Wo weder Tram noch Bus hinkommen

Am 4. März stimmt der Kanton Bern über das Tram Bern–Ostermundigen ab. In den Diskussionen rund um 2-Minuten-Takt und Kapazitätsprobleme geht oft vergessen, dass es eine Menge Dörfer gibt, die gar keinen Anschluss an den öffentlichen Verkehr haben. Wie zum Beispiel Frauchwil, ein Weiler in der Gemeinde Rapperswil. Dort steht das Restaurant Hirschen, einzig mit dem Auto erreichbar (oder mit einem 20-minütigen Spaziergang von der Bushaltestelle aus). Dennoch können sich die Wirtsleute im Hirschen nicht über Publikumsmangel beschweren, zumindest am Sonntag nicht. Ohne Reservation dort anzukommen, hätte sich beinahe gerächt. Die Besseresser dürfen sich zu einer Einzelperson dazusetzen, sonst ist kein Tisch mehr frei.

Der eine Besseresser entscheidet sich für das Sonntagsmenü (Fr. 32.80), mit Suppe, Salat und einem Schweinesteak an Morchelsauce, Pommes frites und Gemüse. Der Besseresserin Wahl fällt auf das Cordon bleu (Fr. 27.80), wohlweislich nur mit Gemüse. Dieses muss man extra bestellen, und es kostet auch zusätzlich. Dafür werden sechs verschiedene Gemüse in Aussicht gestellt.

Die Menüsuppe, eine kräftige Bouillon mit Flädli, und den Salat teilen wir uns. Der Salat ist mit einem Blätterteigstängeli dekoriert und mit (etwas viel) himmlischer Sauce angemacht. Zum Glück gibt es ein Körbchen mit selbst gemachter Züpfe dazu, so lässt sie sich ausgezeichnet auftunken.

Auch die Hauptgänge sind grundsolide. Das knusprige, zweifellos hausgemachte Cordon bleu wird flankiert von neun statt der versprochenen sechs Gemüsesorten, jede einzelne mit Liebe gekocht und drapiert. Genau so muss es sein. Auch das Steak mit Morchel- und Champignonsauce auf dem zweiten ­Teller entspricht exakt dem, was man gerne in einem stattlichen Landgasthof serviert bekommen möchte. Trotz der grosszügigen Portionen bestellt der Besseresser noch eine Coupe Dänemark zum Dessert. Die Bedienung bringt ­ungefragt zwei Löffel dazu – sehr aufmerksam.
Als wir aufbrechen, sind wir überzeugt: Auch wenn künftig kein Bus nach Frauchwil fährt, egal, ob im Minuten- oder im Stundentakt, dem Hirschen werden wir gerne mal wieder einen Besuch abstatten.

Restaurant Hirschen, Frauchwil 314, 3255 Rapperswil. Tel. 031 879 02 49

Die Quittung

Auf dem Tisch: Gutbürgerliche Küche mit liebevollen Details.
Abgerechnet: Moderat, der eher abgelegenen Lage entsprechend.
Aufgefallen: Das Restaurant steht in einem bildhübschen Bauernweiler mit riesigen Rieghäusern.
Abgefallen: Der Parkplatz ist arg klein.

2 Kommentare zu «Wo weder Tram noch Bus hinkommen»

  • Eduard J. Belser sagt:

    Schade ist der Beitrag aus der beschränkten Sicht hinter der Windschutzscheibe geschrieben worden. Laut GoogleMaps sind es vom Bahnhof Bern bis zum Restaurant «Hirschen» 18 km. Das ist mit einem E-Bike locker in weniger als einer Stunde zu schaffen. Mit einem normalen Velo dauert es auch nur etwas länger als eine Stunde. Bei der Anfahrt mit dem E-Bike/Velo braucht man sich auch nicht am kleinen Parkplatz zu stören. Man hat etwas für die Gesundheit getan und darf bei Tisch mit ruhigerem Gewissen zuschlagen. Auch den Coupe Dänemarkt darf man sich ohne kritischen Blick auf den Bauch gönnen. Mit dem E-Bike/Velo zu einer guten Landbeiz zu fahren ist ein Stück Lebensqualität, das man sich möglichst öfters gönnen sollte. Die Gastronomen sollten das auch noch gezielter bewerben.

  • nycked.com sagt:

    Danke, toller beitrag. Ich mag deine sichtweise wirklich.

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