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Schweizer «Tatort»? Da zappt der Deutsche weg

Von Philippe Zweifel, 10. Juni 2014 Kommentarfunktion geschlossen
Der «Tatort» geht in die Sommerpause – Zeit für einen Quotenrückblick: Welche Teams ziehen in der Schweiz, welche in Deutschland?
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Hier ist der überstrapazierte Begriff für einmal angebracht: Der «Tatort» ist Kult. Seit über 40 Jahren gibt es die Krimiserie, gerade wieder steht sie hoch im Kurs; in Berlin wie Zürich zeigen Bars und Cafés die Sendung als Public-Viewing-Anlass, und eben erst widmete der «Spiegel» der Serie eine Titelgeschichte. Philosophen fasziniert die Serie genauso wie Arbeiter und Akademiker, Teenager und Rentner.

Was einen gelungenen «Tatort» ausmacht, darüber streiten sich die Zuschauer freilich. Was man hingegen feststellen kann, sind die Einschaltquoten – und genau das haben wir für die ablaufende «Tatort»-Saison getan. Hier die Quoten für die Schweiz:

Wenig überraschend, verzeichnet das Schweizer «Tatort»-Team Flückiger/Ritschard aus Luzern den höchsten Marktanteil, gefolgt von den Münsteraner «Tatort»-Clowns Thiel und Boerne. Auf dem dritten Rang landet das Bodensee-Team Blum/Perlmann. Dass die beiden so weit oben liegen, muss mit der regionalen Nähe zu tun haben – in Deutschland sind sie deutlich weniger beliebt (siehe unten). Überhaupt zeigen sich bemerkenswerte Unterschiede zwischen den Präferenzen der Schweizer und der Deutschen. Die jungen Ermittler Funck/Schaffert/Grewel aus Erfurt liegen bei uns auf dem vierten Platz, während sie in Deutschland auf dem drittletzten Rang darben. Umgekehrt verhält es sich mit Nik Tschiller alias Til Schweiger: In der Schweiz ein Flop, in Deutschland top.

Die beiden österreichischen «Tatort»-Beiträge finden sich in der Schweizer Statistik weit abgeschlagen. Auffallend ist auch, dass der traumatisierte Dortmunder Kommissar Faber, der über mehrere Folgen hinweg am unaufgeklärten Mord seiner Tochter und seiner Frau ermittelt, bei den Zuschauern durchfällt. Diese horizontale Erzählweise wird offenbar nicht goutiert. In Deutschland sind die Quoten von Faber ähnlich mies. Doch interessanterweise kommt Faber bei den TV-Kritikern gut weg. Er erinnert so an den abgesetzten Hamburger Undercover-Kommissar Cenk Batu, der trotz guter Kritiken wegen zu tiefer Einschaltquoten durch Nick Tschiller ersetzt worden ist.

Schauen wir uns die deutschen Einschaltquoten genauer an:

Was an der deutschen Statistik frappant ist, ist das schlechte Abschneiden der Schweizer Beiträge. Die beiden Folgen zusammengerechnet, landet das Schweizer Team in der Gunst der deutschen TV-Zuschauer auf dem letzten Platz, zusammen mit den Dortmundern. In der vorhergehenden Saison sah das Bild gleich aus. Dass man in Deutschland nicht an ausländischen Fällen interessiert ist – damit lässt sich die Schmach allerdings nicht erklären. Die beiden österreichischen «Tatort»-Folgen schnitten gut bzw. mittelmässig ab. Damit wäre die Diskussion eröffnet: Was machen wir falsch? Liegts an der Synchronfassung, die in Deutschland zu sehen ist? Sollte man untertiteln? Oder ist der Kommissar das Problem – hat er zu wenig Ecken und Kanten, ist er zu wenig traumatisiert?

Natürlich ist die Quote nicht nur vom Kommissarenteam abhängig, sondern auch vom jeweiligen Drehbuch. Ist der Fall mau, zappen die Leute weg. Es folgen deshalb Statistiken zu den einzelnen Folgen. Der Luzerner «Tatort» «Geburtstagskind», in dem eine 14-Jährige tot im Wald liegt und der drogensüchtige Vater und der frömmelnde Stiefvater verdächtigt werden, weist in der Schweiz die Rekordquote von 520’661 Zuschauern bzw. einen Marktanteil von 31,9 Prozent auf. Die zweite Schweizer Produktion der Saison 2013/2014 liegt auf Rang drei. Davor sind die Münsteraner mit der Folge «Die chinesische Prinzessin».

In Deutschland wiederum liegen die Schweizer, wie gesagt, weit hinten. Konkret: Die letzte Luzerner Folge «Zwischen zwei Welten» ist das Schlusslicht, «Geburtstagskind» liegt an fünftletzter Stelle – obwohl die Folge die «Tatort»-Saison eröffnet hat. Apropos: Im September ist die Sommerpause vorbei. Mal schauen, was sich Flückiger im Kampf gegen das Quotentief einfallen lässt.