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«Es kam mir vor, als würde ich einen wertvollen Schatz heben»

Mathias Morgenthaler am Donnerstag den 2. Juni 2011

Christine Lanner

Christine Lanner

Sie hat für jede Tür einen passenden Schlüssel: Als Geschäftsführerin der SEA Schliess-Systeme AG verantwortet Christine Lanner die Produktion von über einer Million Schlüsseln pro Jahr. Das ist nicht nur aus technologischer Sicht eine Herausforderung. Als Lanner vor 2,5 Jahren die Leitung des Traditionsbetriebs übernahm, musste sie sich erst einmal das Vertrauen der Angestellten erarbeiten.

Frau Lanner, wie lange wird es den guten alten Hausschlüssel noch geben?
CHRISTINE LANNER: (Lacht) Schon vor 25 Jahren dachten die Fachleute, im Jahr 2010 werde es kaum noch mechanische Schlüssel geben. Und was stellen wir fest? Die meisten Menschen tragen nach wie vor einen Schlüsselbund mit sich herum. Ich glaube, das wird auch in zehn oder zwanzig Jahren noch der Fall sein.

Warum eigentlich? Es gibt doch längst Alternativen. Türen lassen sich auch mit elektronischen Chips oder mittels Fingerabdruck öffnen.

Die eine Frage ist, was technologisch machbar ist; die andere, wie die Nachfrage auf dem Markt ist. Zum ersten Punkt: In Branchen mit sehr hohen Sicherheitsanforderungen sind schon heute ergänzend zur Mechanik und Elektronik biometrische Zutrittssysteme verbreitet. Durch Fingerprint, Venenleser, Gesichts- oder Iriserkennung stellen beispielsweise Banken sicher, dass nur berechtigte Personen Zutritt zu sensiblen Bereichen erhalten. Einen Schlüssel kann man verlieren oder stehlen, der Fingerabdruck hingegen ist klar einer Person zuzuordnen. Allerdings sind solche Systeme relativ aufwändig, teuer und heikel, was den Datenschutz anbelangt. Beim Wohnungs- und Bürobau wird meistens erst über die Schliessanlage gesprochen, wenn Zeit und Geld schon knapp sind. Dann kommen unsere robusten mechanischen Produkte zur Anwendung. Diese haben den Vorteil, dass sie vergleichsweise günstig und sehr zuverlässig sind, auch in ausserordentlichen Situationen wie in einem Brandfall.

Auch mechanische Schlüssel stellen an den Hersteller hohe Anforderungen. Können Sie garantieren, dass jeder Schlüsselsatz wirklich ein Unikat ist?
Wenn ich das nicht könnte, müsste ich heute noch kündigen. Das ist ja gerade das Faszinierende dieser Branche: Wir stellen ein Produkt her, das für den Benutzer so unspektakulär ist, dass er gar nicht merkt, was er an ihm hat. Die Technologie, die erforderlich ist, damit das Gesamtsystem funktioniert, ist aber sehr komplex. Charakteristisch für die SEA Schliess-Systeme sind die Nutenfräsungen auf dem Schlüssel. Die beiden Fräskurven auf der Breitseite der mechanischen Schlüssel erlauben nicht weniger als 3,5 Milliarden Schliesskombinationen. Diese müssen in Schliessplänen dokumentiert und jederzeit verfügbar sein – und zwar über mehrere Jahrzehnte. Nicht nur logistisch, sondern auch handwerklich ist die Produktion von Schliess-Systemen anspruchsvoll. Unsere Angestellten setzen die Schliesszylinder, in welche die Schlüssel eingeführt werden, mit der Präzision von Uhrmachern aus bis zu 65 kleinen Einzelteilen zusammen. In keinem anderen europäischen Land ist der Standard in Sachen Schliesstechnik so hoch wie in der Schweiz. SEA produziert seit 75 Jahren Schweizer Qualität ausschliesslich in der Schweiz.

Halb- oder vollelektronische Schliesssysteme werden immer beliebter. Welche Vorteile bieten Sie den Kunden?
Wenn ein mechanischer Schlüssel mit einem elektronisch bestückten Chip kombiniert wird, können die Zutrittsberechtigungen sehr flexibel individuell gesteuert und die Zutrittszeiten gespeichert werden. Wer einer Putzfrau oder einem Handwerker einen Schlüssel gibt, kann diesen so programmieren, dass die Externen bspw. nur an einem bestimmten Wochentag Zutritt zu Büro oder Wohnung haben. Bei Schlüsselverlust hat man zudem den Vorteil, dass der verlorene Schlüssel elektronisch gesperrt und die Sicherheit dadurch wieder vollends hergestellt werden kann, ohne dass der Schliesszylinder ausgetauscht werden muss. Vollelektronische Datenträger bieten Anwendungsmöglichkeiten, die weit über Zutrittsfragen hinausgehen. Sie werden oft auch als Zahlungsmittel oder Zeiterfassungsinstrument eingesetzt.

Sie haben einen Doktortitel in Betriebswirtschaftslehre und einen Leistungsausweis in den Chefetagen von Grossunternehmen erworben. Was hat Sie veranlasst, die Geschäftsführung eines kleinen, relativ unbekannten Familienbetriebs zu übernehmen?
Mein Vater hat sein eigenes KMU aufgebaut und geleitet und mir war immer klar, dass ich auch einmal die Verantwortung für ein solches Unternehmen tragen will. Für die Lehr- und Wanderjahre habe ich bewusst den Konzernweg gewählt. So kann man in kurzer Zeit enorm viel lernen – gerade auch aus Fehlern, den eigenen und jenen, die andere machen. Wenn man als Geschäftsführerin eines 100-Mann-Betriebs die ersten Fehler macht, gefährdet man womöglich die ganze Firma; in einem Konzern hat man da mehr Lernmöglichkeiten. Wichtiger als die Firmengrösse war für mich aber stets, ob sich ein Unternehmen an einem Wertesystem orientiert, mit dem ich mich identifizieren kann.

Sie kamen vor 2,5 Jahren als junge Quereinsteigerin in ein Unternehmen, das zuvor während 20 Jahren von den gleichen drei Männern geführt worden war. Wie lange brauchten Sie, um das Vertrauen der Angestellten zu gewinnen?
Es dauerte ungefähr 1,5 Jahre, bis ich das Vertrauen wirklich spürte. Darauf war ich vorbereitet. Mit mir kam eine junge Frau, die nichts von der Branche verstand und einen ganz neuen, für viele ungewohnten Führungsstil pflegte. Das ist ein grosser Schritt für ein kleines Traditionsunternehmen.

Wie haben Sie sich Akzeptanz verschafft?
Es war eine schwierige Zeit, denn der Generationenwechsel fiel mit der Wirtschaftskrise zusammen. Ich musste das Managementteam in den ersten zwei Jahren erneuern und gleichzeitig die vielen hoch qualifizierten Mitarbeiter davon überzeugen, dass hier nicht eine Firma auseinanderbricht, sondern eine nachhaltige Grundlage geschaffen wird für Erfolg und Wachstum. Entscheidend waren aus meiner Sicht zwei Dinge: Erstens dass die Besitzerfamilie und ich genau wussten, wo wir mit der Firma hin wollen, und jederzeit grosses Vertrauen hatten, dass dies gelingt. Zweitens dass sich die Mitarbeiter öffneten und – überspitzt gesagt – von Mitarbeitenden zu Mitunternehmern entwickelten. Dies ist meines Erachtens hervorragend gelungen. Zu Beginn war meine wichtigste Aufgabe, den erfahrenen Fachleuten im Betrieb die richtigen Fragen zu stellen, sie um ihre Meinung zu fragen. Für viele war dies ungewohnt. Mit der Zeit gelang es mir, das unglaubliche Knowhow aus den Leuten zu kitzeln. Es kam mir vor, als würde ich einen wertvollen Schatz heben.

Gerade erfahrene Mitarbeiter sind manchmal überfordert bei einschneidenden Veränderungen.

Man kann nie alle im Boot behalten, das stimmt. Das Argument «das haben wir hier immer so gemacht» lasse ich nicht gelten. Ich lerne selber ständig dazu und erwarte das Gleiche von meinen Mitarbeitern. Die Allermeisten haben rasch mitgezogen. Ich habe grössten Respekt vor den vielen erfahrenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die teilweise schon 20 oder 30 Jahre für das Unternehmen arbeiten und trotzdem so flexibel geblieben sind, immer wieder neue Wege zu beschreiten.

Kontakt und Information:
www.sea.ch

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Ein Kommentar zu “«Es kam mir vor, als würde ich einen wertvollen Schatz heben»”

  1. Miriam Mank sagt:

    “Sie kamen vor 2,5 Jahren … Es dauerte ungefähr 1,5 Jahre …”

    Faszinierend, derartige subtile Abweichungen vom hochdeutschen Sprachgebrauch in Deutschland (keine Kritik, reine Beobachtung). Hier würde man Zeitangaben niemals als Dezimalzahlen schreiben (und schon gar nicht sprechen). Sondern stets anderthalb Jahre, dreieinhalb Stunden oder viereinhalb Monate benutzen. Ich vermute, es liegt daran, weil die Zeiträume selber aus anderen, älteren Zahlensystem entstammen – und dabei Zahlen mit Komma seltsam anmuten und mit Schreibweisen wie 3:50 Uhr oder 3’50” kollidieren.

    Wobei es nun auch sein könnte, dass das gar nicht schweizerischer Sprachgebrauch ist, sondern dem Individualstil des Autors (oder “des Autoren”, wie Sie vermutlich deklinieren würden) geschuldet.