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Die Sprachschule, die Zugehörigkeit vermittelt

Mathias Morgenthaler am Samstag den 9. März 2019
Larissa Hämisegger hat in drei Monaten fliessend Schwedisch sprechen gelernt.

Larissa Hämisegger hat in drei Monaten fliessend Schwedisch sprechen gelernt.

Als Larissa Hämisegger in Marokko und Chile ihre Sprachkenntnisse aus der Schule anwenden wollte, erlebte sie ihr blaues Wunder. Jahre später gründete die 31-Jährige eine eigene Sprachschule. Bei Unumondo werden Deutsch und Schweizerdeutsch so vermittelt, dass gemeinsame Interessen und die Freude im Zentrum stehen statt Fehler.

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau Hämisegger, wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Sprachschule aufzubauen, in der Menschen mit internationalem Hintergrund in der Schweiz Deutsch oder Schweizerdeutsch lernen können?

LARISSA HÄMISEGGER: Die Idee hat sich entwickelt. Der Ursprung vieler Unternehmen ist ja nicht eine glänzende Idee, sondern ein Problem, das man lösen möchte. Bei mir jedenfalls war es so: Ich hatte Internationales Business Management studiert, fühlte mich aber bei meinen ersten beruflichen Stationen nirgends richtig zugehörig. Ich absolvierte Praktika bei einer Grossbank und in Start-ups, arbeitete später beim Rabatt-Portal Deindeal und bei einer Webagentur. Fachlich konnte ich viel profitieren, aber ich tat mich überall schwer mit der Unternehmenskultur. Vieles war von Druck, fehlendem Vertrauen oder Profitstreben geprägt. Die menschliche Verbindung und der soziale Nutzen kamen für mich zu kurz. So reifte der Entschluss, mich selbstständig zu machen, um die Werte eines Unternehmens selber entwickeln zu können – nur hatte ich keine Idee und kein spezifisches Fachwissen.

In welcher Form ist die Idee auf Sie zugekommen?

Ich las eine Job-Ausschreibung mit dem Slogan «Wir suchen Gründer». Dahinter steckte eine Organisation, welche Gründer unterstützt und sich an deren Firmen beteiligt, eine Art Brutstätte für angehende Unternehmerinnen und Unternehmer. Ich erhielt eine Liste mit vielen spannenden Themen und lernte den «Lean Start-up»-Ansatz kennen, der darauf fokussiert, ein Problem genau zu erkennen und dafür nahe am Markt Lösungen zu entwickeln. Ich besuchte viele Anlässe, an denen sich Expats treffen, die in der Schweiz arbeiten, aber die Sprache nicht beherrschen.Als ich sie nach ihren Bedürfnissen fragte, hörte ich von vielen das Gleiche: «Für den Job brauchen wir kein Deutsch, da kommen wir mit Englisch klar, aber wir möchten lokale Kontakte knüpfen, uns wohlfühlen in der Kultur hier und uns mit den Leuten ausserhalb der Arbeit verständigen können.» Viele waren frustriertund mir war klar: Klassische Sprachkurse helfen da nicht weiter.

Warum nicht?

Weil sie in der Regel sehr alltagsfremd sind. Ich habe das selber mehrmals erlebt. Ich hatte in meiner Schulzeit rund 1300 Stunden Französisch-Unterricht. Als ich in Marokko unterwegs war, konnte ich mich trotzdem kaum verständigen. Auch in Chile, wo ich mit 21 Jahren ein Praktikum absolvierte, habe ich im Alltag trotz Spanisch-Matura kein Wort verstanden. Wegen der schlechten Schulnoten dachte ich, ich wäre schlecht in Sprachen. Dabei ertrug ich einfach die blutleere, auf Fehlervermeidung ausgerichtete Art des Unterrichts nicht. Das wurde mir ein erstes Mal bewusst, als ich im Gymnasium ein Austauschjahr in Schweden absolvierte. Ich lernte innert dreier Monate fliessend Schwedisch ohne jeden Unterricht – weil ich eine andere Methode anwendete. Ich sprach vor der Firmengründung mit vielen Linguisten darüber, wie Menschen am besten Sprachen lernen. Der gemeinsame Nenner ihrer Antworten war: Wir haben eine angeborene Fähigkeit zu lernen. Es braucht ein klares Bedürfnis und viel Input, sprich: Wir müssen die Sprache hören. Dann müssen wir sie aktiv wahrnehmen, Fragen stellen. Und dann ist der Output entscheidend: Wenn wir sprechen können möchten, müssen wir sprechen und zwar mit Fehlern. Zudem gehört zum Lernen Spass, der Inhalt muss für die Lernenden relevant sein und es geht alles leichter, wenn wir mit jemandem lernen, mit dem wir uns gut verstehen.

Auf diese Prinzipien bauten Sie Ihre Sprachschule auf?

Genau. Wir bringen unsere Kunden mit Muttersprachlern zusammen, mit denen sie wichtige Interessen teilen. So vermitteln wir nicht nur Sprachkenntnisse, sondern vor allem Verankerung und Zugehörigkeit. Die Kunden lernen Deutsch oder Schweizerdeutsch direkt angewendet in einem für sie wichtigen Lebensbereich – im Museum, in einer Bar, beim Sport. So wird die Sprache als etwas Soziales, Verbindendes erlebt, nicht als schwierige Materie voller Fallstricke.

Sie bieten keine anerkannten Abschlüsse an und die Coaches, die Sie auf Stundenbasis beschäftigen, sind keine ausgebildeten Pädagogen. Werden Sie trotzdem als seriöser Anbieter wahrgenommen?

Die Nachfrage ist seit der Gründung 2017 stark gewachsen. Inzwischen schicken einige Konzerne und Relocation-Agenturen die internationalen Mitarbeiter zu uns. Ein formaler Abschluss sagt nichts über den Nutzen eines Kurses für eine Person aus. Unsere Kunden wollen eine Sprache nicht lernen, indem sie Lückentexte ausfüllen. Mir ist es extrem wichtig, dass sie die Freude am Sprachen-Lernen entdecken, dass sie sich wohlfühlen und nicht isoliert sind dort, wo sie leben. Das war übrigens auch der Grund, warum ich meine Firma schliesslich nicht im Rahmen dieses Gründungsprogramms aufbaute. Man sagte mir dort nach zwei Monaten, ich sei zu wenig business-fokussiert, zu visionär und es sei unklar, ob ich ein soziales Projekt realisieren oder ein Business aufbauen wolle – als ob das grundsätzlich ein Widerspruch wäre. Ich habe tatsächlich nicht primär auf das Wachstum und die Rendite geschaut und auch nicht auf die Skalierbarkeit. Viele Akteure in der Start-up-Welt sind extrem auf die spektakulären Erfolgsstorys fixiert und übersehen, dass rasches Wachstum und hoher Profit nicht die einzigen Indikatoren sind für Erfolg.

Woran messen Sie sich?

Für mich ist in erster Linie entscheidend, ob ich mich selber und die Firma weiterentwickle und ob dadurch etwas Sinnvolles entsteht, das allen Beteiligten Freude bereitet. Spannend ist, dass mir das Unternehmen immer spiegelt, wo ich selber stehe in meiner Entwicklung. Wenn ich mich unter Druck fühle oder etwas forcieren will, geht gar nichts voran, und sobald ich loslasse, vertraue und mich wieder mit der Freude verbinde, häufen sich die Kundenanfragen. Am eindrücklichsten habe ich das im letzten halben Jahr erlebt: Mein Vater erkrankte schwer, wodurch ich meine Prioritäten auf einen Schlag veränderte. Ich verbrachte viel Zeit mit ihm, wurde sanfter mit mir selber, löste mich vom Druck, etwas Spezifisches schaffen zu müssen. Und obwohl ich viel weniger Zeit bei der Arbeit verbrachte, kamen auch dort viele Dinge in Fluss, die vorher blockiert waren.

Kontakt und Information:

www.unumondo.ch oder larissa@unumondo.ch

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