Zwischen den Zeilen … kocht es

Es gibt Romane, in denen ständig gefuttert wird. Die US-Bloggerin Cara Nicoletti hat ein Buch darüber geschrieben – 50 Rezepte aus 50 Romanen. Köstlich!

Irgendwas bringt die Zeilen zum Kochen (Bild: Fotolia/Montage BZ).

Gut, man möchte sich nicht vorstellen, wie oft und wie lange die Tischgesellschaft nach dieser Suppe gefurzt hätte. Die vierzig Knoblauchzehen, die sich im Rezept von Autorin Cara Nicoletti (siehe unten) finden, sind eine Menge Zündstoff. Und man möchte sich nicht ausmalen, wie diese Tischgesellschaft aus «Stolz und Vorurteil» nach dem Essen auf einem Ball getanzt hat. Muss man auch nicht: Nicoletti hat gemogelt, was die «Weisse Suppe» aus dem Jane-Austen-Roman angeht. Die war wohl zur Regency-Zeit ein Hit – im Wesentlichen bestand sie aus Kalbsfond, Rahm und Mandeln. Für zeitgemässe Festessen hat die Autorin aber ihre Fantasie walten lassen und Mandeln durch Knoblauch ersetzt.
Denn geht es beim Lesen nicht eigentlich darum, sich seine eigenen Bilder zu machen? Leseratte Cara Nicoletti wuchs in einer Metzgersfamilie auf und hat sich «durch die schwierigen Jahre der Middle School» gekocht, durch die erste Liebe, durch Verluste und Veränderungen. Noch heute hat sie zwei grosse Leidenschaften, Lesen und Kochen, und verknüpft diese einerseits als Foodbloggerin (yummy-books.com) und als Autorin. In ihrem wunderbaren Buch versammelt sie gedeckte Tische der Weltliteratur, das heisst, sie kocht Gerichte aus 50 Lieblingsbüchern nach.
Und «Stolz und Vorurteil» ist eben Nicolettis liebstes überhaupt, obwohl sie selber das als «abgedroschen» abtut. Als bekennenden Foodie ist es für die Autorin jedoch immer wieder eine Qual, Jane Austen zu lesen: Die Autorin, deren Todestag sich Mitte Juli übrigens zum 200. Mal jährte, hatte es zwar verstanden, packende Geschichten zu erzählen, gab aber wenig Details preis. So erfährt man wenig über das Essen, obwohl Austens Protagonisten ständig am Tisch sitzen, obwohl andauernd gekocht und nach dem Abendimbiss Karten gespielt wird. Auch deshalb musste Nicoletti mogeln, was die «Weisse Suppe» anging.

Bei anderen literarischen Werken war Cara Nicoletti sonnenklar, was auf dem Tisch stand. Die Autorin seziert ihre Lieblingsbücher mit einer fröhlichen Unbekümmertheit: Weil es in «Unsere kleine Farm», einem Buch aus ihrer Kindheit, immer «Frühstücksbratwurst» gibt, kocht sie diese kurzerhand nach. Sie kann das: Nicoletti arbeitet heute nach Jobs als Köchin und Bäckerin wieder als Metzgerin.

In «Herr der Fliegen» von William Golding opfern die Jungen, die auf einer Insel stranden und ums Überleben kämpfen, einen Schweinskopf, um sich zu schützen. Nicolettis Kommentar dazu: «Dabei sind Schweinsköpfe eine Delikatesse.» Sie kocht Rollbraten vom Schweinskopf.

Aus «Moby Dick» hat sie ein Gericht stibitzt, das ans Meer erinnert: Ismael schwärmt in den ersten Kapiteln lange vom Chowder, dem Muscheleintopf, den er im Wirtshaus isst, bevor er auf Walfang geht. Andere Ideen von Nicoletti sind ein wenig verrückt: Nach der Lektüre von Homers «Odyssee» backt sie Rotweinbrot mit Rosmarin. Rotweinbrot!

«Yummy Books!» ist aber viel mehr als nur Kochbuch. Es ist eine Fundgrube an Lesetipps, auch neuerer Literatur. Die Schokolade-Cupcakes mit Pfefferminz-Buttercreme zum Beispiel klingen gut, aber noch besser, wenn man liest: «Nachdem Melissa ihn mit den Cupcakes gefügig gemacht hat, ist Chip ihren Avancen hilflos ausgeliefert.» Wer ist Melissa? Wer ist Chip? Die Antworten finden sich in Jonathan Franzens «Die Korrekturen». Vielleicht tischt man ja auch bald mal Crêpes mit brauner Butter auf. Das tut Amy in «Gone Girl» von Gillian Flynn auch, diesem Thriller, der mit Rosamunde Pike und Ben Affleck verfilmt worden ist. Man muss ja anschliessend nicht gleich mordend durchs Land ziehen.
Im anderen Jane-Austen-Roman im Buch, «Emma», führt die Autorin übrigens als Rezept «Das perfekte weich gekochte Ei» auf. Warum? «Ein weich gekochtes Ei ist leicht verdaulich», schrieb Jane Austen. Aber, auch das wusste Austen, trotzdem nicht ganz einfach zu kochen.

Ha! Da muss noch viel mehr Knoblauch her! (Bild aus „Yummy Books“, Cara Nicoletti, Verlag Suhrkamp)

Weisse Knoblauchsuppe (aus „Stolz und Vorurteil“)

Das Rezept stammt aus „Yummy Books!“.

Für 6-8 Personen

 20 Knoblauchzehen, geschält, 480 ml Vollmilch, 2 EL Olivenöl, 20 ungeschälte Knoblauchzehen, 2 EL Butter, 1 kleine weisse Zwiebel, grob gehackt, 5 Zweige Thymian, Blättchen abgezupft, 1 l Hühnerfond, 240 ml süsser Rahm, Salz, grob zerstossener schwarzer Pfeffer, 30 g Parmesan, frisch gerieben

 

Am Vorabend der Zubereitung (oder mindestens 4 Stunden im Voraus) die geschälten Knoblauchzehen in eine Schüssel legen, mit der Vollmilch übergiessen, so dass sie bedeckt sind, dann die Schüssel abdecken und in den Kühlschrank stellen. Das nimmt dem Knoblauch etwas von seiner leicht bitteren, intensiven Note. Nachdem der Knoblauch über Nacht in der Milch eingeweicht war, die Milch weggießen und die Knoblauchzehen aufbewahren.

 

Den Backofen auf 180 °C vorheizen.

 

Das Olivenöl mit den ungeschälten Knoblauchzehen in einen Bräter geben, den Deckel auflegen und 30-45 Minuten im Ofen rösten, bis sie eine kräftig goldbraune Färbung angenommen haben. Nach dem Rösten das weiche Innere behutsam aus den Schalen drücken.

 

Die Butter in einem grossen Suppentopf bei mittlerer bis niedriger Temperatur erhitzen. Die Zwiebel und den Thymian hinzufügen und etwa 8 Minuten anbraten, bis die Zwiebel glasig ist. Den Hühnerfond, den Rahm, den gerösteten Knoblauch und den eingeweichten rohen Knoblauch hinzufügen und auf mittlere Temperatur erhöhen. Sobald die Mischung leise zu köcheln beginnt, die Temperatur wieder senken und 5 Minuten simmern lassen.

 

Die Suppe vom Herd nehmen und etwa ein Drittel in den Mixer füllen. (Vorsicht! Von der heissen Suppe steigt Dampf auf, der in einem geschlossenen Mixbehälter keine Möglichkeit zum Entweichen hat, was zu einer heftigen Explosion führen kann, wenn Sie folgenden Tipp nicht beachten: Im Deckel Ihres Mixers sollte sich eine Einfüllöffnung befinden, die sich durch eine Art Hütchen oder einen kleinen Deckel verschließen lässt. Dieses Hütchen bzw. den kleinen Deckel entfernen und die Öffnung mit einem sauberen Geschirrtuch abdecken. Dadurch kann der Dampf entweichen, was verhindert, dass Ihnen die Suppe um die Ohren fliegt.)

Die Suppe portionsweise sehr fein pürieren. Durch ein feinmaschiges Sieb passieren, mit Salz und Pfeffer abschmecken, mit Parmesan bestreuen und servieren.

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