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«Die besten Wohnorte sind auch die besten Orte zum Arbeiten»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 23. Juni 2018
Mark Dixon rät jungen Menschen, auf Reisen statt in Hörsälen zu lernen.

Mark Dixon rät jungen Menschen, auf Reisen statt in Hörsälen zu lernen.

Mark Dixon begann seine Unternehmerlaufbahn mit einem Sandwich-Lieferdienst, später wurde er durch das Vermieten von Büro-Arbeitsplätzen Milliardär. Zur Ruhe setzen will sich der 58-Jährige Brite noch lange nicht. Zuerst will der Chef derInternational Workplace Group den persönlichen Büro-Arbeitsplatz und damit das Pendeln abschaffen.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Dixon, wo befindet sich Ihr Büro?
MARK DIXON: Überall dort, wo ich meinen Kopf einschalte und eine gute Wlan-Verbindung habe. Der Hauptsitz des von mir gegründeten Unternehmens International Workplace Group befindet sich seit 2016 im Kanton Zug, aber wir sitzen selten dort zusammen im Büro. Ich arbeite oft im Flugzeug, wir betreiben ja 3300 Standorte in 110 Ländern. Regelmässig arbeite ich auch von Monte Carlo aus, wo ich wohne, oder in der Provence, wo ich das Hotel und Weingut Château de Berne betreibe. Mein Kernteam sehe ich vier Mal im Jahr, wenn wir uns aus guten Gründen für fokussierte Denkarbeit zusammenfinden. In der übrigen Zeit tauschen wir uns virtuell aus.

Sie haben 18’000 Geschäftsleute zum Thema «Flexibles Arbeiten» befragt. Demnach arbeiten mehr als die Hälfte der Befragten schon heute mehrheitlich ausserhalb des Büros. Und 93 Prozent der Befragten in der Schweiz sagen, flexible Arbeitsplätze führten zu höherer Produktivität. Gehört der fixe persönliche Arbeitsplatz schon bald der Vergangenheit an?
Wir treffen uns hier in Interlaken am Rand des Swiss Economic Forums. Warum pendeln die Leute von hier aus nach Bern, Zürich oder Genf? Es ist ein Anachronismus, dass die guten Jobs nur in diesen Städten gemacht werden können und Menschen 10 Stunden pro Woche und mehr ihrer Lebenszeit fürs Pendeln vergeuden. Wir investieren in den nächsten Jahren viel Geld, um auch in den kleinen Städten und in Dörfern eine moderne Arbeitsinfrastruktur zu errichten, aktuell etwa hier in Interlaken. Die besten Wohnorte sind auch die besten Orte zum Arbeiten. Und wenn die Menschen nicht mehr alle in die Grossstädte pendeln, entlastet das den Verkehr und wertet die Dörfer auf. Die Angestellten gewinnen Zeit für sich, für Beziehungen, fürs Vereinsleben.

Das klingt idyllisch. Der Grund, warum viele Unternehmen persönliche Arbeitsplätze abschaffen, ist aber ein anderer. Es kommt schlicht viel günstiger, wenn die Angestellten von zuhause aus arbeiten oder sich in externen Büros einmieten.
Das ist tatsächlich so, die Unternehmen können so rund 30 Prozent an Kosten sparen. Sie tun aber gut daran, einen Teil dieses Betrags wieder zu investieren, um den Zusammenhalt zu fördern. Für die Produktivität ist es gut, wenn Angestellte nicht jeden Tag am gleichen Ort mit den gleichen Kollegen arbeiten, aber die Identifikation kann darunter leiden. Es ist deshalb wichtig, die Kommunikation zu stärken und den sozialen Austausch zu fördern, etwa durch gelegentliche Feierabendanlässe oder indem das Unternehmen einen Fussballverein unterstützt und man zusammen Matches besucht. Im Übrigen empfehle ich nicht, von zuhause aus zu arbeiten. Nur drei Prozent der Erwerbstätigen bringen die notwendige Disziplin dafür auf, und die meisten von ihnen sind nicht verheiratet. Deshalb gibt es so wenige grosse Romane und brillante Schriftsteller.

Wie soll Teamwork in einem Unternehmen funktionieren, wenn die Mitglieder alle anderswo arbeiten?
Vor gut 10 Jahren hätten Sie mich gefragt: Wie soll ich meine Kontaktdaten und Termine im Griff haben, wenn ich keinen Terminplaner aus Papier mit mir herum trage? Dann wurden die Smartphones entwickelt, und überall, wo eine Mobilfunkantenne hinreichte, hatten alle plötzlich alles greifbar: ihre Termine, ihre Kontakte, ihre Fotos. Heute gibt es kaum noch Menschen, die ein Adressbuch und einen Terminkalender auf Papier führen. Die Arbeitswelt wird sich ähnlich dramatisch verändern. Die Bürowelten, die wir bauen, werden dann einen ähnlichen Stellenwert haben wie die Mobilfunkantennen für die Smartphones.

Dadurch verändern sich auch die Führung und die Vorstellung von Firmengrenzen grundlegend.
Ja, das ist so. In der Arbeitswelt von morgen können Vorgesetzte ihr Team nicht mehr überwachen und kontrollieren. Präsenz und Arbeitsaufwand verlieren an Bedeutung, entscheidend ist der Output, was jemand unter dem Strich leistet. Aber machen wir uns nichts vor: Auch wenn mein Mitarbeiter heute 10 Meter weiter drüben an seinem Pult sitzt, weiss ich oft nicht genau, was er gerade macht. Wenn er stattdessen in einem Co-Working-Standort in der Nähe seines Wohnorts arbeitet, ist er produktiver und kommt in Austausch mit interessanten Leuten aus verschiedenen Branchen, die ebenfalls dort arbeiten. Davon profitiere auch ich als sein Arbeitgeber.

Wie kamen Sie vor knapp 30 Jahren auf die Idee, in Brüssel die Firma Regus zu gründen und Geschäftsräume zu vermieten?
Ich bin seit meinem 16. Lebensjahr Unternehmer. Wenn mich etwas stört – und mich stören noch heute täglich viele Dinge – dann suche ich nach Möglichkeiten, es besser zu machen. Ich war damals als Geschäftsmann in Brüssel und versuchte, dort Büroräume zu mieten. Es war ein Albtraum – so viel Papierkram, so viel Bürokratie, so viele Hürden. Erst ärgerte ich mich masslos, dann begriff ich, was für ein Potenzial da brach lag. Gute Ideen hat man bekanntlich nicht in Kreativitätsworkshops, sondern wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht. Man muss nichts erfinden, aber gut hinschauen und dann alles daran setzen, als Erster eine überzeugende Lösung anzubieten.

Sie entstammen einfachen Verhältnissen, Ihr Vater war Automechaniker. Wie sind Sie zum Unternehmer geworden?
Ich habe mich nie mit der Realität angefreundet. Das zeichnet einen Unternehmer aus, dass er nie ganz zufrieden ist, immer nach besseren Lösungen sucht. Als Kind empfand ich die Schule als Zeitverschwendung. Ich suchte Inspiration in Büchern, vor allem in Biografien. Als ich alt genug war, verliess ich die Schule, zog einen Sandwich-Lieferdienst auf, der bei Kunden sehr beliebt war, mich aber bald in den Ruin trieb, weil ich zu viel Fleisch zwischens Brot packte. Aber schon bei diesem ersten Misserfolg merkte ich: Ich liebe den Wettbewerb, dieses Gefühl, alles auf eine Karte zu setzen. Dann bereiste ich die Welt, arbeitete in Minen in Australien, auf Farmen in Asien, als Holzfäller, Taxifahrer und als Barkeeper in St. Tropez, wo ich einmal Brigitte Bardot einen Drink mixen durfte. Das war meine Universität, diese vielen Berufe in allen Weltregionen, da lernte ich das Wesentliche über die Menschen und die Wirtschaft. Ich kann jungen Menschen nur empfehlen, die Zeit vor 30 nicht in Hörsälen oder Trainee-Programmen von Konzernen zu verschwenden, sondern zu reisen und Risiken einzugehen. Bis zum 30. Geburtstag kannst du 30-mal scheitern, danach sollte man sich vor einigen Dummheiten hüten.

Ihr Vermögen wird heute auf knapp 1,5 Milliarden Dollar geschätzt, aber Sie gelten auch als der Brite, der in kürzester Zeit am meisten Geld verloren hat, als die Dot-Com-Blase platzte. Welche Rolle spielt Geld in Ihren Aktivitäten?
Geld hat mich nie interessiert oder nur insofern, als ich es brauchte, um interessante Dinge zu realisieren. Als ich in kürzester Zeit fast alles verlor, war das sehr schlimm und gleichzeitig sehr gesund: Wir haben innert sechs Monaten das ganze Geschäft restrukturiert und konnten nach dem Crash günstig ein globales Büronetzwerk aufbauen. Ohne diese Niederlage hätten wir das nie so konsequent gemacht, da wären wir durch den Erfolg träge geworden. Heute hätte ich genug Geld, um in der Provence auf der faulen Haut rumzuliegen. Aber das wäre keine Erholung für mich, sondern eine Qual. Meine Erholung besteht darin, neue Herausforderungen anzunehmen, etwas Bedeutendes zu schaffen, das mich überlebt. Es ist 29 Jahre her, dass ich Regus gegründet habe, die Nachfolgefirma IWG hat heute 2,5 Millionen Kundinnen und Kunden und setzt 2 Milliarden Pfund um, aber nach meinem Verständnis sind wir noch immer ein Start-up. Wir können Schlafstädte wiederbeleben, den Leuten Zeit schenken und die Art, wie Menschen arbeiten, revolutionieren. Das sind für mich gute Gründe, jeden Morgen sehr aufgeregt ans Werk zu gehen.

Kontakt und Information: www.iwgplc.com

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12 Kommentare zu “«Die besten Wohnorte sind auch die besten Orte zum Arbeiten»”

  1. Roberto Furter sagt:

    “Zuerst will der Chef der International Workplace Group den persönlichen Büro-Arbeitsplatz und damit das Pendeln abschaffen”.
    Es gibt nicht nur Büroarbeitsplätze sondern auch Industrie und Handwerk, und viele Dienstleisungen ausserhalb von zu Hause, wie Verkehrs-/Lieferdienste, Reparatur/Montage, Gesundheitswesen, Rechenzentren, usw..
    – Mit dieser Realität muss man sich abfinden.

  2. Roberto Furter sagt:

    “Geld hat mich nie interessiert oder nur insofern, als ich es brauchte, um interessante Dinge zu realisieren” – Grosser Spruch eines Erfolgverwöhnten. – Geld ist v.a. sehr wichtig – wenn man es nicht hat. Wie will man sonst überleben?

  3. Rolf Rothacher sagt:

    Und wie steht es mit den Firmen-Geheimnissen? Wenn Mitarbeiter verschiedenster Unternehmen im selben Sharing-Büro sitzen, ist die Werkspionage vorprogrammiert. Und die Betreiber dieser Büros sitzen zusätzlich an der Quelle, können alles mitlesen/aufzeichnen. Und wo bewahre ich die Akten auf? Bei mir zu Hause? Und schlepp sie ins Sharing-Büro? Selbstverständlich kann man alles Digitalisieren. Doch diese Kosten sind am Ende höher, als die Einsparungen als Unterschied zwischen eigenen Büros und tage-/wochenweise gemieteten.

  4. Marius Lohri sagt:

    In meiner Erfahrung ist Home Office möglich, wenn die innere Motivation stimmt. Fehlt diese gerade, brauche ich dringend den Stimulus der gewohnten Arbeitsumgebung. Deshalb finde ich die Idee von shared workspaces in der Pampa – dort wohne ich – genial.

  5. Franz Eigensatz sagt:

    Die Desksharing-Idee ist so alt wie dumm.
    Heute wird diese unmenschliche Arbeitsweise wieder mit neuen
    Ignorante Manager die überrissene Boni bekommen, interessieren sich nur dafür, wieviel Fr. ein m2 Bürofläche kostet.
    Ob die Mitarbeiter in diesen lärmigen Umgebungen effizient arbeiten und zufrieden sind interessiert überhaupt nicht.
    Was unzufriedene Mitarbeiter, hohe Fluktuation und Effizienzverlust durch pemanente Störung kosten ?
    Etwa 10x mehr als diese Pseudoeinsparungen durch “verdichtete” Büroarbeitsplätze.

  6. Thedrik sagt:

    Wer kein Geld hat, denkt immer an Geld.
    Wer Geld hat, denkt nur noch an Geld.

  7. Erhard Fischer sagt:

    Tatsächlich. Sinnfrei daherschwafeln kann man überall. Aber das Arbeit und erst noch produktiv zu nennen ist doch etwas vermessen.

  8. Roberto Furter sagt:

    @Marius Lohri: Auf eine Südseeinsel fände ich das auch ganz praktisch. Da wird man auch nicht abgelenkt.

  9. Konrad Staudacher sagt:

    Die Aussage “In der übrigen Zeit tauschen wir uns virtuell aus.” ist sprachlich falsch.
    – ‘Ein virtueller Arbeitsplatz’ ist ein ‘real nicht existierender Arbeitsplatz’. Er besteht nur gedanklich, nicht in der Realität.
    – Entsprechend findet ‘ein virtueller Austausch’ real nicht statt …
    – Vorliegend müsste dieser Mark Dixon von einem ‘mobilen Arbeitsplatz’ + vom ‘uns elektronisch Austauschen’ sprechen.

    Das Problem könnte dem Fakt geschuldet sein, dass Deutsch nicht seine Muttersprache ist. Nur: Auf Amerikanisch präsentiert sich das gleich …

  10. Konrad Staudacher sagt:

    … auf Britisch auch …

  11. Fanchini sagt:

    Indeed Indeed

    Deutsch ist halt leider die fachlichste, mathematischte Sprache der Welt. Das wird einem beim Unterrichten / Informatik mit jedem Jahr bewusster.

    Hemmt natürlich auch( wie Berge) weil es auch Hemmungen multipliziert.

    Kann dadurch Hinterhofgaragenkarrieren verunmöglichen.

    In japanisch brauche ich zum beschreiben eines neuen Ferrari Models z.B. 3 A4 Seiten. Deutsch in 2 Sätzen mit 5 Attributen

    habe fertig

  12. Peter Aletsch sagt:

    “Es ist ein Anachronismus, dass die guten Jobs nur in diesen Städten gemacht werden können…. Wir investieren in den nächsten Jahren viel Geld, um auch in den kleinen Städten und in Dörfern eine moderne Arbeitsinfrastruktur zu errichten.” Wenn dann die Unternehmenssteuern am effektiven Arbeitsplatz erhoben werden, dann fällt der Mythos von den ‘produktiven progressiven links-grünen Städten und dem unproduktiven rückständigen Umland’ und Finanzausgleich ist auch nicht mehr so nötig.