Lesefutter

„Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens“: Hauptfigur Eva kauft den Mais für das Succotash bei einer alten Frau auf dem Markt – unter der Hand, es ist der beste in der Gegend. (Fotolia)

Die Gefahr, in einer Kritik über ein kulinarisches Buch mit kulinarischen Metaphern um sich zu werfen ist gross, vor allem, wenn die Lektüre eines Romans so ein Genuss ist wie bei „Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens“. Trotzdem muss man in diesem Fall versuchen, auf jubelnde küchensprachliche Vergleiche zu verzichten. Denn J. Ryan Stradal schreibt zwar über eine Köchin. Die Kapitel sind nach Spezialitäten benannt, die die Protagonisten herstellen, einem Schokoladenriegel, Paprikamarmelade oder Zander. Aber man würde diesem grossen Buch nicht gerecht werden, wenn man es auf einen Gastroroman reduzieren würde. Die spannende Geschichte der Eva Thorwald, die den absoluten Geschmackssin hat und eine der gefragtesten Köchinnen Nordamerikas wird, ist vielseitiger.

Denn im Erstlingswerk von J. Ryan Stradal, der in Minnesota, im Mittleren Westen der USA aufgewachsen ist, kommen viele Personen zu Wort, die nichts mit Essen und Küchen zu tun haben. Hauptfigur Eva ist immer nur Randerscheinung, erzählt wird die Geschichte aus anderen Perspektiven. Etwa jener von Cynthia Hargreaves, der Mutter von Eva, einer Weinsommelière, die Mann und Kind im Stich lässt und abhaut – nach Australien und überall dorthin, wo Reben besonders gut gedeihen.

Oder aus jener von Will Prager, der sich im ersten Highschooljahr in Eva verliebt. Die erwidert seine Gefühle halb, zumindest nimmt sie ihn zum Zanderfischen mit. Denn Evas richtig grosse Liebe, das stellt sich schnell heraus, ist das Kochen. Das zeigt sich noch deutlicher wenige Seiten weiter, als Eva wie auch Octavia, der dieses Kapitel gewidmet ist, das gleiche Gericht an eine Party bringen: Zuckermais-Succotash. Eva hat ihren Mais bei einer alten Frau auf dem Markt erstanden, die nur auf Anfrage verkauft, so speziell ist er.

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«Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens» ist die Geschichte einer Köchin und ihren Mitmenschen. Es ist aber auch eine Ode an die Familie, die schräg ist, unperfekt, oder gar nicht mehr da. Und ein Loblied auf Freunde, die man findet und wieder verliert, und Zufallsbekanntschaften, die ein ganzes Leben bestimmen können. Zwischen den Zeilen dieses «imposanten Meisterstücks» („The New York Times“) liegen Wehmut und Tapferkeit, und immer wieder: Liebe. Der Roman von Stradal, der kürzlich verlauten liess, er wolle Pat Prager, jene Figur mit den Schokoladeriegeln, eine eigene Geschichte widmen, erinnert an ein Fest, das gemächlich beginnt und zu einer rauschenden Party wird. Einem Fest, auf dem das Essen so gut ist, dass man nicht aufhören kann zu essen. Ein Fest, von dem man sich wünscht, es wäre nie zu Ende, und es genau deshalb nicht richtig geniessen kann, weil man weiss: Alles hat ein Ende, besonders die schönen Dinge im Leben.

Stradal überlässt dem Leser einige wenige Rezepte, jenes der französischen Zwiebelsuppe etwa oder Kraft-Karamellbrocken-Riegel. Zu kritisieren gibt es vielleicht überhaupt nur dies: der liederliche Umgang mit Kochanleitungen, oder eben das mickrige Einsetzen solcher. Mehr wäre schön gewesen. Wobei man vielleicht an dieser Stelle tatsächlich eine kulinarische Redensart anfügen muss: Rezepte machen den Braten auch nicht feiss. Das tut eine gute Geschichte. Wie diese.

„Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens“ von J. Ryan Stradal, mit sieben Rezepten, 432 S., Diogenes
Wie genau Stradal sein Buch geschrieben hat, erklärt er hier.

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„Der grosse Glander“: So etwa muss er aussehen, jedenfalls nach der Beschreibung von Autor Stevan Paul, der hier zu sehen ist. (Bild: www.mairisch.de)

Auch in „Der grosse Glander“ von Stevan Paul wird viel gegessen. Wobei sich die Hauptperson erst vom Künstler zum Koch mausern muss.

„Cabernet Sauvignon! Was riechen wir? Ich sag’s dir, Gustav: Cassis! Schon wieder Schwarze Johannisbeeren. Und gerösteten roten, ich sage roten, gerösteten Paprika. Etwas Vanille, einen Hauch von Zimt und Anis!“

Gustav Glander ist im New York der 1990er-Jahre ein Star – Sammler und Kritiker stürzen sich auf seine Eat-Art-Bilder, auf denen man Fleischstücke direkt aus dem Schlachthof sieht. Doch Erfolg bereitet Glander Unbehagen. Er taucht unter und viele, viele Jahre später wieder auf, um sich von einem Koch belehren zu lassen: „Da schwimmt noch ein Zweig Rosmarin, zwei Nadeln eher. Zack! Darunter kann man sich doch jetzt etwas vorstellen!“ Der erste Roman des Foodjournalisten Stevan Paul liest sich wie ein rasantes Roadmovie, das gar keines ist. Auch wenn der Journalist Gerd Möninghaus den Glander durch Deutschland und die halbe Schweiz jagt, erfolglos, dies sei hier noch vermerkt. Nein, die Geschichte von Gustav Glander, der im Allgäu geboren wird und nach New York und dann in den Untergrund auswandert, ist gar kein Roadmovie, eher ein nervöses Picknick, nervös in dem Sinne, dass man einfach nicht zur Ruhe kommt. Weil es bei diesem Picknick Unglaubliches zu essen gibt und zu trinken. Stevan Paul ist gelernter Koch und vermag Küchenszenen, von denen es in „Der grosse Glander“ einige gibt, so zu beschreiben, dass man die Kartoffeln, die „intensiv erdig-nussig nach Kartoffel schmecken» geradezu riecht und sich etwa sicher ist, dass einen der Duft des „schneeweissen rahmigen Pürees aus getrocknetem Kabeljau und winzigen Fenchelwürfeln in bitterscharfem Olivenöl“ in der Nase kitzelt.

Desarthe_Agnes_Mein-hungriges-HerzPaul hat ein leidenschaftliches Plädoyer fürs Kochen und alle Köche geschrieben. Und natürlich fürs Geniessen. So sollte das Buch auch gelesen werden: aufmerksam und mit Genuss. Vielleicht begleitet von einem Glas Cabernet Sauvignon.

„Der grosse Glander“ von Stevan Paul, 288 S., Mairisch-Verlag

 

81ehr6T1EULEs muss nicht immer etwas Neues sein: „Es muss nicht immer Kaviar sein“ erschien 1960 und ist wohl der Vater aller Kochrezept-Genuss-Romane, zumindest in deutschsprachiger Form. Der Österreicher Johannes Mario Simmel verpasste seinem Erfolgsbuch den Untertitel „Die tolldreisten Abenteuer und auserlesenen Kochrezepte des Geheimagenten wider Willen Thomas Lieven“ und führte darin einige Rezepte auf, etwa jene von Kaviar im Schlafrock oder Königsberger Klopse. Die Hauptfigur, ein Banker, hat eine Vorliebe für Frauen und das Kochen. Ein unwiderstehliches Rezept. Vom Roman gibt es übrigens auch zwei Kinofilme und eine Fernsehserie. (nk)

Thema: die zehn besten Romane übers Essen. Jean-Claude Izzo, Die Marseille Trilogie

Noir-Krimis aus Marseille, geschrieben von einem Marseiller durch und durch. Von einem, der diese unermüdliche, chaotische Stadt am Golfe du Lion verinnerlicht hat. Jean­ Claude Izzo, Autor und Journalist, ist mit seiner Marseille­-Trilogie in den 1990er-Jahren über Nacht weltberühmt geworden. Die drei Teile erzählen von Fabio Montale, Ex-Polizist und Alter Ego des Autors, der in diesem Schmelztiegel der Kulturen in mafiösen Kreisen ermittelt. Ein gesellschaftskritisches Buch, Literatur und Krimi zugleich. Und ein Buch über die Joie de vivre, in dem gekocht, gegessen, getrunken, gefeiert und geliebt wird. Eine Ode auch auf die mediterrane Küche. (mbu)

145_234_76_26Nach der Lektüre dieses Buches möchte man unbedingt nach Paris. Nicht um zu shoppen oder so, sondern um ein Lokal zu eröffnen, ein Bistro, ein Café, irgendwas. „Mein hungriges Herz“ von Agnes Desarthe (Verlag Droemer) hat dieses gewisse Etwas, diesen Stachel, der einen unmögliche Träume träumen lässt. Die Geschichte: Myriam, von ihrer Familie verstossen, eröffnet nach Jahren zielloser Wanderschaft in Paris ein kleines Lokal. Das Chez moi wird schnell zum Lieblingstreffpunkt des Viertels, und Myriam findet in ihren Nachbarn und Gästen eine neue Familie. Was dunkel beginnt, endet im Lichterschein eines Festessens. (nk)

51rXhyJOcIL__SX341_BO1,204,203,200_Zwei Frauen, zwei Leben: „Julie und Julia“ von Julie Powell (Verlag Goldmann) ist vielleicht der Kochroman. Er beschreibt Autorin Powells ehrgeizigen Versuch, in 365 Tagen 524 Rezepte der berühmten Fernsehköchin Julia Child nachzukochen und ihre Erfahrungen auf einem Blog festzuhalten. Die Parallelen der beiden Frauen: Beide kochen gern (und) gut, beide wollen Schriftstellerin werden. Die wahre Julia Child (1912– 2004) hat die amerikanische Kochkunst massgeblich beeinflusst. Falls das Buch schwierig aufzutreiben ist, einfach den Film schauen. Meryl Streep und Amy Adams als Julia und Julie: Immer wieder ein Genuss. (nk)

Und welche Bücher kennt ihr?

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