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«Wir leben in einer todesvergessenen Gesellschaft»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 4. März 2017
Rolf Arnold, Pädagogikprofessor an der Technischen Universität Kaiserslautern.

Rolf Arnold, Pädagogikprofessor an der Technischen Universität Kaiserslautern.

Lebenslang lernen, leistungsfähig und produktiv sein – diesem Imperativ kann sich in unserer Gesellschaft kaum jemand entziehen. Rolf Arnold, Pädagogikprofessor an der Universität Kaiserslautern, gibt in seinem neuen Buch* Gegensteuer und fordert uns auf, dem Tod ins Auge zu blicken und die Restbiografie bewusst zu gestalten.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Arnold, Sie beschäftigen sich als Pädagogikprofessor normalerweise mit Erziehungs- und Didaktikfragen. Wie kommt es, dass Sie nun ein Buch über die letzten Kapitel des Lebens vorlegen?

ROLF ARNOLD: Es ist nicht richtig, dass sich die Pädagogik auf Themen wie Kinderziehung und Schulbildung beschränkt. Denken Sie nur an die grossen Pädagogen Jean-Jacques Rousseau und Johann Amos Comenius: Ihr Blick war nicht auf die Jugend, sondern auf den ganzen Lebenslauf gerichtet. Und beide stimmten darin überein, dass die vielleicht wichtigste Aufgabe des Lebens in der Vorbereitung auf den Tod besteht. Die Auseinandersetzung mit dem letzten Kapitel unseres Lebens ist also kein neues Motiv in der Pädagogik, auch wenn sie seit den 1970er-Jahren etwas in Vergessenheit geraten ist. Heute reden so viele Kollegen vom lebenslangen Lernen und der permanenten Selbstverwirklichung, da schadet es nicht, wenn einer, der selber nicht mehr in Aufbruchstimmung ist, auf die Begrenztheit unseres Lebens hinweist und fragt, wie wir die letzten Kapitel bewusst gestalten können.

«Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen» – was können wir heute aus dieser Zeile eines gregorianischen Chorals lernen?

Schon Seneca und Cicero lehrten uns, dass wir unser Leben nur mit Tiefgang gestalten können, wenn wir bereit sind, dem Tod ins Auge zu blicken und über uns hinauszudenken. Ich greife diese Thematik auch bei der Arbeit mit Führungskräften auf. Wer sich klar wird, wofür er führt jenseits des persönlichen Interesses, fällt klugere Entscheidungen. Wer hingegen der Illusion verfällt, er sei der Nabel der Welt und es gehe immer so weiter, der läuft Gefahr, kurzsichtige und falsche Entscheidungen zu fällen, wie wir das derzeit in der amerikanischen Politik gut beobachten können.

Der Untertitel Ihres Buches lautet «Perspektiven für die Restbiografie». Der Begriff Restbiografie klingt trostlos.

Bis zu einem gewissen Grad bleiben wir tatsächlich ungetröstet, wenn wir uns auf den Abschied vorbereiten. Schlimmer ist es freilich, unsere Endlichkeit zu negieren. Wir leben in einer todesvergessenen Gesellschaft, unsere Götzen sind der Marktwert, die Nützlichkeit, die ewige Jugendlichkeit, die sich in nie erlahmender Aktivität und straffer Haut manifestiert. Wir tun gut daran, nicht nur in fachliche Weiterbildung, sondern auch ins Philosophieren und speziell in abschiedliche Bildung zu investieren, wie Verena Kast dies genannt hat. Sich auf anstehende Abschiede vorzubereiten, kann zum Beispiel heissen, das Emporkommen jüngerer Menschen zu begünstigen, verstärkt in Resonanz zu sein mit seinem Umfeld, integrativ zu wirken, statt autistisch vor sich hinzustürzen und verzweifelt gegen die Vergänglichkeit anzukämpfen.

Richtet sich Ihr Buch an Menschen im Rentenalter oder wann beginnt die «Restbiografie»?

Die Restbiografie ist die Zeit, die noch vor uns liegt – man kann sich gar nicht früh genug damit beschäftigen. In der ersten Lebenshälfte haben wir die Wahl aus einer Vielzahl von Optionen, können zu neuen Ufern aufbrechen, uns beweisen, dazulernen, mehr Verantwortung übernehmen. Mit der Zeit nehmen die Optionen ab, wir merken, dass wir nicht nur durch unsere Gene und unser Umfeld konditioniert sind, sondern auch durch das, was wir für unsere Identität halten. Veränderung ist zwar noch möglich, aber wir sind stark geprägt durch unsere Biografie und können uns nicht neu erfinden – auch dann nicht, wenn wir Frau und Kinder sitzen lassen zugunsten einer Frischzellenkur mit einer markant jüngeren Frau.

Seine grösste Furcht sei die vor der Wiederholung, schrieb Max Frisch. Wie entkommt man der Wiederholung?

Glücklicherweise bewahrt uns unsere Sterblichkeit vor ewiger Wiederholung. Das wird einstweilen so bleiben, trotz aller Euphorie mancher Unternehmer und Wissenschaftler im Silicon Valley. Der Tod fordert uns auf, uns über die grossen Fragen des Lebens Gedanken zu machen, Dinge zu klären, vieles loszulassen, uns mit manchem zu versöhnen und uns in Gelassenheit zu üben. Wichtig scheint mir, dass wir die Selbstreflexion verstärken und dadurch der Gefahr begegnen, die gleichen Muster lebenslang zu wiederholen.

Max Frisch, den Sie mehrmals zitieren, ist kein sehr ermutigendes Beispiel.

Das mag sein. Die systemischen Therapieansätze, die seit den 1990er-Jahren verbreitet zum Einsatz kommen, haben entscheidend mitgeholfen, dass mehr Menschen ihre Muster erkennen und ihre Persönlichkeit entwickeln können. Es geht nicht darum, ein anderer zu werden, sondern zu werden, wer man ist. Niemand ist beispielsweise dazu verdammt, die entbehrte Zuwendung vom Vater sein Leben lang als zentralen Antrieb zu verwenden. Durch Reflexion und Verstehen können wir uns von solchem Wiederholungszwang lösen. Der Mensch ist ein lernendes Tier, das als einziges um seine Begrenztheit weiss und daran wachsen kann. Dennoch leben erstaunlich viele Menschen unter einem Imperativ, der ihnen in früher Kindheit eingepflanzt wurde – etwa indem sie versuchen, einen nicht erfüllten Traum ihrer Eltern zu realisieren. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Restbiografie gibt eine Gelegenheit, auf Distanz zu gehen zu sich und seinem Leben und die letzten Weichen bewusst zu stellen.

Sie werden 65 und erreichen somit das Rentenalter. Was ändert sich für Sie persönlich dadurch?

Als Professor entgehe ich dem Schicksal der Zwangspensionierung und bin so etwas wie ein geschütztes Exemplar. Obwohl ich noch drei oder fünf Jahre weitermachen könnte, habe ich früh mit der Identifizierung und Förderung eines Nachfolgers begonnen. Mein Glück ist, dass Beruf und Privatleben sehr nahe beieinander liegen. Meine Passion ist das Denken und das Schreiben, dafür werde ich immer Räume finden. So kann ich mich weiterhin auf Neues einlassen und gleichzeitig versuchen, mein Leben zu einem Gelingen abzurunden. Und komme gar nicht erst in Versuchung, als knackiger Konsument «forever young» bleiben zu wollen.

Information: www.sowi.uni-kl.de oder arnold@sowi.uni-kl.de

 

* Das Buch: Rolf Arnold: Es ist später, als du denkst. Perspektiven für die Restbiografie. Hep Verlag 2017.

 

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5 Kommentare zu “«Wir leben in einer todesvergessenen Gesellschaft»”

  1. Tom sagt:

    In zehn Jahren ist mein ‘aktives’ Berufsleben auch vorbei. Wenn man mich fragt, was ich dann machen werde, sage ich immer scherzhaft, dass ich mir einen Hund kaufen und mit ihm in den Strassencafes sitzen und entspannt den jungen Frauen nachsehen werde. Mit dieser Metapher meine ich aber vielmehr, dass es mein Ziel ist, dereinst mit dem Gefühl des Nichtstuns zurechtkommen zu können. Das ist ja für uns jahrzehntelang fremdbestimmte, auf konstante Leistung getrimmte Wesen nicht einfach. Zudem stauen sich bei vielen Sehnsüchte, die dann nach 65 endlich gelebt werden sollen. Danke für den…

  2. PETER F. RITTER sagt:

    Arbeit im Alter,kann ein grosser Segen sein. Die Angst von “100” auf “0” zu gehen ist berechtigt, denn viele Zusammenbrüche kommen, wenn plötzlich die totale “Freiheit” Realität ist. Ich kann nur empfehlen, dass man sich, besonders wenn man psychisch und physisch noch fit ist, Tätigkeiten widmet, welche einen kleinen %-Satz an geforderter Leistung enthalten. Das bringt mir grosse Befriedigung, denn dadurch entstanden neue Kontakte. Das Selbstwertgefühl bleibt hoch, denn man ist geschätzt. Mit nun 76 sind die “Ende-Gedanken” akzeptiert. Der Tod verliert seine Trumpfkarte der Angst.

  3. maja na sagt:

    Das ganze Leben wird man begleitet, wenn nicht gar belästigt, von Ratgeber, die glauben sie hätten das Ei des Columbus gefunden. Ich für meinen Teil werde mein Alter so leben wie ich es will und nicht irgendwelchen Statistiken etc. auf den Leim kriechen.

  4. magerius sagt:

    Das beste was ich seit langem über diese Thema gelesen habe.Dank an Professor Arnold.

  5. Schäfer Herbert sagt:

    Rente ist ein Wort das von Mensch geschaffen wurde . Jeder muß abwegen wie er mit umgeht, beziehunhsweise wie seine Käfte vorhanden sind. Wenn man sich noch nicht mit befasst hat, sollte man sich einmal Gedanken machen wo die Energie herkommt,und was man selbst für eine Aufgabe hat. Ich danke Herrn Kurmann dafür, das er mir bestättigt hat, dass die Schöpfung nach einer ganz klaren Schöpfungsregel abläuft. Noch ein Satz hierzu, in der geistigen Welt gibt es keine Krankheit. Der Körper ist Materie. Weil ich mich mit geistigen Dingen schon mein ganzes Leben beschäftige würde ich mich freuen wenn