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«Mit 26 Jahren warf ich alle Sicherheit über Bord»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 16. Juni 2018
Livia Anne Richard schlug den elterlichen Rat, bei der Wahrheit zu bleiben, in den Wind. Foto: Hannes Zaugg-Graf

Livia Anne Richard pendelte schon als Kind zwischen Realität und Traumwelt.  Foto: Hannes Zaugg-Graf

Kaufmännische Lehre, PR- und Management-Ausbildung: Livia Anne Richard machte in jungen Jahren viele vernünftige Dinge, doch ihre Leidenschaft galt dem Theater. Als sie sich erlaubte, konsequent auf diese Karte zu setzen, öffneten sich bald wichtige Türen. Nun bringt die Berner Autorin und Regisseurin ein Stück über stressgeplagte Berufsleute auf die Gurten-Freilichtbühne.

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau Richard, Sie sind bekannt geworden durch Ihre Freilichttheater-Aufführungen auf dem Berner Gurten oder in Zermatt. Diesmal steht auf dem Gurten kein Theater-Klassiker auf dem Programm, sondern Ihr Stück «Abefahre!», das sechs Stressgeplagte beim angeleiteten Entschleunigen zeigt. Was hat Sie an diesem Thema gereizt?

LIVIA ANNE RICHARD: Das Paradoxe und Widersprüchliche zieht mich seit langem an und es eignet sich gut für die Bühne. Ich finde es interessant, dass in unserer auf pausenlose Hochleistung getrimmten Gesellschaft eine ganze Industrie entstanden ist, die Entspannung anbietet. Seltsam ist, dass man so natürliche Dinge wie Durchatmen, Lachen oder Naturerlebnisse in teuren Kursen wieder lernen muss. Offenbar haben viele von uns den Zugang zu sich selber verloren, weil sie sich so sehr abstrampeln in den Tretmühlen der Arbeitswelt. Inzwischen haben viele Unternehmen erkannt, wie teuer es sie zu stehen kommt, wenn Angestellte erst ausbrennen und dann ausfallen. Deswegen schicken sie die Mitarbeiter präventiv in alle möglichen Kurse – allerdings oft nicht mit dem Ziel, dass diese sich nachher besser abgrenzen, sondern in der Hoffnung, dass sie dann noch effizienter funktionieren im Hamsterrad. Da beisst sich die Katze in den Schwanz. Ich glaube, wenn wir nicht ernsthaft umdenken und den Wachstums- und Tempowahn hinterfragen, fliegt uns das System bald um die Ohren.

Mag sein – aber ist das ein packender Stoff für die Bühne?

Ich habe kein moralisierendes Stück geschrieben, sondern eine Komödie, bei der einem das Lachen auch mal im Hals stecken bleibt. Sechs sehr unterschiedliche Teilnehmer treffen in einem Entschleunigungs-Seminar aufeinander. Nicht alle sind freiwillig da, manche auf Druck des Arbeitgebers oder wegen eines Ultimatums der Ehefrau. Als der Coach sie zu Beginn fragt, wer sie seien, nennen alle ihre berufliche Funktion. Erst allmählich bröckelt die Fassade, hinter der Rolle werden die Individuen mit ihren Ängsten und Verletzungen sichtbar. In der Arbeitswelt ist diese Entpuppung oft weder möglich noch erwünscht. Die Leute spielen ihre Rolle, verhalten sich opportunistisch, bemühen sich, keine Schwäche zu zeigen, nicht angreifbar zu sein. Das allein erzeugt einen grossen Druck und sorgt dafür, dass viel geschimpft und gestritten wird, ohne dass die persönlichen Themen zur Sprache kämen. Ein Kernsatz des Stücks lautet: Jeder soll arbeiten gehen, weil er wertvoll ist, nicht damit er wertvoll ist. Man sollte sich seinen Wert nicht durch Überanpassung erkaufen müssen.

Wie war das bei Ihnen? Sind Sie schon in jungen Jahren beruflich Ihren eigenen Weg gegangen?

Ich stamme nicht aus einer Künstler-Familie und lernte erst mit der Zeit, die mahnenden Stimmen meiner Eltern zu relativieren und mich auf mein eigenes Bauchgefühl zu verlassen. Mein Vater war Chef der Schadensabteilung einer grossen Versicherung. Auch meine Mutter tendierte zur Vorsicht. Folgerichtig nahm ich eine kaufmännische Ausbildung in Angriff, rebellierte aber nach zwei Jahren und setzte gegen fünf Instanzen durch, dass ich ein Austauschjahr in Kalifornien absolvieren konnte. Dort entdeckte ich an der High School, worin ich wirklich gut war. Im Fach «public speaking» schrieben wir einen Essay und trugen diesen auf der Bühne vor. Ich schrieb ein Stück mit dem Titel «Why people are lonely», in dem ich einen alten Mann, ein übergewichtiges Mädchen und eine behinderte Person darstellte. Als ich fertig war, hatte meine Dozentin Tränen in den Augen. Da wusste ich, dass ich etwas gefunden hatte, bei dem ich in meinem Element war und andere berührte.

Zurück in der Schweiz schlossen Sie trotzdem erst einmal die KV-Lehre ab.

Genau, das war der Deal. Und ich hängte sogar noch eine PR-Ausbildung an, arbeitete als Flugbegleiterin für die Balair und absolvierte eine weitere Management-Ausbildung. Meine Leidenschaft lebte ich in der Freizeit auf der Theaterbühne aus. Im Alter von 26 Jahren entschied ich mich, alles Vernünftige und Sichere aufzugeben und ganz auf die Karte Theater zu setzen. Das war nicht nur finanziell einschneidend, sondern auch sozial: Ich war die einzige, die bei dieser Entscheidung ein gutes Gefühl hatte, und fühlte mich zu Beginn entsprechend allein. Dann spürte ich aber bald, wie beglückend es war, so viel Ballast abzuwerfen und ganz in eine Welt einzutauchen, die mich schon immer magisch angezogen hatte.

Wollten Sie schon als Kind Schauspielerin werden?

Nein, als Kind hatte ich den naiven Wunsch, Frieden zu stiften auf der Welt – mir hatte niemand gesagt, dass das kein Beruf ist. Ich fiel durch eine überbordende Phantasie und ein starkes Sensorium für Menschen auf. Wenn ich am Nebentisch eine Familie sah, fühlte ich mich leicht in die Personen ein, spürte den Ärger des Vaters, die Traurigkeit der Mutter, die Angst oder Ungeduld der Kinder. Dann spann ich die Geschichte für mich weiter, die Realität ging in eine Traumwelt über – für mich waren das fliessende Grenzen. Meine Mutter hat mich oft ermahnt, bei der Wahrheit zu bleiben. Durch die Entscheidung, ganz auf die Karte Theater zu setzen, gab ich mir wohl unbewusst selber die Erlaubnis, wieder in die Phantasiewelt einzutauchen. Das Theater als Scheinwelt, die sehr ehrlich, direkt und unverstellt funktioniert, war ein wunderbares Ventil für meine überschäumende Phantasie. Je tiefer ich eintauchte, desto mehr Inspiration empfing ich. So träumte ich eines Nachts, auf dem Gurten Theateraufführungen zu veranstalten – ein beglückendes Bild, das sich zwei Jahre später tatsächlich verwirklichte. Auch sonst öffneten sich auffallend viele Türen vom Moment an, als ich meinem Bauchgefühl folgte.

Zum Beispiel?

Meinen Einstieg ins Regiefach verdanke ich traurigen Umständen: In den ersten Jahren arbeitete ich hauptsächlich als Schauspielerin, war aber daneben als Assistentin für den erfahrenen Schauspieler und Regisseur Franz Matter tätig. 1999 rief Franz mich eines Morgens an und bat mich, sofort zu ihm zu kommen. Er sagte mir, er werde bald sterben, leide an einem Krebsleiden im Endstadium. Und er bat mich, für ihn die Inszenierung eines gigantischen Theaterprojekts mit 120 Mitwirkenden zu übernehmen, da seine Kraft dafür nicht mehr ausreiche. Ich war geschockt – und stand schon am nächsten Nachmittag als Regisseurin vor all diesen Leuten. Irgendwie ging es, gut wurde es nicht. Sechs Wochen später ging die Premiere über die Bühne, neun Wochen später war Franz tot. Und ich bin seither nur noch für ein einziges Projekt auf der Bühne gestanden und habe mich sonst ganz auf die Regie- und Autorenarbeit konzentriert.

Hilft der kaufmännische Abschluss, wenn Sie berechnen müssen, ob sich eine grosse Produktion finanziell stemmen lässt?

Nicht wirklich. Ich verlasse mich bei wichtigen Entscheidungen auf meine Intuition und meine Mitarbeiterinnen, weil ich nie eine gute Rechnerin sein werde. Dank Partnerschaften mit Unternehmen und Gönnern ist mein Risiko überschaubar, ich kann heute vom Theater leben und bin sehr dankbar dafür. Wenn ich ein Wagnis eingehe und wie bei Ionescos Stück «Die Nashörner» absurdes Theater in adaptierter Form ins Programm nehme, kommen weniger Leute und entsprechend verdiene ich viel weniger. Auch «Abefahre!» war ein Wagnis, aber erfreulicherweise sind schon über 10’000 Tickets im Vorverkauf abgesetzt worden. Also: Mal läuft es, mal ziehe ich einen Schuh raus. Die finanziellen Schwankungen machen mir heute keine Angst mehr. Das Wertvollste ist für mich ohnehin nicht finanzieller Luxus, sondern das Privileg, nicht mehr in fremder Sache Erfolg anstreben zu müssen. Ich folge meinen Interessen und kann so etwas schaffen, das weit über mich selber hinausgeht und andere bewegt.

Kontakt und Information: livia.richard@theatergurten.ch oder www.theatergurten.ch

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