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«Geld ist das letzte Band, das uns noch aneinander bindet»

Mathias Morgenthaler am Mittwoch den 28. Dezember 2011
Aldo Haesler

Aldo Haesler

Was passiert, wenn das Bargeld aus unserem Alltag verschwindet und das virtuelle Geld zum Rettungsanker in einer zunehmend asozialen Gesellschaft wird? Der Schweizer Soziologe Aldo Haesler erforscht seit über drei Jahrzehnten unser Verhältnis zum Geld. Eine seiner Erkenntnisse lautet: Der Siegeszug der Kreditkarte hat unsere Beziehungen radikal verändert. Download der PDF-Datei
Herr Haesler, vor zehn Jahren prognostizierten Sie an dieser Stelle: «In zehn Jahren werden kaum noch Münzen und Banknoten im Umlauf sein.» Heute können wir festhalten: Sie haben sich getäuscht.
ALDO HAESLER: Nein, überhaupt nicht, es gab nur leichte Verzögerungen beim Übergang vom physischen zum virtuellen Geld. Ich gebe zu: In der Schweiz hat sich das Bargeld erstaunlich gut gehalten. In Frankreich, wo ich lebe, ist eingetroffen, was ich vorausgesagt habe: An der Kasse im Supermarkt zahlen von zehn Personen sieben mit Kreditkarte, zwei mit Checks und eine mit Bargeld. Das zeigt: Bargeld ist ein Auslaufmodel. Sobald die Transaktionskosten tief genug sind, wird es ganz verschwinden.

Wir haben bloss noch Bargeld, weil das bargeldlose Zahlen zu teuer ist?
Schon vor 20 Jahren war klar: Sobald die elektronische Zahlung einfach und billig genug ist, verschwindet das Bargeld. Die Bargeldzahlung ist ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert. Honoré de Balzac und Emile Zola konnten den schnöden Mammon beschreiben und verteufeln. Im 20. Jahrhundert ist das Geld mehr und mehr hinter den Kulissen verschwunden. Das Realgeld wich dem Giral- oder Buchgeld, das wenn nötig gegen Bargeld eingetauscht werden konnte; gleichzeitig entstanden komplexe, schwer durchschaubare Bankverflechtungen. Heute ist Geld kaum mehr sichtbar, schon gar nicht mehr greifbar – und dadurch ist es für viele Menschen auch nicht mehr «be-greifbar». Und das Paradox ist, dass, obwohl es aus unserem Alltag verschwunden ist, ohne Geld heute gar nichts mehr geht. Geld ist das letzte Band, das uns noch aneinander bindet, das unsere Erwartungen nicht enttäuscht und unsere Ängste etwas lindern kann. Ohne Geld würde unsere Gesellschaft auseinanderfallen.

Wie kommen Sie zu so einer ungeheuerlichen Aussage?
Wir stehen vor dem Zusammenbruch unserer Sozialwelt. Repräsentativstudien aus den USA zeigen, dass die Menschen immer weniger Bezugspersonen haben, mit denen sie über wirklich wichtige Themen reden können. Nannten die Befragten 1985 durchschnittlich noch zwischen 12 und 13 engen Bezugspersonen, waren es 1995 noch 5 bis 6 und 2005 lediglich noch 2 bis 3. Man muss sich das vorstellen: Innerhalb von zwanzig Jahren wurde der wichtigste Sozialkreis des Durchschnittsamerikaners auf einen Sechstel reduziert! Der Grad der Vereinsamung in unserer modernen Gesellschaft ist rasant angestiegen. Geld hat in dieser Situation die Funktion eines letzten Rettungsankers. Aber paradoxerweise ist es nicht nur ein letztes Band, es ist auch die Ursache für diese Einsamkeit.

Inwiefern?
Geld verbindet uns, Geld bringt uns aber auch auseinander – es wirkt symbolisch und diabolisch. Wir haben nichts dagegen unternommen, dass Geld zum Leitmedium unseres Zeitalters wurde, nun müssen wir auch akzeptieren, dass Geld verbindet, was nicht zusammengehört, und auseinanderreisst, was natürlich gewachsen ist. Geld hat uns einsam gemacht, weil die lange Zeit gültige Gegenseitigkeitsnorm nicht mehr in Kraft ist. Beim Tauschgeschäft und beim Zahlen mit physischem Geld lief alles nach dem Prinzip «Do ut des» ab: «Ich gebe, damit du mir gibst.» Diese Norm ist nicht mehr gültig. Heute optimiert jeder auf eigene Faust seinen Konsum. Seine Kreditkarte, oder anders gesagt: seine Kreditwürdigkeit verschafft ihm augenblicklich Zugang zu allem. Er muss dafür nichts weggeben, sich von nichts trennen, kein Opfer bringen. Bemerkenswert ist nun, dass diese Grundstruktur nicht nur den Akt der Bezahlung prägt, sondern durch ihre milliardenfache Wiederholung sämtliche Gesellschaftsprozesse verändert.

Kann es sein, dass Sie stark davon geprägt sind, was Sie in den USA gelesen und gesehen haben?
Ich bin tatsächlich erschrocken, als ich gesehen habe, wie die Leute in den USA sich in ihren «gated communities» verschanzen, wie sie den Reichtum dazu nutzen, Mauern hochzuziehen. Mehr als die Hälfte der Bewohner New Yorks sind Singles. Ähnliche Phänomene sehen wir auch in Deutschland. Man kann diese Sozialkrise an einem für Schweizer leicht verständlichen Beispiel schildern: Wir sind von Jassern zu Pokerspielern geworden. Wenn Sie zu viert einen Jass klopfen, dann brauchen Sie dazu einen verlässlichen Partner. Ohne «do ut des» geht da gar nichts. Im Pokerspiel hingegen ist jeder der einsame Wolf, der sich ganz alleine gegen die Meute behaupten muss.

Stört es Sie noch aus anderen Gründen, dass das Bargeld verschwindet?
Wir wollen nicht verstehen, welch weitreichende Folgen das hat. Gleichzeitig wundern wir uns, dass sich so viele Jugendliche überschulden. Ein französischer Ökonom, der Vorstudien zur Einführung des Euro durchgeführt hatte, sagte mir, dass ein Drittel der Bevölkerung nicht mehr in derLage ist, elementarste Rechenoperationen durchzuführen. Wer nie mit zehn Franken oder zehn Euro etwas bezahlt und das Wechselgeld nachgezählt hat, wird später Mühe haben mit der Buchhaltung. Es verbreitet sich eine Art Geld-Analphabetismus, der dazu führt, dass Menschen nicht mehr abschätzen können, welche konkrete Bedeutung die Beträge haben, die sie durch Eintippen eines Codes an einer Kasse oder im Internet verschieben.

Das physische Geld verschwindet zwar aus unserem Alltag, es wird aber mehr über Geld geredet als früher. Nie gab es eine grössere Transparenz in Salärfragen, nie hitzigere Debatten darüber, wie viel beispielsweise ein Manager verdienen darf.
Das halte ich für eine völlig verfehlte Debatte, ein Scheingefecht, das viel Aufmerksamkeit schafft, aber nichts mit dem Kern des Problems zu tun hat. Die paar Dutzend Millionen, die ein paar Konzernchefs verdienen, haben wenig zu tun mit den Tausenden von Milliarden, die in unserem Geldsystem im Umlauf sind. Transparenz in solchen Fragen ändert nichts am Grundübel. Die Lohn-Debatte ist auf eine Art Robin-Hood-Mentalität zurückzuführen, die völlig obsolet geworden ist. Die Leute behaupten reflexartig: «Wir da unten haben viel zu wenig, weil die da oben zu viel verdienen.» Das ist purer Unsinn, und zwar in doppeltem Sinne: Erstens ist ein Kausalzusammenhang zwischen viel zu wenig und viel zu hoch nur sehr schwer herstellbar; und zweitens, was noch viel schwerer wiegt: es ist eine Trivialität, ein Nebenschauplatz, der uns den Zugang zu einer etwas treffenderen Krisendiagnose versperrt.

Literatur:
Aldo Haesler: Das letzte Tabu. Ruchlose Gedanken aus der Intimsphäre des Geldes. Huber Verlag 2011. 208 Seiten, 39.90 Fr.

Fortsetzung des Interviews
in einer Woche an dieser Stelle.

Kontakt: aldohaesler@wanadoo.fr

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