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Wem der Schweizer Franken dient

Von Simon Schmid, 23. März 2014 14 Kommentare »
Die Stadt Paris tut es und auch die russische Sberbank: Schulden aufnehmen in Schweizer Franken. Finanzdaten zeigen, wo die helvetische Währung am meisten verbreitet ist.
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Beim Stichwort «Datenjournalismus» kommt einem Wirtschaftsjournalisten manchmal das Schmunzeln. Praktisch jede Story in diesem Ressort beruht auf Daten, das Stöbern in Finanzkennzahlen und Wirtschaftsdaten gehört zum Alltagsgeschäft.

Aus Finanzterminals lässt sich beispielsweise ablesen, wann ein Staat oder ein Unternehmen eine Anleihe platziert hat – wie viel Geld zu welchen Konditionen aufgenommen wurde und in welcher Währung ein Anleihengeschäft lautet. Gefiltert nach dem Kriterium «Schweizer Franken» zeigt sich aktuell folgendes Bild:

Privatgesellschaften in der Schweiz haben demnach Anleihen im Volumen von rund 200 Milliarden Franken ausstehend, der Staat rund 130 Milliarden Franken. Im Vergleich dazu listet die offizielle Statistik des BFS Staatsschulden für die Schweiz im Umfang von rund 210 Milliarden Franken auf. Dieser Betrag ist grösser, weil nicht alle Schulden von Bund, Kantonen, Gemeinden und Sozialversicherungen über den Kapitalmarkt laufen.

Weil die Zinsen auf Schulden in Schweizer Franken tief sind, ist die helvetische Währung als Finanzwährung begehrt. Auch das Ausland nutzt sie zur Finanzierung über den Kapitalmarkt. Besonders ausländische Gesellschaften haben ein grosses Volumen von Anleihen in Franken ausstehend. Die grosse Aufschlüsselung zeigt, in welchen Ländern diese Gesellschaften domiziliert sind:

 

Auffällig gross ist das Volumen beispielsweise im staatlichen Sektor von Polen. Als «Dollar Osteuropas» wurde der Franken dort als Finanzierungswährung beliebt – was wegen der starken Aufwertung des Frankens während der Finanzkrise manchem Schuldner Probleme brachte. Staaten wie die USA, die sich ausschliesslich in ihrer eigenen Währung, dem Dollar, verschulden, bilden den Gegenpol dazu.

Auch die europäischen Länder nehmen Schulden vornehmlich in ihrer eigenen Währung, dem Euro, auf. Der Blick auf eine tiefere Datenebene zeigt jedoch, dass dies vielfach nur für den Zentralstaat gilt. Mehrere französische Regionen haben Schulden in Franken aufgenommen. Zu den grössten Emittenten zählen der staatliche Betreiber des französischen Schienennetzes (Réseau Ferré de France) und die Region Île-de-France, die identisch mit dem Ballungsraum Paris ist.

Île-de-France hat einen erstaunlich grossen Anteil seiner Schulden in Franken aufgenommen, wie eine Auswertung ergibt:

Hier der Zeitfahrplan, innerhalb dessen Île-de-France die Schulden zurückzahlen oder erneuern muss:

Die Anleihendaten der Privatfirmen vermitteln ihrerseits einen Einblick, über welche Kanäle sich Unternehmen aus verschiedenen Ländern finanzieren. Auffallend gross ist das Anleihenvolumen der oberen Übersichtsgrafik beispielsweise in Gebieten wie Guernsey. Auch über Luxemburg werden viele Frankengeschäfte abgewickelt – von multinationalen Firmen aus Europa, aber auch aus der Schweiz. Der Finanzplatz Luxemburg ist unter anderem wegen den attraktiven Steuersätzen beliebt:

Wer die Funktionsweise der Schweizer Währung und von Dingen wie dem Frankenkurs verstehen will, darf sich also nicht nur mit dem Inland befassen. Alleine aus Finanzdaten wie diesen wird klar, dass der Franken eine kleine Weltwährung ist, über deren Schicksal zu einem wesentlichen Anteil auch im Ausland entschieden wird. Dass die Schweiz und ihre Währung zur globalisierten Wirtschaftswelt zählen, geht leicht vergessen.

Quelle dieser Daten ist übrigens das Bloomberg-Terminal, das heute über 300’000 Rechner auf der ganzen Welt mit Börsendaten, Unternehmensinformationen und volkswirtschaftlichen News füttert. Bloomberg entstand in den 80er-Jahren als Tool für Anleihenhändler, damit diese die Übersicht über den komplizierten Markt behalten konnten.

Eine Anleihe – auch Obligation, Schuldverschreibung oder Bond genannt – ist ein Wertpapier, das dem Käufer einen fixen Zins über eine bestimmte Zeitperiode hinweg einbringt und dem Verkäufer – man nennt ihn auch Emittenten – zur Aufnahme von Schulden dient.

 

14 Kommentare zu “Wem der Schweizer Franken dient”

  1. Ahn Toan sagt:

    Im selbst angemassten Namen der CH-Nati, danke ich hiermit allen CHF Schuldnern dieser Welt für die Mithilfe beim Durchsetzen des Mindestkurses. Ihr habt gemacht, was die SNB sonst hätten tun müssen, CHF verkauft, die ihr nicht hattet, und dafür EUR oder USD oder XXX gekauft, damit ihr was zum Ausgeben habt.

  2. H.G.Lips sagt:

    Wie man sieht profitieren nicht nur die EU Rosinenpicker von der Stabilität des immer noch harten Frankens, die ganze Welt tut es.Und warum ist der Franken eine gute Währung?Weil Schweizer(nicht Ausländer)dahinter stehen.

  3. bruno bänninger sagt:

    Der Schweizer Franken ist seit 1798 eine Erfolgsgeschichte.
    Diese Vergangenheit ist das Rüstzeug das uns die Mittel liefert, um die Zukunft erfogreich zu gestalten.
    Alle EU- und Euro-Turbos sollten sich die Mühe nehmen, die Geschichte des SFR gründlich zu studieren.

    • Rene Wetter sagt:

      1798 wurde von den Franzosen eine einheitliche Frankenwährung (französisch: «franc de Suisse») eingeführt. Alle Schweizer-Turbos sollten sich die Mühe nehmen, die Geschichte des SFR gründlich zu studieren.

  4. bruno bänninger sagt:

    Der Schweizer Franken, eine ununterbrochene Erfolgsgeschichte seit 1798.
    Die Vergangenheit ist das Rüstzeug, das uns die Mittel liefert um unsere Zukunft zu gestalten
    Deshalb wäre es ratsam, wenn alle EU- und EURO-Turbos sich die Mühe machen würden, die Geschichte des Schweizer Frankens und die jeweilige Bedeutung und Zusammenhänge im In- und Ausland zu studieren.
    .

  5. rascha kocher sagt:

    Kumulation von Ereignissen, die Struktur wird pas existent. WAS kippt den ersten Dominostein? Ob der Rechtsrutsch in Frankreich reicht?

  6. marti beat sagt:

    noch bevor fuer schuldner der sfr als tiefzinswaehrung mode wurde,spielte auch schon der yen diese rolle .hypotheken in yen gefaellig? die nationalbanken koennen die waehrungen nicht einfach in die hoehe schnellen lassen.wer traegt und finanziert also letztendlich auch das waehrungsrisiko, der glaeubiger ?

  7. Roberto Gloor sagt:

    Mit anderen Worten: Indem die SNB den Franken künstlich schwächt, schenken wir dem Ausland Milliarden an Euros.

  8. Gerhard Engler sagt:

    Jeder Anfänger sollte doch wissen, dass die Zinsen immer auch die Inflation abbilden. Wenn Zinsen in einer Fremdwährung tiefer sind als in meiner eigenen, dann ist doch sonnenklar, dass meine Währung gegenüber dieser Fremdwährung an Wert verlieren wird. Das lässt sich an den Kursen in der Vergangenheit ablesen und gilt mit Sicherheit auch in Zukunft. Wer ist denn so blöde?

  9. Marcel Senn sagt:

    Wäre doch interessant zu wissen, wieviele Kommunen weltweit in finanzielle Schieflage gekommen sind, weil sie gemeint haben mit den tiefen CH-Zinsen würden sie für ihre Kommunen ein Schnäppchen machen und dann voll in den Aufwertungshammer gelaufen sind.
    Oder wieviele Kommunen auf die Power-Point-Präsentationen von gewieften Bankerlingen mit Derivatekonstruktionen im Zusammenhang mit Verschuldung in CHF reingefallen sind, weil der CHF dann halt nicht gemacht hat, was das Derivat wollte.
    Oder die ungarischen Häuslebesitzer, die ihre Hypotheken in CHF aufgenommen haben, verklickert meist durch oesterreichische Banken.
    .
    Am CHF haben sich schon manche die Finger gewaltig verbrannt!

    • Josef Anton sagt:

      Es ist wie im Kasino, schlussendlich verlieren alle ausser die Bank.

    • Frank Wiggert sagt:

      Unglaublich und auf der anderen Seite gibt es kein Kredit mehr für KMU, Jungunternehmer und Private und falls doch, dann zu Zinsen von 12% und mehr. Die KMU werden so langsam aussterben! Von 1856 bis 2008 gab es in der Schweiz Zessionskredite für KMU, die wegen der FINMA Vorschriften abgeschafft wurden. Wenn man heute einen Grossauftrag bekommt, den man vorfinanzieren muss, muss man ihn ablehnen, weil es kein Kredit mehr gibt! Diese Kredit können die Banken, sprich der Steuerzahler, die Pensionskassen und Versicherungen, gleich abschreiben. Das Geld wird garantiert nie mehr zurückbezahlt werden!