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«Viel zu fühlen ist die Basis für meine Arbeit»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 27. April 2019
Maya Rochat hat im Alter von 15 Jahren den Schock ihres Lebens erlitten.

Maya Rochat hat im Alter von 15 Jahren den Schock ihres Lebens erlitten.

Maya Rochat ist im Alter von 33 Jahren eine international angesehene Künstlerin. Doch wichtiger als die Auszeichnungen ist es ihr, möglichst viele Menschen zu erreichen und aus der Gleichgültigkeit herauszuholen. Sie malt gegen die eigene Verzweiflung an und will dem Elend in der Welt etwas Schönes entgegenhalten.

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau Rochat, wie sind Sie zur Künstlerin geworden?

MAYA ROCHAT: Ich habe mir das Fühlen und die Kreativität nicht abgewöhnen lassen – jeder ist ein Künstler, bevor er bewertet wird und sich anpasst. Schon als Vierjährige habe ich meine eigene Welt geschaffen. Ich sass unter dem Salontisch, malte heimlich Figuren an die Unterseite der Tischfläche, unterhielt mich mit ihnen, hatte sozusagen mein eigenes Kino.

Stammen Sie aus einer Künstlerfamilie?
Nein nicht direkt, aber mein Vater war eine leidenschaftlicher Fliesenleger, meine Mutter damals Sozialarbeiterin und später Unternehmerin. Wir führten ein Aussteiger-Leben, ich wuchs in einer alten Mühle im Wald im Waadtland auf, 15 Minuten vom nächsten Dorf Bavois entfernt. Meine Mutter ist künstlerisch begabt, aber lebte diese Seite in unserer Kindheit kaum aus, da sie arbeiten und sich um uns kümmern musste. Manchmal malte meine Mutter im kleinen Gartenhäuschen. Dann durfte niemand sie stören. Ich fand das sehr schön, weil sie in der Ruhe der Nacht arbeitete, so wie ich jetzt. Mit 15 Jahren erlitt ich dann den Schock des Lebens: Ich lernte die Gesellschaft kennen und sah, wie brutal die Welt sein kann, wie gefühllos, gierig und verschwenderisch sich viele Menschen verhalten.

Wie haben Sie Ihren Platz gefunden in dieser Welt?

Ich interessierte mich für Mode und Design, für jene Dinge, welche die Welt ein bisschen schöner machten. Aber im Berufswahlunterricht gab man mir zu verstehen, ich sei zu blöd für ein solches Studium. Jene Leute, die angeblich alles übers Leben wussten, sagten mir, ich solle doch Sekretärin werden. Zum Glück setzte sich meine Mutter für mich ein, sodass ich das Gymnasium besuchen und später Fotografie an der Kunsthochschule in Lausanne studieren konnte.

Waren Sie eine gute Studentin?

Technisch gehörte ich zu den schlechtesten Studenten, aber meine Bilder waren ausdrucksstark, erzählten Geschichten. Ich begann bald, experimentell zu arbeiten, die Fotografie mit Malerei zu kombinieren. Beim Malen ging ich nicht von der Realität aus, sondern folgte intuitiv einer Ahnung. Alles in allem war ich eine ziemliche Zumutung für meine Lehrer. Zunächst schockierte ich sie mit düsteren statt ästhetischen Bildern, dann bin ich für ein Jahr nach Hamburg abgehauen, obwohl mir Lehrer sagten, damit würde ich meinen Abschluss aufs Spiel setzen. Ich nahm das in Kauf, verliebte mich in Hamburg in einen Stadtplaner, tauchte ein in das unverfälschte Norddeutsche und kehrte nach Lausanne zurück mit einer Abschlussarbeit zum Thema «Es stinkt der Mensch, solang er lebt». Zur Überraschung der Hochschule erhielt ich für meine Arbeit die höchste Auszeichnung von der externen Jury.

Sie suchten eher die Provokation als mit Ihrer Kunst gefallen zu wollen?

0Maya Rochat: Living in a Painting – Meta Rainbow.

0Maya Rochat: Living in a Painting – Meta Rainbow.

Ich sah viel dekorative Kunst, recht brave Arbeiten, die in Museen ausgestellt wurden. Mein Ziel war es nie, intellektuelle Kunst für eine kleine Szene von Eingeweihten zu machen. Ich wollte etwas schaffen, das allen zugänglich war, von der Putzfrau bis zum Museumsdirektor, vom Kind bis zur Seniorin; Kunst, die Menschen aus der Gleichgültigkeit herausholt und sie wieder fühlen lässt. Im Studium wurde uns eingebläut, dass man als Künstler nicht zu pathetisch oder reaktionär sein sollte. Ich bin da anderer Meinung und finde, es ist höchste Zeit für ungefilterte Gefühle und Protest, aber auf eine poetische Art und Weise. Bei meinem zweiten Hamburg-Aufenthalt erlebte ich, wie viel Druck ein Künstlerkollektiv erzeugen kann, als wir uns lautstark gegen die Verdrängung des Kulturzentrums Frappant durch ein Ikea-Möbelhaus zur Wehr setzten. Zurück in der Waadt gründete ich mit Gleichgesinnten ein Künstlerkollektiv und lancierte gemeinsam mit Freunden das Kunst-Festival «La Minoterie», um die Kunst zu den Menschen zu bringen. Wir wollten lebendige Kunst anbieten und nicht 20 Jahren darauf hoffen, dereinst in Museen ausgestellt zu werden.

Inzwischen werden Ihre Arbeiten längst in etablierten Häusern gezeigt, etwa in der Tate Modern Gallery in London. Kürzlich sind Sie mit dem Prix Mobilière ausgezeichnet worden. Ändert sich durch diese Anerkennung etwas für Sie?

Ich bin dankbar für diese Gelegenheiten und Auszeichnungen, aber für mich ändert sich nichts Grundlegendes, ich bleibe am Arbeitstisch. Jedenfalls fühle ich mich nicht so, als hätte ich es nun geschafft, als wäre ich eine etablierte Künstlerin. Ich freue mich auf die neue Visibilität und die Möglichkeit, grössere und frechere Werke zu gestalten. Sonst sind die Auszeichnungen am ehesten eine Verpflichtung, haushälterischer mit meinen Kräften umzugehen. Ich stelle mich darauf ein, nicht nur einen Sprint zu absolvieren, sondern einen Marathon. Bis jetzt arbeitete ich immer bis zum Umfallen, nur in der Arbeit fühlte ich mich lebendig. Da wäre etwas mehr Balance sicher hilfreich. Andererseits ist Kunst ein einsames Métier, das absolute Hingabe erfordert. Meine Einsamkeit führt dazu, dass ich die Einsamkeit anderer besser sehe und verstehe, dass meine Arbeit wahrhaftiger ist.

Können Sie selber sagen, was Sie als Künstlerin auszeichnet?

Viel zu fühlen ist die Basis für meine Arbeit. Darüber hinaus braucht es Offenheit, Ausdauer, Mut, Unangepasstheit. Wir Künstler stehen in der ersten Linie. Wir sind die ersten, welche die Schönheit finden und gestalten, aber wir verbrennen uns auch leicht und riskieren zu verglühen. Wichtig ist, dass wir mit unserer Intuition verbunden sind. Wir schöpfen wie im Traum aus dem kollektiven Gedächtnis. Das erklärt auch, warum manche Ideen zeitgleich an verschiedenen Orten auftauchen. Für mich ist es immer beglückend, wenn ich andere Künstler entdecke, die eine ähnliche Geschichte erzählen auf ihre eigene Art. Ich habe nie den Eindruck, den Entstehungsprozess steuern zu können. Ein Muster, eine Farbe taucht auf, ich greife mit meinen Händen in ein schwarzes Loch und staune, was da zum Vorschein kommt. Wenn ich am Ende das Bild betrachte, ist es nicht mehr meines.

Ihre Werke sind heute nicht mehr düster und provokativ wie ihre älteren Arbeiten, sondern wirken berauschend durch intensive Farben. Und doch hat man im Gespräch den Eindruck, ein wesentlicher Antrieb für Ihre Arbeit sei die Wut.

Maya Rochat: Living in a Painting - Meta Love.

Maya Rochat: Living in a Painting – Meta Love.

O ja, ich bin wütend. Es ist noch immer die gleiche Wut, die ich mit 15 Jahren empfand – die Wut darüber, was für eine Welt wir uns erschaffen haben. Ich kann mich nicht damit arrangieren, wie viel Elend und rohe Gewalt es gibt auf dieser Welt. Einerseits male ich sicher gegen meine eigene Verzweiflung an, will diesem Elend etwas Schönes, Kontemplatives entgegenhalten. Darüber hinaus hoffe ich, dass Kunst Türen öffnen kann, dass sich Menschen durch das Schöne berühren lassen, weil sie fühlen möchten, dass sie wieder lernen, genauer, intensiver hinzuschauen. Ich mag die Idee von purer, wahrer Schönheit. Vielleicht gelingt es auf diesem Weg die Menschen aufzurütteln, sie aus dieser unsäglichen Distanziertheit herauszuholen, die es uns ermöglicht, am TV zu sehen, wie ein Kind stirbt, und dazu das Nachtessen einzunehmen. Etwas mehr Farbe kann bei diesem Unterfangen nicht schaden. Als ich vor zwei Jahren aus Berlin zurückkam, hielt ich es kaum aus, wie sehr hier in der Westschweiz das Grau und das Schwarz dominieren, wie uniform die Menschen unterwegs sind.

Und nun eröffnen Sie mit Ihrer Schwester eine Boutique und verkaufen bald auch bunte Kleidungsstücke?

Ja, da bekommt meine aktivistische Seite etwas Auslauf. Meine Mutter, meine Schwester und ich haben vor zehn Jahren die Marke «Breath of fire» gegründet mit biologischen Baumwollkleidern, die in Portugal gefertigt werden. Die Fashionindustrie ist einer der fünf grössten Umweltverschmutzter, wir möchten mit schönen und nachhaltigen Kleidern einen Beitrag zur Verbesserung leisten. Nun eröffnen wir am 22. Mai eine Boutique du Yoga in Lausanne. Wir hoffen, dieses Jahr auch einige meiner Motive auf die Kleider drucken zu können. Kunst soll nicht nur hinter Vitrinen ausgestellt sein – man soll sie berühren, am Körper tragen, in ihr leben können.

Kontakt und Information:

www.mayarochat.com oder mayarochat@gmail.com

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Ein Kommentar zu “«Viel zu fühlen ist die Basis für meine Arbeit»”

  1. Michael Bonanomi sagt:

    Wer einen aktuellen Eindruck Ihrer Arbeit erhalten möchte, spaziert in Bern zu Geschäftszeiten an den Hauptsitz der Mobiliar-Versicherung und wird gleich von allen Seiten von ihrer Kunst umfangen.

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