Diese Kochbücher erzählen Geschichten

Manchmal sind Kochbücher mehr als nur ein paar Seiten, auf denen Rezepte abgedruckt sind. Manchmal erzählen sie Geschichten, die das Leben schrieb. Vier Beispiele. 

Wie ein gutes Gericht

«Kinfolk» ist eigentlich ein Magazin aus Kopenhagen, das viermal jährlich erscheint. Es propagiert den skandinavischen Lebensstil, Minimalismus in allen Lebenslagen und Avocado Toast. Gründer Nathan Williams lebt mit seiner Familie in Oregon und will seinen Lesern Slow Living näherbringen, frei übersetzt heisst das: bewusster leben. Für das Kochbuch (und die Kapitelgebung) besuchte er deshalb seine Hipsterfreunde in Brooklyn, New York, Kopenhagen, Portland, auf dem Land in England und in Oregon und fragte sie nach ihren Lieblingsrezepten. Im „The Kinfolk Table“ blättern heisst, in eine andere Welt einzutauchen: Auf den Fotos sitzen Frauen mit Zopffrisuren und Bärten an Holztischen und betrachten Schüsseln mit Obst. Und immer sieht die Szenerie aus, als ob sie mit einem Ocker-Filter überzogen worden sei. Überhaupt die Farben in diesem Kochbuch: Die Wohnungen sind in erdigen Tönen gehalten, in Braun und Dunkelgrün, der Himmel ist immer bedeckt, nie blau, minimalistische Blumensträusse in Weiss stehen vor blassen Bücherstapeln. Kurz: Wir befinden uns in einer schwer ankeresken Umgebung.
Alle im Buch vorkommenden Personen, so Williams, pflegten denselben Lebensstil, indem sie dem Essen in Gemeinschaft eine besondere Bedeutung beimessen würden. Anders als viele Lifestyle- und Kochmagazine gibt «Kinfolk» keine Anleitung für ein glückliches Leben in einer perfekten Wohnung. Vielmehr erwecken sie den Anschein, als ob sie den Leser teilhaben lassen wollten an ihrem Leben, in dem Gemeinschaft und Wärme eine grosse Rolle spielen. Auch «The Kinfolk Table» ist mehr Lebensgefühl als Kochbuch. Wäre das Buch ein Gericht, würde es dampfen und in einer Auflaufform serviert werden, in der Zutaten vom Slow Food Market brodeln, und wohlig und glücklich machen.
Und die Rezepte? Grossartig. Weil sie so einfach sind. Weil im richtigen Leben niemand Zeit hat, stundenlang am Herd zu stehen und komplizierte, viereckige Gemüse und sonstigen Schischi aus Fernost zu servieren. (Nathan Williams: «The Kinfolk Table», 343 Seiten, Knesebeck-Verlag, 55.90 Franken)
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Zum Zmorge, zum Zmittag…

Ach, gäbe es doch nur einen Beruf, der «Frühstückerin» hiesse. Ich würde mich glatt darin ausbilden lassen. Foodbloggerin Denise Kortlever (Thealldaykitchen.com) aus den Niederlanden kommt diesem Traumberuf ziemlich nah: Für dieses Buch reiste sie etwa nach New York, Paris oder Kopenhagen und ass Zmorge. Den lieben langen Tag. Was sie gegessen hat, können wir anhand der 80 Rezepte in diesem Buch erraten: Bananenbrot, Burnt Toast, Cheddar-Biscuits und, und, und. Es ist nicht übertrieben, zu behaupten: Alle Rezepte klingen gut, wirklich alle. (Denise Kortlever: «Von der Kunst, von morgens bis abends zu frühstücken», 175 S., Busse Seewald, ca. 30 Fr.)

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Jenseits von Filet und Entrecote

Wenn es einen Nose-to-Tail-(«vom Schnörrli bis zum Schwänzli»-)Pionier gibt, ist es der Brite Fergus Henderson. Er hat die ganzheitliche Verwertung eines Tiers bekannt gemacht. Manuela Rüther konzentriert sich in diesem Buch auf die sogenannten Second Cuts, also jene Stücke jenseits von Filet, Entrecote und Kotelett. Die Autorin gedenkt auch Henderson – des «gerösteten Knochenmarks à la Henderson» (dem sie Knoblauch hinzufügt). «Backe, Brust und Bauch» ist ein schönes, altmodisches Buch über Fleisch. Apropos: Selbst für Vegetarier lohnt ein Besuch in Hendersons Restaurant in London. Wegen der schlichten Ambiance. (Manuela Rüther: «Backe, Brust und Bauch»,280 S., AT-Verlag, ca. 36 Fr.)

 

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 Der Traum vom Leben auf dem Land

Selbst angebautes Gemüse, eigene Hoftiere, Kaminfeuer: Immer mehr (Stadt-)Menschen träumen vom Leben auf dem Land. Einige verwirklichen sich ihren Traum und bauen alte Obstsorten an, hüten ihren Sauerteigansatz wie einen wertvollen Schatz oder verkaufen eigene Blumen. Allen Aussteigergeschichten in diesem Buch ist gemein, dass sie ans Herz gehen. Das hat auch mit den Fotos vom Leben in und mit der Natur zu tun. Ein Schweizer kommt auch vor: Fotograf Bruno Augsburger, der mittlerweile irgendwie in allen Büchern dieser Art auftaucht, sammelt Pilze. («Raus aufs Land: Vom Bauernhof auf den Tisch», 254 S., Gestalten-Verlag, ca. 53 Fr.)

(Titelbild aus „Raus aufs Land“, Gestalten)

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