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«New Work» – Ode an die Freude oder Auswilderung aus dem Zoo?

Mathias Morgenthaler am Samstag den 16. März 2019
New Work auf der grossen Bühne der Elbphilharmonie. Foto: Xing SE

New Work auf der grossen Bühne der Elbphilharmonie. Foto: Xing SE

Wie verändert sich die Zusammenarbeit im Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft? Letzte Woche haben sich auf Einladung von Xing knapp 2000 Interessierte in der Hamburger Elbphilharmonie getroffen, um sich für die Arbeit der Zukunft zu wappnen. Erfolgsunternehmer Ricardo Semler, der die Zukunft schon vor 40 Jahren eingeläutet hat, warnte vor zu viel Euphorie.

Ein Konzerttag wie viele andere, könnte man meinen zu Beginn. Der grosse Saal der Elbphilharmonie in Hamburg ist fast lückenlos besetzt, ein Dirigent betritt die Hauptbühne, auf sein Zeichen beginnt der Monteverdi-Chor Hamburg einen Song aus dem Film «Wie im Himmel» zu singen: «Meine Zeit auf Erden ist so kurz », ist zu vernehmen, und später: «Ich will spüren, dass ich mein Leben gelebt habe.» Das passt vortrefflich, denn an diesem Donnerstag wird in der Elbphilharmonie nicht ein gewöhnliches Konzert aufgeführt, sondern die Zukunft der Arbeit verhandelt. Im Publikum sitzen entsprechend keine gewöhnlichen Konzertgäste, sondern die 1800 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der «New Work Experience», zu der Xing schon zum dritten Mal eingeladen hat.

Nach dem Prolog der Profis wird das Plenum aufgefordert, gemeinsam die «Ode an die Freude» zu singen. «Alle Menschen werden Brüder», hallt es durch den Raum, und kaum ist Beethoven verklungen, übernimmt die euphorisierte Tagungsmoderatorin und macht klar, sie wolle hier an diesem Tag keine einzige Krawatte sehen und jeder und jede sei zu duzen. So also sieht die Verbrüderung im Zeichen von New Work aus?

Doch der launige Auftakt täuscht, Xing leistet an diesem Tag einen ernsthaften Beitrag zur Frage, wohin sich die Arbeitswelt in den nächsten Jahren bewegen könnte. Für die dritte «New Work Experience» hat das soziale Netzwerk für berufliche Kontakte 50 Referentinnen und Referenten nach Hamburg geladen. Und auch diesmal ist es den Veranstaltern gelungen, führende Köpfe auf die Bühne zu bringen: Sorgte zum Auftakt vor zwei Jahren Frithjof Bergmann, der heute 88-jährige Begründer der New-Work-Bewegung, für den Tagungshöhepunkt, bürgen diesmal der brasilianische Unternehmer Ricardo Semler und der belgische Bestseller-Autor Frederic Laloux («Reinventing Organizations») für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem trendigen Thema.

400 Jahre in den Knochen

Denn «New Work», das wird auch an diesem Tag klar, kann alles und nichts bedeuten. Kaum ein Arbeitgeber kann es sich noch leisten, auf den Begriff zu verzichten und sich nicht zu «Agilität» und «Arbeit 4.0» zu bekennen. Denn dass durch Digitalisierung und Automatisierung dramatische Veränderungen bevorstehen und die Arbeit sich gründlich wandeln wird, bestreitet kaum jemand. Bloss unterscheiden sich die Massnahmen sehr: Während manche Unternehmen die Chefs ebenso abschaffen wie die Arbeitszeiterfassung oder die Präsenzpflicht, versuchen andere mit strikten Zielvorgaben, engmaschiger Ergebniskontrolle und finanziellen Anreizen den Wandel zu steuern. Und wieder andere lassen Führungscrew und -strukturen unangetastet, geben sich aber durch Anglizismen, grosszügige Freizeitangebote und forcierte Jugendlichkeit einen Start-up-Anstrich.

Ricardo Semler hat dafür nur ein müdes Lächeln übrig. Vieles laufe in grossen Organisationen seit 400 Jahren nach ähnlichen Prinzipien ab, sagt der Brasilianer auf der Hauptbühne in Hamburg; die Geschichte des machthungrigen Automanagers Carlos Ghosn beispielsweise stehe einer Shakespeare-Tragödie in nichts nach, so viel Gier, Eifersucht und Intrige würden darin sichtbar.

Das militärisch-hierarchische Denken sitze uns allen in den Knochen, meint Semler, entsprechend verbreitet sei die Angst vor Kontrollverlust. Es sei deshalb nicht damit getan, «ein paar Billardtische und bunte Sofas» aufzustellen und zu verkünden, der Betrieb habe jetzt wie ein Start-up zu funktionieren. «98 Prozent der Start-ups erleben das zweite Jahr nicht – schon deshalb ist das keine gute Idee», sagt Semler; zudem sei es ein Blödsinn, überall Agilität einzufordern; es brauche auch weiterhin Stabilität in Unternehmen und somit auch jene unaufgeregten Angestellten, die einfach nur ihren Job machen wollen, ohne als Mitunternehmer das Rad neu zu erfinden. Es sei sogar wichtiger denn je, auch die 60- und 65-Jährigen ins Boot zu holen, viel zu viele von ihnen seien im Jugendwahn aussortiert worden.

Mehr als ein Werkzeugkasten

Mit Aussortieren hat Semler Erfahrung, hat er doch als 21-Jähriger das Unternehmen seines Vaters übernommen und an seinem ersten Arbeitstag als Firmenchef gleich mehr als die Hälfte der Manager entlassen, um die zuvor stark hierarchisch organisierte Firma radikal zu demokratisieren. Der heute 60-Jährige hat in seinem Buch «Das Semco-System» beschrieben, warum es sich lohnt, das Schicksal der Firma in die Hände der Angestellten zu geben und diese über Gehälter, Arbeitszeiten, Gewinnverwendung und die Wahl von Vorgesetzten bestimmen zu lassen. «Manche finden es verrückt, alle mitbestimmen zu lassen», sagt Semler, «aber so weiterzufahren wie bisher und wenige entscheiden zu lassen, was die Mehrheit tut, ist viel verrückter.» (Beispiele für Unternehmen, die stark auf Selbstverantwortung setzen, nennen die Corporate Rebels hier im Interview.)

Es bringe nichts, New Work als Werkzeugkasten zu verstehen und hier und dort ein paar Tools daraus anzuwenden. «New Work ist eine Weltanschauung!» Führungskräfte, die es damit ernst meinten, sollten nicht zahlreiche neue Dinge einführen und die Komplexität erhöhen, sondern erst einmal vieles weglassen und aus dem Nebel heraustreten. Er kenne viele Manager, die einfachste Fragen zum Geschäftsgang und zur Strategie nicht beantworten könnten. «Sie erinnern mich an die Eltern, die ihren Kindern lieber ein Eis kaufen, als Antworten zu suchen auf ihre Warum-Fragen.»

Neue Haltung statt neue Prozesse

Am Ende des Tages in der Elbphilharmonie bleibt vor allem diese Erkenntnis: Wer es ernst meint mit New Work und an seinem Wirkungsort etwas Grundsätzliches verändern will, sollte sich nicht auf die Einführung neuer Organigramme und Prozesse beschränken. Denn es geht um nicht weniger als um eine neue Haltung zur Arbeit – und eine solche lässt sich nicht durch Vorschriften, Belohnungssysteme oder Training erreichen. Dafür braucht es mehr, etwa die offene Auseinandersetzung mit der Frage, was Mitarbeiter verlieren, wenn Hierarchie wegfällt, und was zu gewinnen ist, wenn alle mehr mitgestalten und sich besser entwickeln können.

«Aus dem Nebel heraustreten», wie Semler es genannt hat, bedeutet dann auch, dass jeder Einzelne mit seinen Emotionen in Berührung kommt und mit der Frage, was er denn mit seinem Beitrag eigentlich bewegen will über das Geld-Verdienen und Funktionieren hinaus. Eine schwierige Aufgabe für alle, die ein Leben lang eng geführt worden sind und die primär Erwartungen erfüllt haben. Neurobiologe Gerald Hüther hat den Übergang zu New Work deshalb mit der Auswilderung von Raubtieren verglichen, die ihr ganzes Leben im Zoo verbracht haben. Ein Experiment mit ungewissem Ausgang also.


 

New Work im Namen, New Work in Zürich

Xing beschäftigt sich nicht nur als Veranstalter mit New Work, die Identifikation geht so weit, dass das Netzwerk für berufliche Kontakte sich in New Work SE umtaufen will. Die Änderung des Unternehmensnamens braucht noch die Zustimmung der Aktionäre am 6. Juni. Xing wird als Markenname erhalten bleiben. Firmenchef Thomas Vollmoeller will mit dem neuen Namen unterstreichen, dass die Arbeit kein lästiges Übel sein soll, sondern Ausdruck der eigenen Wünsche und Werte – etwas, das man «wirklich, wirklich tun will», wie New-Work-Begründer Frithjof Bergmann sich ausgedrückt hat.

Nach drei New-Work-Tagungen in Berlin (2017) und Hamburg (2018/19) ist für diesen Herbst auch ein Anlass in der Schweiz geplant. Er wird am 25. September 2019 im Kaufleuten in Zürich durchgeführt zum Thema «Innovation durch Freiraum».

Der Hotelier, der sogar das Cola-Getränk selber herstellt

Mathias Morgenthaler am Samstag den 2. März 2019
Gregor Vörös: «Jäten ist eine beinahe meditative Tätigkeit.»

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Gastgeber im eigenen Hotel statt Informatiker mit 16-Stunden-Tagen vor dem Bildschirm: Gregor Vörös stieg mit romantischen Vorstellungen in die Hotellerie ein. Nach einem schwierigen Start fühlt sich der 37-Jährige nun ganz in seinem Element. Er betreibt auf der Rigi einen grossen Kräutergarten und serviert den Gästen nur einheimische Produkte.

Interview: Mathias Morgenthaler
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Als der Dell-Manager sein Notebook zertrümmerte

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Juan Vörös: «Schenkt man Menschen Vertrauen, zahlen sie das in der Regel zurück.»

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Interview: Mathias Morgenthaler
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«Ich lernte früh, mir aus Nichts eine eigene Welt zu schaffen»

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Cristina Riesen: «Es ist wichtig, dass wir unsere Kinder nicht zu sehr zu unseren Projekten machen.»

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«Meine Frau nannte mich an guten Tagen einen Träumer, an weniger guten einen Spinner»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 9. Februar 2019
Mario Hutter sorgt für schnurgerade Seitenlinien auf Fussballfeldern.

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Als GPS-Fachmann sorgte Mario Hutter dafür, dass Traktoren in Australien satellitengesteuert die Felder beackerten. Eine Reorganisation später hatte er keinen Job mehr, aber eine Idee: Die Technologie könnte auch genutzt werden, um Sportrasen zu markieren. Heute beliefert der Unternehmer den FC Basel und Bayern München mit Präzisionsgeräten.

Interview: Mathias Morgenthaler
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«Jeder Bürotag fühlt sich an wie eine Niederlage»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 2. Februar 2019
Der Erfolg hat Martin Laciga viele Türen geöffnet, geholfen war ihm damit aber wenig.

Martin Laciga: «Die Freude ist mit der Zeit auf der Strecke geblieben.»

Als Beachvolleyball-Profi war Martin Laciga die Weltnummer 1 und ein Star. Nach dem Rücktritt kam er sich vor wie ein 16-Jähriger, der seinen Platz sucht. «Am Anfang wollten viele etwas von mir, aber ich hatte kein Gefühl dafür, was zu mir passte», sagt der 44-Jährige. Nun will er sich mehr von der Freude als vom Erfolgsdruck leiten lassen.

Interview: Mathias Morgenthaler
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«Es ist befreiend, mitten durch die Angst zu gehen»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 26. Januar 2019
Franziska Huber weiss, wie Angst in eine schöpferische Kraft verwandelt werden kann.

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Als freischaffende Geigerin hat Franziska Huber ihren eigenen Weg gesucht. Nebst der Interpretation wurde die Improvisation immer wichtiger, dazu erforschte sie, welchen Einfluss die Haltung auf Beweglichkeit und künstlerischen Ausdruck hat. Nun bringt die 45-Jährige ein eigenes Werk auf die Bühne, das Musik, Tanz und Performance verbindet.

Interview: Mathias Morgenthaler
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«Bei uns wird 24 Stunden pro Tag gearbeitet»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 5. Januar 2019
Carlo Badini hat mit seiner Kamera und 500 Franken in einer Garage angefangen.

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Als Schüler interessierte sich Carlo Badini für Technologie, Film und Unternehmertum. Kurz nach der Matura gründete der Berner seine eigene Firma Cleverclip, die mit Erklärvideos komplexe Themen verständlich darstellt. Die 30 Mitarbeiter sitzen nicht nur in Bern oder Berlin, sondern auch in Costa Rica und Malaysia.

Interview: Mathias Morgenthaler
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Die Freude am Kochen und Gestalten bleibt Nadia Damasos wichtigster Antrieb.

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Mit zehn Jahren kochte sie Viergang-Menus für ihre Familie, mit 19 Jahren brachte sie ihr erstes Kochbuch «Eat better not less» auf den Markt und führte damit 16 Wochen lang die Bestsellerliste an. «Ich hatte früh meinen eigenen Kopf», sagt die heute 23-jährige Nadia Damaso, die sich als gut organisierte Chaotin bezeichnet.

Interview: Mathias Morgenthaler
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Mathias Morgenthaler am Samstag den 22. Dezember 2018
Christian Hirsig war schon als Schüler mehr an spannenden Projekten als an guten Noten interessiert.

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«Mit einer guten Portion Naivität» packt Christian Hirsig Dinge an, von denen andere lieber die Finger lassen. Vor zwei Jahren hat der 38-jährige Berner Unternehmer Powercoders lanciert, eine Programmierschule für Flüchtlinge. 2019 wird das Projekt in der Schweiz ausgebaut, zudem möchte Hirsig eine Schule in Istanbul eröffnen.

Interview: Mathias Morgenthaler
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