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«China hat uns in weniger als fünf Jahren abgehängt»

Mathias Morgenthaler am Donnerstag den 29. September 2011
Frank Sieren

Frank Sieren

Die USA und Europa leiden unter gewaltigen Schuldenbergen und geringem Wachstum, China dagegen schwimmt in Devisenreserven und wächst zweistellig. Was bedeutet dies für die globalen Kräfteverhältnisse? «Heute werden keine wirklich wichtigen Entscheidungen mehr gefällt, ohne dass China ein Wort mitreden würde», sagt Asien-Kenner und Buchautor Frank Sieren.

Herr Sieren, Sie leben seit 17 Jahren in China. Wie mächtig ist China?
Eines ist klar: Heute werden keine global wirklich wichtigen Entscheidungen mehr gefällt, ohne dass China ein Wort mitreden würde – weder in der Politik noch in der Wirtschaft. Als ich kürzlich mit einem chinesischen Zentralbanker beim Mittagessen sass, kamen wir auf die Eurokrise zu reden. «Macht euch nicht so viele Sorgen», sagte der Mann mit ruhiger Stimme, «wir Chinesen brauchen den Euro als Gegengewicht zum US-Dollar, deshalb wird der Euro nicht in ernsthafte Schwierigkeiten kommen». Das zeigt deutlich die Bedeutung und das Selbstbewusstsein der Chinesen. Auch die Frage der Eurobonds wird nicht ohne das Einverständnis von China entschieden.

Die amerikanische Wirtschaft ist noch immer drei Mal so gross wie die chinesische.
Das trifft zu, aber die USA und Europa leiden unter gewaltigen Schuldenbergen und geringem Wachstum, während China grosse Devisenreserven hat und zweistellig wächst. Nicht nur China hat zugelegt, sondern auch Schwellenländer wie Indien, Brasilien, Südafrika und Indonesien gewannen an Einfluss. All diese Länder wollen bei der Festlegung der globalen Spielregeln nun ein Wort mitreden. Es entsteht eine multipolare Weltordnung, in der Kompromissfähigkeit zur wichtigsten Tugend wird. Da hat der Westen noch grossen Nachholbedarf.

China hat das Geld, das in Europa und in den USA fehlt. Müssen wir damit rechnen, dass chinesische Unternehmen im grossen Stil europäische Firmen kaufen?
Diese Entwicklung ist schon im Gang. Ich sehe keinen Grund, das zu beklagen. Wenn die Chinesen die Firma Medion kaufen, welche Aldi mit Informatik beliefert, muss man doch nicht den Ausverkauf der Heimat verkünden. Die europäische Wirtschaft braucht das Geld und die Investitionsbereitschaft Chinas. Wir sollten nicht den Fehler der USA wiederholen. Die USA haben ihren Markt abgeschottet, damit China nicht zu mächtig wird. Gleichzeitig haben sie Staatsanleihen im Wert von 1150 Milliarden Dollar an China verkauft – mit der Folge, dass China heute die Bank der USA ist und aus dieser Position heraus mächtig Druck aufsetzen kann.

China ist nicht nur als Bank und Investor wichtig für den Westen, sondern auch als billiger Produktionsort. Was verändert sich in diesem Bereich?
In den letzten zwei Jahrzehnten konnten die grossen westlichen Unternehmen den Produzenten in China die Preise mehr oder weniger diktieren. Durch die rasche Entwicklung des chinesischen Binnenmarkts hat sich das geändert. Viele Fabriken, etwa in der Textilindustrie, sind inzwischen auch ohne die Aufträge aus dem Westen gut ausgelastet. Dadurch ist die Verhandlungsposition für die westlichen Unternehmen schwächer geworden, die Preise steigen. Das führt dazu, dass die Kunden in Europa für die Produkte bei H&M, Otto, C&A oder Tschibo bald deutlich mehr zahlen müssen.

Das Wachstum in China führt dazu, dass unser Wohlstand abnimmt.
Ja, aber wir haben einen guten Teil unseres Kaufkraftverlusts selber verschuldet. Die westlichen Demokratien sind zu verschwenderisch. Europa stellt keine fünf Prozent der Weltbevölkerung und verbraucht ungleich mehr Ressourcen. Wir sind in einer schlechten Position, den Chinesen zu sagen: «Ihr dürft nicht so viele Autos fahren.» Die Antwort von China könnte nämlich lauten: «Das Problem ist erkannt. Machen wir doch einen Kompromiss: In China gibt es 70 Autos auf 1000 Einwohner, in Europa 600 bis 700. Wir können uns gerne bei 300 treffen.» Auch bei der Wasserverschmutzung in China sitzen wir mit im Boot. Die Computer und Jeans, die China im Auftrag des Westens herstellt, verbrauchen Unmengen von Wasser. Die Reinigung ist nicht in den Preis einkalkuliert, den wir zahlen – noch nicht, muss man sagen.

China ist doch ebenso sehr vom Westen abhängig wie umgekehrt.
Diese Abhängigkeit wird immer kleiner. Heute schon erzielt China über die Hälfte der Handelsbilanz in Schwellenländern, dort findet das grosse Wachstum statt. Stark vereinfacht kann man sagen: China tauscht Marktanteile gegen Technologie. Dieses einfache Modell funktioniert seit Jahren gut. Der Engpass ist eher beim westlichen Technologiefortschritt als bei den chinesischen Marktanteilen zu suchen.

Glauben Sie denn, die steile Wachstumskurve zeige in China über Jahre hinweg linear nach oben?
In den letzten Jahren ist China hart geprüft worden: ein Erdbeben mit 70 000 Toten, politische Unruhen, die Weltfinanzkrise – und was ist passiert? Heute ist China so stark wie nie. Das Wirtschaftswachstum ist minim abgeflacht, aber im Vergleich mit dem Westen ist China noch stärker geworden. Die Wachstumskurve wird in den nächsten 30 bis 40 Jahren kaum abflachen. Vergessen wir nicht: 700 Millionen Menschen nehmen noch gar nicht am Boom teil. Diese Bauern, die fast nichts besitzen, träumen von einer Goldkette, einem Auto, von Ferien im Ausland.

Die Tatsache, dass so viele Menschen in China nicht vom Wirtschaftsaufschwung profitieren, birgt doch auch jede Menge Zündstoff.
Ich sehe nur eine wirkliche Gefahr für das Wachstum: das Problem der Wasserverschmutzung. Die grösser werdende Schere zwischen Arm und Reich halte ich für weniger gefährlich. Durch die Finanzkrise wurden 30 Millionen Wanderarbeiter arbeitslos. Was ist dann passiert? Die Betroffenen fuhren nach Hause und sagten: «Jetzt ist nach vielen guten Jahren halt ein schlechtes Jahr gekommen.» Da China sich in einer Aufwärtstendenz befindet, reagiert die Bevölkerung gelassen. Zudem hat die Regierung genügend Geld, um kleine Rückschläge abzufedern. Ich sehe in westlichen Ländern ein viel grösseres Unruhepotenzial. Wenn man in England oder Italien keinen Job hat und damit rechnen muss, dass im nächsten Jahr alles noch schlimmer wird, geht man eher auf die Strasse.

Worauf müssen westliche Unternehmen achten, wenn Sie in China Geschäfte machen wollen?
Es schadet nie, die Chinesen für mächtiger zu halten, als sie sind. Viele europäische Unternehmer erleben böse Überraschungen, weil sie sich überschätzen. Deutschland zum Beispiel war extrem stolz auf die Marktführerschaft in der Umwelttechnik. Jetzt stellen wir ernüchtert fest, dass China uns in weniger als fünf Jahren eingeholt und abgehängt hat. Nun fliesst das Geld der Investoren in chinesische Firmen, die vom Staat effizient gestärkt werden.

Das Buch: Frank Sieren: Angst vor China. Wie die neue Weltmacht unsere Krise nutzt. Econ Verlag 2011.

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5 Kommentare zu “«China hat uns in weniger als fünf Jahren abgehängt»”

  1. Strebel Manfred sagt:

    Meiner Meinung nach täte der Tages-Anzeiger besser daran Menschen und Publikationen zu porträtieren, die Wege aufzeigen wie sich auf nationaler und europäischer Ebene die kommenden Probleme lösen lassen und wo es sich lohnt sich zu engagieren. Viel zu oft kommen die falschen, namentlich Pessimisten und Glücksritter des Ostens zu Wort. Kein Wort wird verloren darüber, dass wir es mit einer skrupellosen Diktatur zu tun haben, deren einziges wirtschaftliches Verdienst im Kopieren westlicher Entwicklungen besteht und westliche Fragen zu Werten wie kulturelle Vielfalt, Glaubensfreiheit,Menschenrechte und Sozialstaat mit Unterdrückung und Verfolgung beantwortet werden. Wir sollten uns gemeinsam mit Europa stärken und China selbstbewusst gegenüber treten, statt im hörig zu sein. Wie wir aus der Geschichte gelehrt haben, gibt es letzlich für David immer einen Weg Goliath zu besiegen. Zu Kämpfen lohnt es sich allemal, oder ist jemand interessiert daran ,seine Kinder nach kommunistischen regeln aufwachsen zu sehen ?

  2. Jonas Maurer sagt:

    Herr Strebel
    Es ist nicht unsere Angelegenheit darüber zu richten was China macht und ob das nun gut oder schlecht ist. Fakt ist: China ist stark, und nicht von uns abhängig, im Gegenteil, USA ist von China abhängig. Sich in die Landesangelegenheiten anderer einzumischen war schon immer die Ideologie von Amerika (nach dem Motto wir zeigen euch wie es richtig geht! Menschenrechte FTW!!) Und wie der Bericht schon Richtig sagt, die USA ist stark verschuldet. Diese Fehler würde ich nicht begehen.
    Es ist desweiteren auch nicht so dass China uns zwingen wird zu einem Komunistischen System zu werden … warum auch?
    Die David und Goliath “Geschichte” ist fiktiv und aus dem Sektor Religion.

    Die Essenz der Ganzen Geschichte dreht sich nicht um Gut oder Böse (weshalb herr Sieren auch kein Wort darüber verloren hat) sondern um Die Tatsache das China hart arbeitet und Europa auf der faulen Haut liegt …

  3. Man sollte einfach nicht vergessen, dass Wachstum von tiefem Niveau immer einfacher ist als Wachstum auf hohem Niveau. Ausserdem ist der Wohlstand in China nicht gleich verteilt und China ist nach wie vor eine kommunistische Einparteienrepublik. Soziale Spannungen mit Menschen, die mehr Freiheitsrechte und Menschenrechte fordern sind vorprogrammiert. Mit dem steigendem Wohlstand in China, steigt auch das Lohnnivau. Das wiederum wird der Konkurrenzfähigkeit Chinas schaden. Nichtdestotrotz sollen die Europäer und Amerikaner natürlich endlich mit ihrer Schuldenwirtschaft zulasten künftiger Generationen aufhören und endlich eine sozialere Politik betreiben. Dass heisst sparen und vernünftig haushalten und an die künftigen Generationen denken. Nicht einfach asozial alles für sich beanspruchen und sich zulasten künftiger Generationen verschulden.

  4. Deshalb muss bei uns das wenige Geld in Bildung und Forschung = Innovation investiert werden !
    Sicher nicht in Kampfjet und Militär.

  5. Lukas Räder sagt:

    Für mich resultiert daraus, wie man auch im letzten Jahrhundert teilweise sehen konnte, dass ein starker Staat sehr wohl seine Vorteile haben kann. Wenn Sachkenntnis vorhanden war. Die Chinesen sind meiner Meinung nach keine Kommunisten sondern Nationalsozialisten, ohne Rassismus, Eugenik, usw. Sie verknüpfen Planwirtschaft und Gesellschaftsinteresse mit Eigeninitiative und Eigennutz.
    Chinas Vorteil gegenüber dem 3. Reich ist billige Arbeiter on Mass. Die ihre Einkommen ständig konsumieren. Dazu kommt noch das Technologie in allen Bereichen kopiert werden kann, da eine Produktion in China bekanntlich nur über Gemeinschaftsunternehmen möglich ist. Somit verkauft der Westen all seine Vorteile für eine sehr kurze Profitspanne. Die dann von den Chinesen langfristig übernommen und ausgebaut werden wird. Ein Heer von Konsument, fast doppelt so groß wie Europäer und Nordamerikaner zusammen.
    Hinzu kommt noch eine Nachbarschaft mit unterentwickelter Wirtschaft, jedoch vielen Ressourcen im Norden. Und ein 2. Heer von billigen Arbeitern im Süd-Westen.
    Einen Strich durch diese Rechnung könnte Rohstoffknappheit, Weltwirtschaftskrise, Krieg machen.
    Europäer oder Amerikaner werden den Wohlstandverlust, der nötige wird, um Konkurrenzfähig zu bleiben, nicht ohne Murren akzeptieren. Dadurch könnte China zwar ein großer Teil seines Marktes weg brechen, der womöglich über Schwellenländer kompensierbar wäre.