Die Berner Bierkulturschaffenden

In Amerika kann sich ja eine Brauerei von der Grösse von Feldschlösschen Mikrobrauerei nennen. Wenn aber eine Schweizer Brauerei sich Mikrobrauerei nennt, dann meint sie es auch so. Seit geraumer Zeit sorgen Berner Akteure dafür, dass «craft beer» vermehrt getrunken wird. Hier die wichtigsten Orte, Brauer und Zapfhahnen in Börn City:

Oli Vurchio, Biercafé Trappiste

Den Begriff «craft beer» mag Oli Vurchio eigentlich gar nicht mehr hören, für ihn hat ein gutes Bier «Leidenschaft, Passion und Familie zu tun. Und soll nicht primär gewinnorientiert sein», so Vurchio. Er machte im Dezember 2013 mit seiner Freundin Eliane Münger das Biercafé au Trappiste in der Rathausgasse auf. «Wir waren damals Vorreiter. Zehn solcher Bierbars wären für Bern zu viel», sagt der 39-Jährige. Im Trappiste bekommt man 110 internationale Biere, 6 davon im Offenausschank, und über die Hälfte der Karte wechselt. «Bern ist ein Mekka für Bier, wir sind viel weiter als Zürich», ist sich der ausgebildete Biersommelier sicher. Sein Lokal hat sich zum Treffpunkt für Bierliebhaberinnen und Bierliebhaber entwickelt, unter den Gästen seien auch die lokalen Brauer. «Die Jungs von Nine Brothers arbeiten sehr experimentell, das finde ich cool», sagt Vurchio. Und fügt an: «Blackwell aus Burgdorf macht eigene Hefe, das sind richtige Nerds und meine Götter.» Er findet es schade, dass viele Lokale in Bern auf Zürcher Produkte wie Turbinenbräu und Chopfab setzen anstatt ein lokales Felsenau ins Angebot zu nehmen. Am 25. September findet das «Santé – Bier von Frau zu Frau» statt, bei dem Eliane Münger und Nina Müller den belgischen Bierstil «Saison Bier» anderen Frauen näherbringen.

Die lokalen Brauer

In der Innenstadt zu brauen, kann sich praktisch niemand leisten. So gibt es eine Ansammlung an Mikrobrauereien in Bümpliz. Beispielweise Braukunst, Schuum im Stöckacker, Nine Brothers oder Fran Marcias von Maca, der witzigerweise tagsüber im Globus Wein verkauft, aber in seiner Freizeit Bier braut. Aber auch in der Gemeinde Köniz wird gebraut: 523, die ihre Brauerei auf die Registernummer der steuerpflichtigen Brauereien getauft haben. Oder Wabräu, die sich 2006 in der alten Gurtenbrauerei eingemietet haben und jeweils freitags zum Feierabendbier laden.

Pierre Dubler, Felsenau

Der 55-Jährige ist seit knapp sieben Jahren bei der Brauerei Felsenau, die von zwei Bernburger Familien in der fünften Generation geführt wird. Die Brauerei, die seit 1881 existiert, hat einen Schweizer Marktanteil von 0,6 Prozent, «etwas mehr in der Region Bern», so Pierre Dubler. Er macht Führungen durch den Betrieb mit zwei  Arbeitskollegen. «Felsenau ist auch eine Craft-Beer-Brauerei, schliesslich ist es das Handwerk und die Tradition», sagt Dubler. Er machte 2012 die Biersommelier-Ausbildung und ist heute Prüfungsexperte. Die Kurse seien in der deutschen Schweiz ausgebucht. Das Bier erlebe seit zehn Jahren einen massiven Schub, er denkt, dass dies noch vier bis fünf Jahre so weitergehen dürfte. Für Coop führt er Degustationen durch, wo er Erstaunliches erlebt: «Innerhalb von einem Jahr hat sich das Bierwissen bei den Konsumenten sehr verbessert.» Er selber kam vom Wein und merkte, dass das Bier von der Sensorik, den Gebieten und der Machart her genauso interessant ist wie Wein. «Bier gibt es wie Sand am Meer. Man muss – wie beim Wein – eine Geschichte dazu erzählen», ist er sich sicher. Er ist öfters in der Taube in der Rathausgasse anzutreffen, wo es ebenfalls eine grosse Auswahl an Bieren gibt. «Die Taube und das Biercafé Trappiste können gut nebeneinander existieren», weiss er. In seiner Freizeit organisiert er die Events Bier versus Wein. Die neuen Daten findest du hier. 

Matthias Kernen und Christoph Häni, Barbière

Bild: Michael Zingg

Im März 2014 wurde das Barbière am Breitenrainplatz eröffnet, und über 1000 Liter Bier wurden allein am ersten Abend verkauft, der Verkehr lahm gelegt und Bierliebhaber wurden glücklich. Das Lokal ist superbeliebt, nicht nur wegen des Gerstensafts, sondern auch fürs Mittagessen und für Kaffeepausen. Pro Woche brauen Christoph Häni und Matthias Kernen im Hinterzimmer des Lokals bis 1200 Liter Bier. Die Menge haben sie von anfänglichen 250 Littern gesteigert, dies dank des schrittweisen Ausbaus ihrer Brauerei. «Bisher haben wir über hundert verschiedene Biere gebraut, und unsere Biere sind eher leicht», so die Brauer. Brot, Kirschen, Mango, Pfeffer: Vieles ist schon in ihren Bieren gelandet, gerade brauen sie ein Chilibier. Nebst den eigenen Bieren gibt es auch weitere im Offenausschank: Wer sich zwischen den sieben Sorten nicht entscheiden kann, bekommt Beratung und einen Probierschluck. Wenn YB spielt, schenken sie das HoppY Boys aus. «Vor einer Partie werden alleine davon 300 Gläser getrunken», erzählt der 39-jährige Kernen. Für Häni (39) ist es auch das perfekte Bier: «Es ist ausgewogen. Hopfenanteil, Körper und die Bitterkeit stimmen.» Das Bier hätten sie einmal gebraut und seither nie mehr verändert. Auch hier werden Bierevents veranstaltet, beispielsweise das 7 Zwerge (Bier mit Häppchen, eine Zusammenarbeit mit der Brasserie Trois Dames), Bier versus Wein oder das Dîner aux 5 bières. Termine findest du hier.

Roland Graber, Craftbeer Gallery

Praktisch alle Berner Biere gibt es in der Craft Gallery in der Marktgasse. Der Geschäftsführer Roland Graber hat aber noch viel mehr Auswahl im Sortiment, um sie vorzustellen, spannt er mit dem Koch Rolf Caviezel zusammen. Ich habe im Juni den Event «Pairing» besucht und sechs Runden craft beer aus allen Ecken der Welt probiert, dazu haben wir Häppchen von Caviezel gegessen. Graber schafft es, auch Anfänger abzuholen, und beobachtet genau, welche Biere munden. Er sagt zu den vielen Brauereien: «Kleine müssen nicht per se gut sein, sowie grosse nicht per se schlecht sind. Grundsätzlich finde ich aber das Rare interessant.» Wer spontan Biere aus seinem Sortiment probiert, besucht die Abflugbar in der Gerechtigkeitsgasse. Neuer Termin: 20. Oktober.

Michelangelo Buccolo, Bierzzeria

Im Juni fand auf der Brache Warmbächli das Craftbeerfestival «Zapf!» statt. Die Berner Kleinstbrauereien mussten teilweise ihren ganzen Bestand zusammenkratzen, um überhaupt teilnehmen zu können. Die meisten Fässer waren auch schon um 20 Uhr ausverkauft, und dort traf ich auch wieder auf Michelangelo Bucolo (links vorne im Bild), der letztes Jahr beim Eigerplatz die Bierzzeria aufgemacht hat. Dort kombinieren sie Pizzas mit craft beer, am Zapf! waren sie ebenfalls für Pizzas zuständig. Ich kaufte für einen Freund als Geburtstagsgeschenk verschiedene Biere, und Bucolo wusste aus dem Stegreif, welche Pizza dazu passen würde. Beispielsweise zu einem Noemi von Braukunst würde er eine Margarita mit Mascarpone und Artischocken und geräuchertem Speck servieren. Die Bierzzeria macht nach der Sommerpause bedauerlicherweise nicht mehr auf. 

Toni Flükiger, Erzbierschof

Toni Flükiger ist der Pionier auf dem Platz Bern, wenn nicht in der Schweiz: Gestartet ist er 2011 in Liebefeld mit dem Erzbierschof . 2014 eröffnete er jeweils eine Filiale in Winterthur und Zürich, nur ein Jahr später in der Berner Postgasse. Im vergangenen Mai musste der gebürtige Emmentaler alle Bars schliessen. Er gilt jedoch in der craft-beer-Szene als Vorreiter und liess sich bereits 2006 zum Biersommelier ausbilden. Viele sagen, er sei Opfer des eigenen Erfolgs geworden. Als andere Biercafés aufmachten, seien die Leute nicht mehr in die Lokale des Erzbierschofs gegangen, weil diese nicht an bester Lage waren. Dennoch sind wir gespannt, ob und wie es bei ihm weitergeht.

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