lokalen Produkten. Samstag und Sonntag Zmorge.
Abgerechnet: Sehr faire Preise.
Aufgefallen: Auf der Hinteregg finden auch kulturelle Anlässe statt. Am 17. August zum Beispiel eine Gypsy-Night mit Musik, Tanz und Essen. Man kann auch übernachten.
Abgefallen: Ehrlich: Zu meckern haben auf der Hinteregg nur die Ziegen etwas.
Aufgestiegen: 500 Höhenmeter in circa anderthalb Stunden. Man könnte auch mit dem Auto hinauffahren. Aber die Wanderung lohnt sich.

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