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«Es ist verrückt, wie das Leben mit Zufällen antwortet»

Blog-Redaktion am Montag den 3. Juni 2019

Manuel Tiziani hätte als Creative Director im Silicon Valley arbeiten können, «aber ich wollte unbedingt etwas Eigenes aufbauen».

Soll man seine Passion zum Beruf machen? Manuel Tiziani hatte Respekt davor und wollte zunächst etwas Sicheres lernen. Erst als er zum zweiten Mal durch die Prüfungen rasselte, besann er sich auf seine Leidenschaft fürs Malen und Gestalten. Danach ging plötzlich alles leicht und Tiziani fühlte sich «unglaublich frei».

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Tiziani, hätten Sie auf Ihren Vater gehört, wären Sie Jurist geworden – stattdessen haben Sie sich als Grafikdesigner selbstständig gemacht. Wie fanden Sie zu Ihrem Traumberuf?
MANUEL TIZIANI: Ich habe schon als Kind sehr gerne gemalt und gezeichnet – es wäre also naheliegend gewesen, diesen Weg einzuschlagen. Ich hatte in jungen Jahren aber nicht den Mut, konsequent auf diese Karte zu setzen. Ich befürchtete, die Kreativität könnte etwas von ihrem Reiz verlieren, wenn sie zu sehr verschult würde. Und ich liess mich von jenen Erwachsenen beeinflussen, die sagten, es sei wichtig, zunächst etwas zu lernen, das Hand und Fuss hat. Mein Vater hatte nach der kaufmännischen Ausbildung noch den Betriebsökonom gemacht und war später zum Geschäftsleitungsmitglied in einem grossen Unternehmen aufgestiegen. Er hätte gerne gesehen, dass ich Rechtswissenschaften studiere, um gute Karriereperspektiven zu haben.

Für Sie war das keine Option?
Nein, ich ging gerne zur Schule, aber Gesetzesparagrafen interessierten mich wirklich nicht. Ich liebte das Reisen, die fremden Kulturen – mein Austauschjahr in Houston, wo ich bei einer philippinischen Familie gewohnt hatte, war ein Highlight. Ein anderes Aha-Erlebnis war die Arbeit auf den ersten Computern. Der Schritt von der elektrischen Schreibmaschine zum Textprogramm Starwriter mit dem kleinen Display war eine Sensation. Ich gestaltete in dieser Zeit klassenübergreifend die Schülerzeitungen und auch die Flyer und Plakate des Jugendklubs. Doch nach der Matura hatte ich keine Ahnung, was ich in Angriff nehmen sollte. Ich folgte dem Beispiel einiger Kollegen und schrieb mich an der Universität Bern zum Informatik-Studium ein. Als ich dort mit all den Nerds zusammentraf, die am Computer schon alles konnten, aber wenig Interesse an ihren Mitmenschen hatten, wurde mir klar, dass ich am falschen Ort war. Nach wenigen Wochen brach ich das Studium ab und hielt mich danach mit einem Verkaufsjob und Gestaltungsarbeiten über Wasser. Vor allem genoss ich es, mit meiner Rap-Gruppe Musik zu machen.

Das klingt nicht nach etwas, was Hand und Fuss hatte …
Ja, so konnte das nicht ewig weitergehen. Ein Bandmitglied empfahl mir, ich solle doch Lehrer werden wie er, er hätte zwölf Wochen Ferien, pardon, unterrichtsfreie Zeit, da bliebe viel Zeit für meine Hobbys, die Musik und das Gestalten. Ich zog von Bern zurück in die Ostschweiz, quartierte mich wieder bei meinen Eltern ein und begann das Studium an der Pädagogischen Hochschule. Doch ich empfand die Vorlesungen als derart trocken und langweilig, dass ich kaum lernte und möglichst viel Zeit im Proberaum der Band oder am Zeichentisch verbrachte. Das einzige Highlight der PH war, dass ich dort meine spätere Frau kennenlernte, ansonsten fühlte ich mich im falschen Film. Nach zwei Semestern rasselte ich durch die Mathematik- und Physikprüfungen und erfuhr, dass ich nach dem vierten Semester nochmals antreten musste in diesen Fächern. Meine Freundin und ich zogen uns für zwei Wochen in ein Rustico im Tessin zurück, damit ich in Ruhe lernen konnte. Doch ich fasste all die Bücher nicht ein einziges Mal an in den zwei Wochen, sondern malte wie ein Besessener. Da wurde uns beiden klar: Es bringt nichts, wenn ich mich in einer fremden Sache abmühe.

Sie brachen also auch das zweite Studium ab?
Nein, das traute ich mich nicht – ich legte meine Zukunft in die Hände des Schicksals, liess es darauf ankommen und trat erneut unvorbereitet zur Prüfung an. Als dann später der eingeschriebene Brief eintraf mit dem Bescheid, dass ich nicht bestanden hatte und das Studium nicht fortsetzen konnte, stand mein Vater wortlos auf und zog sich zurück. So gross seine Enttäuschung war und so leid mir das tat, so sehr fühlte ich mich erleichtert. Ich wusste in dem Moment, dass ich keinen weiteren Kopfentscheid mehr fällen, sondern von nun an meinen Interessen folgen würde. Kurz darauf schrieb ich mich an der Fachhochschule für Kommunikationsdesign ein mit dem klaren Ziel, mich nach Abschluss der Ausbildung selbstständig zu machen. Von da an ging alles leicht: Ich bestand die Aufnahmeprüfung und schloss das Studium nach vier Jahren mit Auszeichnung ab. Ich war endlich angekommen, sog alles auf wie einen Schwamm und konnte schon während der Ausbildung für Kunden Projekte realisieren.

Mussten Sie gar nicht kämpfen, um sich mit Ihrem Büro Format in St. Gallen zu etablieren?
Einige hatten mich davor gewarnt, dass niemand auf mich warten würde in einem übersättigten Markt und es schwierig sei, die mageren ersten Jahre durchzustehen. Doch ich hatte sogar die Qual der Wahl. Nach Studienabschluss hätte ich eine Stelle als Creative Director in einer Agentur im Silicon Valley antreten können, aber ich wollte unbedingt etwas Eigenes aufbauen. Dabei profitierte ich von unzähligen glücklichen Zufällen. Ein Projekt akquirierte ich zum Beispiel nach einem Badminton-Spiel unter der Dusche. Ein Kollege, den ich von früher her kannte und dort wieder traf, fragte mich, ob ich ihm nicht ein Logo kreieren könnte, er habe einen Verlag gegründet und bräuchte eines. Heute ist das einer meiner wichtigen Kunden, ich gestalte acht Magazine für den Verlag. Auch das erste Bürodomizil musste ich nicht suchen, es fand mich via einen Jugendfreund. Es ist verrückt, wie das Leben mit Zufällen antwortet, wenn man sich selber treu bleibt und in seinem Element ist bei dem, was man tut. Zuvor hatte ich mich gefühlt wie eine Flipperkugel, die rumgeschossen wird und nicht weiss, wo sie hingehört.

Manche Selbstständige arbeiten rund um die Uhr und nehmen zu viele Aufträge an. Sie brachen nach drei Jahren zu einer Weltreise auf.
Auch da bekam ich viele gut gemeinte Ratschläge und Warnungen mit auf den Weg. Manche fanden, es sei katastrophal, nach drei Jahren Aufbauarbeit auf Reisen zu gehen – da werde ich alle Kundschaft verlieren. Meine Frau und ich genossen die Reisezeit in Südamerika, Kanada, Australien und Neuseeland aber enorm. Und sicherheitshalber hatte ich meinen Laptop zuhause so verpackt, dass meine Mutter ihn uns problemlos per Post zuschicken konnte. Als wir in Südamerika unterwegs waren, erhielt ich dann tatsächlich per Mail einen grösseren Auftrag. Wir mieteten ein Haus und ich erledigte ihn in Rekordzeit, um danach wieder weiterreisen zu können. Da wurde mir klar: In meinem Beruf kann ich überall arbeiten, da bin ich unglaublich frei. Als wir nach sieben Monaten zurückkehrten, merkte ich rasch, dass ich keinen einzigen Kunden verloren hatte. Viele hatten sogar zugewartet mit wichtigen Projekten, andere klopften neu an – es folgte das mit Abstand beste Jahr meiner Selbstständigkeit.

Und einige Jahre später entschieden Sie sich, wieder aufzubrechen?
Ja, wir waren inzwischen eine vierköpfige Familie. Ein guter Freund und ich träumten davon, gemeinsam mit unseren Familien eine Jahresreise zu machen, solange die Kinder noch nicht schulpflichtig waren. Wir besprachen das lange, diesmal involvierte ich auch die Stammkunden – die meisten bestärkten mich in meinem Vorhaben und meinten, ihnen sei es egal, wenn ich in einer anderen Zeitzone an ihren Projekten arbeite. Etwas heikel war einzig, dass ich kurze Zeit vor Abreise die Einladung zu einem Wettbewerb um einen grossen Auftrag der Stadt St. Gallen angenommen hatte. Ich hatte mir kaum Chancen ausgerechnet gegen die grossen Agenturen und erhielt dann überraschend den Zuschlag. So wurde unsere erste Sitzung gleich eine Krisensitzung und ich musste beichten, dass ich schon fast die Koffer gepackt hatte. Doch wir fanden eine Lösung, und so reiste ich mit meiner Familie ein Jahr lang dem Sommer hinterher. Unvergessen sind die drei Monate auf Hawaiis Big Island. Meine Tage begannen mit Joggen, Schnorcheln und Meditieren. Inmitten dieser wunderbaren Landschaft entdeckte ich einen Schatz in meinem Innern, zu dem ich seit dieser Zeit immer Zugang habe.

Haben das auch Ihre Kinder so verinnerlicht?
Ich hoffe sehr, dass sie früher lernen, in sich hineinzuhorchen, als unsere Generation. In England oder Australien werden an der Schule Achtsamkeitstechniken vermittelt – ich habe nun eine Ausbildung in Angriff genommen, um vielleicht eines Tages diese tiefe Erfahrung auch an Schweizer Kinder weiterzugeben. Wir können so vieles in uns entdecken, wenn wir uns nicht zu sehr anpassen müssen und uns nicht permanent ablenken.

Kontakt und Information: manuel.tiziani@bueroformat.ch oder www.bueroformat.ch

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