Die schöne Helene und Fleisch am Knochen

Eine Warteschlange an der Tür, brummendes Restaurant, voller Salon d’Or und dichtes Gedränge an der Bar – so präsentiert sich das Erdgeschoss des Casinos Bern an einem Donnerstagabend. Zum Apéro genehmigen sich die Besseresser an der Bar Felsenau-Bier(5 Fr.) und Champagner (14 Fr.). Dort können wir Barkeeperund Köche bei der Arbeit observieren. Viele Gäste sind bereits beim Hauptgang angelangt, denn sie dislozieren später in den oberen Stock fürs Konzert des Berner Symphonieorchesters. Musik gibt es auch im EG: Im Salon steht neu ein Klavier, womit unser Abend stilvoll startet.

Weiter geht es für uns am reservierten Tisch. An Abenden, an denen ein Kulturprogramm ansteht, ist eine Reservation essenziell. Nach netter Begrüssung bekommen wir die Tagesspezialitäten vorgetragen: Heute sind dies ein Wildspiess und ein Hirschhohrücken. Dennoch blicken wir kurz in die Karte, um das Angebot des Restaurants anzuschauen. Auf wenigen Seiten ist eine breite, kulinarisch spannende Auswahl gelistet. Die Besseresserin wählt als Vorspeise eine Entenleber-Variation (34 Fr.), die als Terrine, als Glace und als gebratene Leber serviert wird.

Die Kombinationen mit Uva-Americana-Traube und Quittenbeet lassen die Besseresserin vor Glück verstummen. Still ist es auch auf der anderen Tischseite: Vor dem Begleiter steht ein handgeschnittenes Rindstatar von der St. Peters­insel (28 Fr.) mit flambierter Kräuterbutter. Er ist ein Tatar-Kenner und klassifiziert es als bestes Tatar seines Lebens.

Bei der Hauptspeise bestellen wir den Hohrücken vom Hirsch (58 Fr. pro Person). Dieser wird am Tisch tranchiert. Die Teller sind feuerheiss, damit ein gemütliches Essen dennoch möglich ist. Auf einem Wagen kommt das Fleisch angerollt, und das Handwerk der Kellnerin wird schön in Szene gesetzt. Sie schneidet mit gekonnten Schnitten, legt die Tranchen auf die Teller. Etwas Fleisch bleibt am Knochen übrig, was sie sofort merkt und bis auf den letzten Rest nachschneidet. Dazu werden süsses Rotkraut, buttrige Pizokel, Champignons mit Speck und Jus kredenzt. Vom charmanten Sommelier bekommen wir den passenden Weintipp: einen Barbera d’Alba (51 Fr.), der uns vom ersten Schluck an begeistert.

Wir pausieren und drehen eine Runde im Lokal, gucken in die Showküche, wo bereits geputzt wird. Der Sushikoch filetiert für seine zwei letzten Gäste einen Fisch. Viele Tische sind für den nächsten Tag schon wieder gedeckt. Nach einer Verdauungszigarette geht es weiter: Je ein Dessert wäre zu viel, also teilen wir: Bei der Birne Helene (16 Fr.) – eine dekonstruierte Belle Hélène – schreibt uns der Kellner die Reihenfolge vor, da die Schokolade dermassen wuchtig daherkommt, dass die Birne gegen sie keine Chance gehabt hätte. Aber nicht nur die Schokolade wird lange an unserem Gaumen und in unseren Köpfen verbleiben.

Die Quittung

Auf dem Tisch: Nebst regionalen Produkten stehen auch Entenleber und Hummer oder Edles wie Wagyu und Angusbeef auf dem Menü.

Abgerechnet: Faire Preise für aufwendige und modern interpretierte Speisen.

Aufgefallen: Ob an der Bistrobar oder in der Showküche, ob Sushimaster, Barkeeper oder Kellner am Tisch – alle Mitglieder der Casino-Crew lassen sich gern beim Handwerk beobachten.

Abgefallen: Leert sich das Restaurant, spürt man am Fenster von unten einen leichten Durchzug.

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