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Wenn Pipelines in die Luft fliegen

Von Joachim Laukenmann, 1. Februar 2015 11 Kommentare »
Im letzten Jahrzehnt hat sich die Anzahl Anschläge auf die weltweite Energie-Infrastruktur fast 
verdreifacht. Diesen Trend zeigt die erste globale Datenbank solcher Angriffe - hier visualisiert auf einer interaktiven Karte.

 

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Anschlag auf eine ägyptische Pipeline, die Gas nach Israel und Jordanien liefert: 12. Juli 2011, Halbinsel Sinai. (Foto: AP/Key)

Es war ein heimtückischer Anschlag. Am 31. März 2011, wenige Wochen nach dem Reaktorunglück von Fukushima, ging die Briefbombe hoch. Ziel war Swissnuclear, die Lobbyorganisation der Schweizer AKW-Betreiber mit Sitz in Olten. Zwei Mitarbeiterinnen wurden verletzt.

Solche und andere Attentate auf Energie-Infrastrukturen und dort arbeitende Personen haben sich im letzten Jahrzehnt fast verdreifacht, berichten Forscher der ETH Zürich und des Paul-Scherrer-Instituts (PSI) in Villigen AG. Ereigneten sich zwischen 1980 und 2000 weltweit jährlich noch knapp 200 Anschläge von «gewalttätigen nicht staatlichen Tätern», etwa auf Pipelines, Stromkabel, Raffinerien, Kraftwerke, Öltanker oder dort beschäftigtes Personal, waren es seit 2000 im Mittel jährlich 540.

Diesen Trend nach oben zeigt die erste globale Datenbank über Angriffe auf Energie-Infrastrukturen (Eiad). Jennifer Giroux vom Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich hat sie in Zusammenarbeit mit Peter Burgherr und Matteo Spada vom Labor für Energiesystemanalyse des PSI in fünfjähriger Arbeit zusammengetragen. Bereits enthält Eiad mehr als 10’000 Einträge. Im Gegensatz zur Globalen Terrorismusdatenbank (GTD) von der University of Maryland in den USA enthält Eiad nicht nur terroristisch, sondern auch politisch, kriminell und anderweitig motivierte Angriffe.

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«Wie die Datenbank zeigt, konzentrieren sich die Anschläge im letzten Jahrzehnt auf Länder wie Kolumbien, Nigeria, Afghanistan, Pakistan, den Irak und den Jemen, um nur einige zu nennen», sagt Giroux. «In all diesen Ländern gab es mehr oder weniger starke Konflikte, bei denen gewalttätige Gruppen die Energie-Infrastruktur als Angriffspunkt genutzt haben.» Dieser Trend habe dazu geführt, dass fast die Hälfte des Risikos bei der Exploration fossiler Ressourcen heute von solchen Anschlägen ausgeht. Nicht staatliche Attentäter würden eine zunehmend bedeutende Rolle bei der Destabilisierung ganzer Länder und Geschäftszweige spielen, sagt Giroux.

Folgende Karte zeigt, wo zwischen 1980 und 2011 die meisten Anschläge passierten. Für die Vollbild-Ansicht klicken Sie bitte auf diesen Link.

Anmerkung: Es werden nur Anschläge gezeigt, die mittels Georeferenz eindeutig lokalisiert werden können. Bei einigen Einträgen in der Datenbank fehlt die Georeferenz.

Ein noch recht junger Trend ist die Zunahme rein krimineller Aktionen, etwa Öldiebstahl, Entführungen und das Kapern von Öltankern, um Lösegelder zu erpressen. Wie die Daten auch zeigen, häufen sich die Anschläge immer für einige Jahre in gewissen Weltregionen, bevor die Anschlagsserien dort wieder abflauen. Waren in den 1980er-Jahren vor allem südamerikanische Länder im Visier von Attentätern, verlagerten sich die Angriffe in den letzten Jahren mehr in den Nahen und Mittleren Osten.

Aber nicht nur in den Konfliktherden der Welt wird die Energie-Infrastruktur attackiert. Auch stabilere Länder wie die USA und ­Kanada werden gelegentlich ins Visier genommen. Im April 2013 etwa hat mindestens ein Scharfschütze ein Elektrizitätswerk in Kalifornien beschossen und 17 für das Stromnetz des Silicon Valley relevante Transformatoren ausser Betrieb gesetzt.

Bevorzugtes Ziel von Attentätern sind gemäss Eiad «lineare» Infrastrukturen wie Stromübertragungslinien und Pipelines. Denn diese verlaufen oft in abgelegenen Gegenden und lassen sich daher schlecht schützen. «Lokale» Anlagen wie Raffinerien und Kraftwerke sind leichter zu protektieren und werden daher seltener getroffen.

Meist wurden die Sektoren Strom (58 Prozent), Erdöl (34 Prozent) und Gas (7 Prozent) Ziel der Anschläge. Rund 70-mal war die Wasserkraft betroffen, 37-mal die Kernenergie im weitesten Sinne, was zusammen aber nur rund einem Prozent entspricht. Atten­tate auf die restlichen Sektoren – 
Biomasse, Geothermie, Sonne und Wind – sind zu vernachlässigen.

Bei rund 84 Prozent der erfolgreichen Attentate kamen Bomben zum Einsatz, gefolgt von Körperverletzung, Geiselnahme, Sabotage, Entführung, Mord und Diebstahl. Die verbleibenden Kategorien, zu denen auch Cyberattacken gehören, fielen mit insgesamt 0,5 Prozent kaum ins Gewicht.

Ein Grund dafür ist, dass in Eiad bisher nur Daten bis Ende 2011 erfasst sind und Cyber­attacken ein eher junges Phänomen sind. Auch der Angriff auf iranische Atomanlagen mit dem Computerwurm Stuxnet aus dem Jahr 2010 ist in Eiad nicht enthalten, da es sich vermutlich um einen staatlichen Angriff handelt. Eiad indes listet nur nicht staatliche Aktionen auf. Ohnehin sei es bei Cyberattacken generell schwierig, verlässliche Informationen zu bekommen, etwa über die Urheber. «Cyberangriffe auf Energie-Infrastruktur werden aber zu einem immer grösseren Problem», sagt Giroux. Denn auch damit liessen sich Stromleitungen, Pipelines und Anlagen treffen.

«Dank Eiad lässt sich die von nicht staatlichen Attentätern ausgehende Gefahr nun erstmals seriös beurteilen», sagt Giroux. «Regierungen, Wissenschaftler und Privatunternehmen könnten die öffentliche Datenbank nun nutzen.» Interessant ist die Liste der Anschläge zum Beispiel für Investoren: Eiad hilft abzuschätzen, in welchen Sektoren und in welchen Weltregionen Kapitalanlagen in die Energie-Infrastruktur besonders heikel sind. Rückversicherer benötigen die Daten, um Risiken abzuschätzen. Und Regierungen hilft Eiad bei der Prävention vor Anschlägen und bei der Analyse, welche Umstände solche Anschläge begünstigen und welche Muster zugrunde liegen.

Die Schweiz taucht neben dem Briefbombenanschlag auf Swissnuclear noch ein zweites Mal in Eiad auf: Am 25. September 1983 beschädigte eine Bombe einen Strommasten bei Wölflinswil im Aargau. Eine Gruppe ­namens «Coordination of anti-atomic power plant saboteurs» bekannte sich zum Anschlag.

11 Kommentare zu “Wenn Pipelines in die Luft fliegen”

  1. Juerg Schwaller sagt:

    Zum Glück kann in der Schweiz nichts passieren, unsere AKW’s sind, dank der Terroristenkartei des BND, den von den Energiekartellen grosszügig gesponsorten „Experten“ des ENSI und der vom Zentralkomitee verordneten Omertà absolut sicher.

  2. gabi Bossert sagt:

    Habgier und Frieden, Die schliessen sich einander aus.

    Erich Fromm

  3. mengold sagt:

    …und wir mühen uns damit ab, möglichst wenig CO2 auszustossen…….sysiphus lässt grüssen.

    • Ronnie König sagt:

      Sie haben völlig recht! Es spielt auch keine Rolle ob indonesisches Palmöl in ihrem Haarshampoo ist, der Thunfisch vernünftig gefangen wurde, oder ob es Einwanderungsgesetze gibt, Geschwindigkeitsbegrenzungen oder eine MEI-Initiative. Weiter brauchen wir keine Pässe oder Armeen, alles nur komische Kostenfaktoren. Rufen wir doch gleich Anarchie und Gesetz des Stärksten aus und fügen uns bei einem Freibierli.

      • Joe sagt:

        @König: Naja. Jeder, der für seinen Youngtimer der in der Garage steht überissene Ökoabgaben bezahlen muss, kömmt sich schon blöd vor wenn andere aus lauter ideologischer Verblendung tausende von Kubikmeter Gas und Öl sinnlos verbrennen.
        Wieso wird einer Familie der Urlaub am Meer verunmöglicht, wenn gleichzeitig andernorts Kohleflötze verbrennen und mehr CO2 ausstossen als der Gesamte US-Autoverkehr in einem Jahr? Wieso soll ich jeden Tag doppelt so viel Zeit für meinen Arbeitsweg aufbringen, um ein paar Gramm CO2 zu “sparen” wenn tausende von Politikern, Funktionären und Journalisten in First- und Business-Class oder sogar Privatjet’s zu “Umweltkonferenzen” ohne Ergebnis um die Welt Jetten?
        Solche Fragen haben nichts mit Anarchie zu tun. Sondern damit, dass sich so mancher Normalo ziemlich vera… vorkommt.

  4. Louis Odermatt sagt:

    Genau deshalb sind eben AKW auch sehr angriffssichere Stromproduktionsanlagen in unserer Zeit: Sie sind äusserst massiv gebaut, sind als Einzelanlagen kleiner Ausdehnung gegen Angriffe bestens geschützt und versorgen sich auch bei Ausfall der äusseren Infrastruktur selber. Nach einem Ausfall von Netzteilen können sie zudem mit ihrer grossen Rotationsmasse auch das E-Netz wieder im 50 Hz Bereich stabilisieren.

    • sepp z. sagt:

      Odermatt, wenn ein Flugzeug auf ein AKW fliegt, dann ist die Stabilisierung des Netzes auf 50Hz durch die grosse Rotationsmasse Ihre geringeste Sorge…

    • Adrian Heid sagt:

      Die AKWs sind sehr einfach anzugreifen. Mit einem Kaliber 50 BMG mit Wolframspitze/Uranmunition oder einer Panzerfaust können sie die Betonmauer durchschlagen. Bein Mühleberg ist die dünnste Schicht nur 15cm dünn. Und der Kessel weist schon lange massive Risse auf, Sicher ist etwas anderes.
      Magnetmotoren für mich die kommende Energiequelle, die sind Sicher.

      • Ronnie König sagt:

        Herr Odermatt, das sind nur Wunschträume ihrerseits! Dezentrale Energieproduktion wäre eigentlich der unschlagbare Trumpf. Aber nicht nur. Alles läuft aus ideologischen Gründen via Computer und Grossprojekt, damit Macht und Gewinn garantiert erhalten bleiben. Eine ausserordentliche Schwäche wollen die Verantwortlichen nie sehen. Schon gar nicht die Verantwortung die damit einhergeht! Nicht nur Fukushima, Chevron und Co. lassen grüssen. Man denke an IS oder Wahabiten mit Geldsack, oder gewisse Amis (Rumsfeld etc.) oder Putin. Da ist mir die Rendite meiner PK letztlich völlig egal, wenn ich an andere Rechnungen die uns dereinst präsentiert werden denke.

    • Louis Odermatt sagt:

      Ich bleibe dabei AKWs sind sehr, sehr gut geschützt. Selbst Mühleberg hat neben der äusseren Hülle einen inneren Betonmantel von fast 2 m Wandstärke. Deshalb sind auch der Beschuss mit panzerbrechender Munition nur mit kleiner Wahrscheinlichkeit “erfolgreich”. Dasselbe gilt für den Flugzeugangriff. Es ist fast unmöglich, die schwächste Stelle eines AKW mit grosser Geschwindigkeit im richtigen Winkel zu treffen. Bei den allermeisten Treffern wird es einen riesigen Brand geben und die Zerstörung von einiger Infrastruktur – aber nicht mehr. Und selbst wenn Flugzeugteile ins Innere vordringen, selbst dann gibt es noch viel Spielraum für Gegenmassnahmen – das Kernschmelzszenarium ist dann immer noch sehr weit weg. AKWs sind einfach die bestgeschützteste Energieproduktionshardware..

  5. Ronnie König sagt:

    Wem gehört die Energie, wem nützt sie und wer bezahlt wofür oder eben auch nicht? Solange diese Fragen nicht ganz klar und die Betroffenen nicht eindeutige und ehrliche Antworten bekommen, ist mit einem weiteren Anstieg zu rechnen. Rohstoffe sind meist mehr Fluch als Segen für das Gros aller Menschen auf der Erde, aber für wenige Quelle immensen Reichtums. Meint auch Schäden für die Massen, Geld für wenige. Mehr Transparenz, aber auch Gerechtigkeit und Umweltschutz würden ein manches Problem reduzieren, jedoch als Nebeneffekt auch ein bewussteres Nutzen bewirken. Analog dazu das Thema Wasser, aber auch Arbeit oder Essen. Wer Wachstum hinterfragt, der sieht viele Zusammenhänge. Einerseits Gutes, dann aber auch die Nebenwirkung. Die Zeit drängt mehr denn je. Für die einen um unendlich mächtig und reich zu werden, die andere Seite um zu überleben oder Besitzstand zu wahren. Und jeder schreit zuerst einmal: Das gehört mir! Diesen Punkt klärt man nie zuerst, darum muss immer später erbittert gekämpft werden. Ob Klagen, Attentate, Kriege/Terror. Dabei wäre es andersrum billiger und gerechter. Wohl auch wesentlich friedlicher. Und gerade dem Terror würde ein wichtiger Geldhahn zugedreht, wenn man denn wirklich wollte. Aber eben, die liebe Macht und das liebe Geld!