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12 Zentimeter in 2 Jahrhunderten

Von Luca De Carli, 4. Oktober 2014 Kommentarfunktion geschlossen
Die Entwicklung der Menschheit seit 1820: Erstmals wurden in einer Studie langfristige Trends zur weltweiten Lebensqualität erfasst. Die interessantesten Grafiken dazu.

Wie war das Leben früher, und wie hat es sich entwickelt? Diese Frage hat die OECD einem Expertenteam gestellt. Eine neue Studie, die Anfang Oktober veröffentlicht wurde, erfasst systematisch die Lebensqualität der Menschheit seit dem Jahr 1820. Daten aus zwei Jahrhunderten und aus allen Ecken der Welt wurden zusammengetragen. Die erstaunliche Erkenntnis: Die Menschheit lebt in grossen Teilen der Welt besser, und die Unterschiede sind kleiner, als es der blosse Vergleich des Bruttoinlandprodukts vermuten lässt.

Doch über diesen Grundbefund hinaus wurde für die Studie auch eine Fülle von Einzelgrafiken produziert. Eine Auswahl:

 

Als die Europäer noch klein waren

 

Europäer sind gross, Asiaten klein. Dieses Bild hat sich in die Köpfe der heutigen Menschen eingebrannt. Umso erstaunlicher ist, dass die Menschen vor 200 Jahren im Durchschnitt weltweit fast gleich gross waren, wie die Auswertung aus dem Bericht der OECD zeigt. Noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts waren Menschen im ostasiatischen Raum im Schnitt sogar grösser als Westeuropäer:

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts schossen die Europäer aber in die Höhe (plus 12 Zentimeter bis Ende der 1980er Jahre). Es ist die Zeit, in der der Wohlfahrtsstaat sich zu entwickeln beginnt. Am markantesten waren die weltweiten Grössenunterschiede in den 1940er- und 50er-Jahren. Seit den 1980er-Jahren nehmen die Unterschiede wieder ab. Die einzige Weltregion, in der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Menschen kleiner wurden, ist das südliche Afrika. Es ist auch die einzige Region, die in dieser Zeit einen Rückgang des Bruttoinlandprodukts pro Kopf hinnehmen musste. Für die Entwicklung der Körpergrösse gilt demnach im Grundsatz: Je reicher ein Land, desto grösser seine Bewohner.

 

Mord und Reichtum

 

Dass der Zusammenhang zwischen höherem Einkommen und besserer Lebensqualität nicht immer gilt, zeigt eine andere Grafik aus der Studie: Einer der Faktoren, die die OECD zur Messung der Lebensqualität heranzieht, ist das persönliche Sicherheitsempfinden der Menschen. Dieses zu messen, ist schwierig. In der Studie wurde die Entwicklung der Mordrate herangezogen – auch weil Mord im Unterschied zu anderen Taten weltweit als Verbrechen eingestuft wird und die Daten somit noch am ehesten vergleichbar sind:

Die Auswertung ergibt, dass die westeuropäische Gesellschaft schon im 19. Jahrhundert relativ friedlich war. Die Mordraten waren und sind tief, was auch für Asien gilt. Ganz anders in den USA: Hier ist die Mordrate nicht nur traditionell viel höher als in Europa, sie stieg in der Boomphase nach dem Zweiten Weltkrieg auch noch an. Die Mordhochburgen der heutigen Welt liegen in Lateinamerika und Osteuropa.

 

Was sich ein Arbeiter leisten kann

 

Eine der Grafiken, die die Verbesserung des Lebenssituation der Weltbevölkerungen am eindrücklichsten aufzeigen, ist jene zur Entwicklung der Reallöhne. Für die Studie wurde ein Warenkorb definiert, der sich aus dem absolut Minimalen zusammensetzt, das ein Mensch zum Überleben braucht. Dann wurde verglichen, wie viele dieser Warenkörbe sich ein ungelernter Arbeiter von einem Tageslohn leisten konnte:

Der Lohn eines einfachen Arbeiters ist demnach im weltweiten Durchschnitt seit 1820 um das Achtfache gestiegen. Die Unterschiede zwischen den Weltregionen sind gewaltig: In Westeuropa kann sich ein Arbeiter heute 13-mal mehr leisten als vor zwei Jahrhunderten, im südlichen Afrika nur 6-mal mehr. Doch klar verbessert hat sich die Situation überall auf der Welt.

Was nicht bedeutet, dass die Ungleichheit kleiner geworden ist: Nachdem sich die Einkommensschere bis 1970 etwas geschlossen hatte, öffnete sie sich seither wieder.

 

Bildung für fast alle

 

Der einfache Arbeiter repräsentiert in vielen Weltgegenden allerdings nicht mehr die Mehrheit der Bevölkerung. Der Bildungsgrad der Weltbevölkerung hat sich in den letzten 200 Jahren massiv verbessert:

1870 verfügte nur ein knappes Viertel der Weltbevölkerung zumindest über eine minimale Schulbildung. Im gegenwärtigen Jahrzehnt ist dieser Wert auf über 80 Prozent angestiegen. Selbst im südlichen Afrika oder in Südostasien können heute mehr als zwei Drittel der über 15-Jährigen lesen.

 

Das Leben dauert 40 Jahre länger

 

Mit dem weltweit steigenden Wohlstand, der besseren medizinischen Versorgung und der höheren Bildung ist auch die Lebenserwartung stark angestiegen. 1880 betrug die Lebenserwartung knapp 30 Jahre, heute beträgt sie beinahe 70 Jahre.

Auch in dieser Statistik öffnen sich Gräben zwischen den einzelnen Weltregionen. Fortschritte werden aber fast überall erzielt. Gemäss der OECD dank der verbesserten Gesundheitsversorgung sogar in Gegenden, in denen die wirtschaftliche Entwicklung stagniert.

Eine interaktive Grafik mit den gesamten Daten der Studie sowie der Möglichkeit, die Daten nach Ländern zu filtern, finden Sie hier.