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Drei Flugzeugkatastrophen in acht Tagen – alles nur Zufall?

Von Luca De Carli, 26. Juli 2014 19 Kommentare »
Die Zivilluftfahrt erlebte eine schwarze Woche. Sind mehrere Abstürze in so kurzer Zeit bloss ein unglaublicher Zufall? Die Statistiken liefern erstaunliche Antworten.

TAIWAN-AVIATION-ACCIDENT

Taiwans schlimmstes Flugzeugunglück seit Jahren: Beim Absturz einer Maschine der Airline Transasia kamen 48 von 58 Menschen an Bord um. (Bild: AFP)

Am 17. Juli explodierte die Boeing der Malaysia Airlines über der Ukraine. Der Abschuss durch eine Rakete war der Auftakt zu einer katastrophalen Woche für die Zivilluftfahrt. Sechs Tage später stürzte in Taiwan eine weitere Maschine ab und am Tag darauf eine dritte in Mali. Die Bilanz: 462 Tote in acht Tagen.

Wie Harro Ranter, Direktor des Aviation Safety Network, das eine Datenbank über Flugzeugunglücke führt, sagt, ist eine solche Häufung von Abstürzen nicht unüblich. Für die BBC hat er die Daten seit 1990 bis heute ausgewertet. Demnach gab es in diesem Zeitraum 45 Tage, an denen zwei oder mehr Flugzeuge verunfallt waren – ohne Kollisionen. Gezählt werden zudem nur Flüge mit mindestens 14 Passagieren. In 105 Fällen kam es zu mehreren Unfällen an aufeinanderfolgenden Tagen.

Die BBC zitiert weiter zwei Statistikprofessoren: Arnold Barnett vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) und David Spiegelhalter von der Cambridge University. Spiegelhalter hat ausgerechnet, dass es mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent innerhalb von zehn Jahren zu einer Anhäufung von Unfällen wie jetzt im Juli 2014 kommt. Die wahrscheinlichste Höchstzahl in einer Periode von acht Tagen seien drei Abstürze.

Laut Barnett sind solche Absturzserien in der Regel rein zufällig – abgesehen davon, dass es zu gewissen Jahreszeiten wegen Wetterphänomenen wie Gewittern oder Wirbelstürmen Häufungen geben könne. Er weist aber auch auf ein statistisches Phänomen hin, welches dazu führt, dass kürzere Intervalle zwischen zwei Unfällen tendenziell etwas häufiger sind als längere. Er erklärt es an einem Beispiel: Angenommen, es passiert durchschnittlich ein Absturz pro Jahr, beträgt die Wahrscheinlichkeit an jedem einzelnen Tag 1 zu 365.  Stürzt am Tag 1 ein Flugzeug ab, beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass der nächste Absturz ausgerechnet an Tag 2 passiert, 1 zu 365. Für Tag 3 beträgt die Wahrscheinlichkeit jedoch nur (364/365) x (1/365) und so weiter.

Weniger Abstürze, mehr Tote

Genauso wie es zu Häufungen von Abstürzen kommt, gibt es längere Perioden ohne Vorfälle. Insgesamt ist es in diesem Jahr zudem erst zu 12 Unfällen mit Grossflugzeugen (mindestens 14 Passagiere) gekommen. Das ist im Langzeitvergleich wenig.

Bezüglich der Anzahl Toten ist heuer jedoch ein schwarzes Jahr. Mit total 761 Opfern übertrifft 2014 bereits nach knapp sieben Monaten die drei letzten Jahre.

Unsicherer geworden ist die Luftfahrt allerdings nicht. Die Zahl der Flugbewegungen steigt und steigt. Inzwischen nutzen laut dem internationalen Airline-Verband Iata weltweit rund drei Milliarden Menschen pro Jahr ein Flugzeug. Täglich würden acht Millionen Menschen transportiert. Die UNO-Organisation für Zivilluftfahrt (Icao) schätzt in ihrem jüngsten Bericht, dass 2013 rund 32,1 Millionen Flüge durchgeführt wurden. Trotzdem weist die absolute Zahl der Unfälle und Toten seit Jahren eine sinkende Tendenz auf.

Im Verhältnis zur Zahl der durchgeführten Flüge wurde 2013 gar ein Tiefstwert erreicht. Gemäss Icao kamen auf eine Million Flüge lediglich 2,8 Unfälle. Gezählt wurden in dieser Statistik auch Unfälle ohne Todesfolge.

Entweder sterben fast alle oder fast niemand

Gemäss einer Untersuchung der US-Verkehrsbehörde besteht bei den meisten Flugzeugabstürzen eine sehr hohe Überlebenschance. Sie hat Vorfälle bei US-Airlines zwischen 1980 und dem Jahr 2000 ausgewertet. Insgesamt waren es 568. Bei 528 Unfällen betrug die Überlebensrate zwischen 80 und 100 Prozent der Passagiere. Bei einer deutlich kleineren Zahl von Abstürzen starben dafür praktisch alle Menschen an Bord. Die Zwischenvarianten kamen kaum vor.

Die Sicherheitsunterschiede zwischen den einzelnen Weltregionen sind jedoch beträchtlich, wie ein Bericht von 2013 zeigt: Die britische Luftfahrtbehörde hat für den Zeitraum 2002 bis 2011 die Anzahl Abstürze mit Todesfolge nach Herkunft der Airlines aufgeschlüsselt. Weltweit kam es demnach zu 0,3 tödlichen Unfällen pro Million Flüge. Von Fluggesellschaften aus der EU und Nordamerika wurde dieser Wert mit jeweils 0,1 sogar noch unterboten. Massiv schlechter ist dagegen die Sicherheit bei afrikanischen Airlines. Hier ist die Wahrscheinlichkeit, in einen tödlichen Absturz verwickelt zu werden, 50-mal grösser.

Berücksichtigt man dagegen statt der Herkunft der Airlines nur den geografischen Ort eines Absturzes, so liegt Europa an der Spitze. Hier ereigneten sich seit 1945 die meisten Unfälle mit den meisten Toten:

Auch der Schauplatz der grössten Flugzeugkatastrophe aller Zeiten liegt in Europa. 1977 kollidierten auf dem Flughafen von Teneriffa zwei Jumbojets. 583 Menschen kamen dabei ums Leben.

19 Kommentare zu “Drei Flugzeugkatastrophen in acht Tagen – alles nur Zufall?”

  1. Auf der Liste der grössten Katastrophen fehlt der Unfall über dem Bodensee. Da sind auch zwei Flugzeuge zusammengestossen mit nachträglichem Drama.

  2. Gerber sagt:

    Natürlich ist das statistisch alles richtig, jedoch bleibe ich dabei: Es ist kein Verkehrsmittel so anfällig für terroristische Anschläge wie das Flugzeug. Punkt. Schluss.

  3. Martin Krantz sagt:

    Fliegen ist zurzeit immer noch zu billig!!! Heute fliegt Hinz und Kuntz. Ich hoffe in Zukunft kostet ein Flug von Zürich nach Berlin 30’000.-. Und ein Flug nach New York 300.000.-!!

  4. Aebischer F. sagt:

    Selbst wenn in einer Woche 10 Flugzeuge abstürzen, könnte das ohne Probleme Zufall sein (vorausgesetzt, die Flugzeuge werden nicht von Terroristen in einer geplanten Aktion zum Absturz gebracht). Das ist nüchterne Mathematik.

  5. Ike Conix sagt:

    Teneriffa ist wohl Teil von Spanien, liegt aber topographisch in Afrika und nicht in Europa. Bei Französisch-Guayana würde wohl auch niemand behaupten, das sei Europa (es gibt sogar solche, die zählen nicht mal die Schweiz zu Europa).

  6. Peter sagt:

    Der “Abschuss durch eine Rakete” betreffend MH17 sollte wohl der “vermutete” sein.

  7. Gilles Goodmann sagt:

    Tragische Gleichzeitigkeit, Ukraine und Tel Aviv, aber das wäre der SuperGAU für den internationalen Flugverkehr, wenn militante Gruppen wie die russischen Separatisten, die Tschetschenen, die Hamas, die Hisbollah, Prokol Haram, Taliban, Isis,
    Muslimbrüder, al-Kaida, al- Nusra und Weitere einfach so Passagierflugzeuge vom Himmel pflücken könnten.
    Das wäre das Ende der Luftfahrt, aber leider gibt es immer Spinner.

  8. willibald sagt:

    900 (T)Euro ist für spanische Verhältnisse (sogar für die Luftfahrt!) ein guter Lohn. Millionen von Spaniern verdienen weniger….

  9. erwin sigrist sagt:

    Es gibt weltweit gemäss UNO-Statistik ca 4000 Tote PRO TAG im Strassenverkehr. Dort stellt sich die Frage auch nicht…

  10. Axel Reichelt sagt:

    Der Artikel wird dadurch ad absurdum geführt,dass seit heute Swiss (und andere) wieder Tel Aviv anfliegen.
    Das nächste Unglück wird somit provoziert und der Tod der Passagiere billigend in Kauf genommen.

  11. Peter Schilter sagt:

    Alles nur Zufall? Was für eine blöde Frage, nachdem ein Flugzeug ABGESCHOSSEN wurde.

  12. Daniel Vincent Drevenstedt sagt:

    Wie unverfroren muss man sein, den Tod etlicher Menschen auch noch in einer sterilen Statistik darzustellen? Ich bin erschüttert ob solcher “Pressefreiheit”. Wir wissen schon längst, dass immer wieder etwas schief läuft, aber Statistiken? Dies ist menschenunwürdig. Punkt!

    • Fabio Baumann sagt:

      Zum Glück gibt es solche Statistiken. Wie sonst soll die Sicherheit erhöht werden, wenn keine Untersuchungen zu Unfällen gemacht werden darf. Des Weiteren zeigt diese Statistik auf wie sicher das Fliegen heutzutage ist.
      Die Statistik über Flugunfälle nach Airline-Herkunft ist für mich als Passagier absolut von Interesse.
      Danke, Tagi!

    • Patricia Lüönd sagt:

      Schon im Flim “Rain-Man” mit Dustin Hoffman und Tom Cruis begründet Dustin Hoffman mit dem Zitieren von Flugunfall-Statistiken warum er nicht in einen Flieger steigt…und so muss Tom Cruis mit ihm die Reise mit dem Privatwagen antreten…ja es geht um Menschen…und den Abschuss einer Zivilmaschine ist zu verurteilen…aber es sind Statistiken die einfach auf Zahlen beruhen…

    • Daniel Vincent Drevenstedt sagt:

      Werter Herr Baumann. Ich verstehe Sie vollends. Es macht mir bloss Muhe verstorbene Menschen in Strichrastern festzustellen. Klare Zahlen würden mich viel bedenklicher stimmen, denn jedes Menschenleben zählt.
      Danke für Ihr Verständnis

  13. Renato Stiefenhofer sagt:

    Ja. Zufall. Es ist aber ein Glück, dass vorher nicht schon mehr passiert ist. Zu diesem Glück haben viele Menschen in der Berufsfliegerei, vom Mechaniker bis zum Kapitän durch exaktes und seriöses Arbeiten sehr viel beigetragen.

  14. Jutzi sagt:

    Es wird wieder zu mehr Unfällen kommen weil die Cockpits mit Amateuren und möchte gern Piloten besetzt werden. Es kann wohl ja niemand im Ernst einen Job als Pilot machen der weniger als 900 Euro im Monat zahlt – Wie es beim letzten Unfall über Afrika der Fall war.

    • Rolf Raess sagt:

      Seit Reagan und seine Neocons in den 80er Jahren – unter dem Motto “free enterprise” alle Beschränkungen aufhoben, im Luftverkehr und den Piloten die Löhne um 50% kürzten. oder die Regulierung der Banken etc. und damit den Casino-Kapitalismus einläuteten – wäre es nicht verwunderlich, dass mehr Unglücke im Luftverkehr passieren. Dank technischem Fortschritt sind nach publizierter Statistik eher weniger Tote zu beklagen. Wieviele wären es, wenn alle Piloten wieder ausreichend bezahlt würden und die Ticketpreise etwas angehoben würden?