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«Es war eine einzige Tortur – und die beste Zeit meines Lebens»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 19. November 2016
Christoph Rehage, Sinologe und Abenteurer.

Christoph Rehage, Sinologe und Abenteurer.

Mit zwanzig fühlte sich Christoph Rehage nicht bereit für den Ernst des Lebens. Er jobbte ein Jahr lang in Paris, kehrte zu Fuss nach Deutschland zurück, studierte zwei Jahre Sinologie in München und setzte sein Studium in Peking fort. Dort fasste er den Entschluss, den Heimweg wieder zu Fuss anzutreten. An seinem 26. Geburtstag brach er auf zu einer Expedition mit ungewissem Ausgang.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Rehage, wie wurden Sie vom braven Studenten zum Abenteurer?

CHRISTOPH REHAGE: Ich wollte eigentlich gar nicht studieren, das war eine reine Vernunftentscheidung – und nur teilweise meine eigene. Wenn du zwanzig bist, sind ja alle möglichen Leute vernünftig an deiner Stelle. Alle sagen dir, es müsse etwas Rechtes aus dir werden. Mir ging das bald auf die Nerven. So packte ich nach dem Zivildienst meinen Rucksack und fuhr erst einmal mit dem Bus nach Paris. Dort jobbte ich zuerst im McDonald’s und später im Louvre und genoss ansonsten diese aufregende Stadt. Nach einem Jahr fand mein Vater, es sei jetzt an der Zeit, dass der Sohn nach Hause zurückkehre und sich dem Ernst des Lebens stelle.

Und Sie fügten sich, wählten aber die langsamste Fortbewegungsart.

Genau. Ich wollte weder weg von Paris noch an eine Universität, also sagte ich mir: Wenn ich zu Fuss losmarschiere, komme ich nicht zu bald in meiner Heimat an. Ich war nie ein grosser Wanderer gewesen, war vermutlich bis zu dem Zeitpunkt nie länger als zwei Stunden am Stück marschiert; aber die Vorstellung, einen Ort, den man ins Herz geschlossen hat, langsam am Horizont verschwinden zu sehen, gefiel mir. So sollte eine banale Rückreise zu einem Abenteuer, einer Entdeckungstour werden. Insgeheim sah ich mich ein wenig auf den Spuren der Legionäre, die Europa zu Fuss durchschritten hatten.

Wurde es zu einem Triumphzug?

Es war eine einzige Tortur. 800 Kilometer in 23 Tagen, und das im Hitzesommer 2003. Ich hatte weder Geld für ein Hotel noch für ein Restaurant, noch nicht einmal für ein Zelt, also übernachtete ich im Schlafsack auf Feldern oder unter Balkonen bei Regen. Und doch gab es immer wieder goldene Momente, ein malerischer Sonnenaufgang nach einer unruhigen Nacht zum Beispiel oder dass ich mich ohne Plan intuitiv für den richtigen Weg entschied. So kam ich zwar sehr ausgezehrt und schmutzig, aber seltsamerweise auch happy zuhause in Bad Nenndorf an. Die Erinnerung verklärt die Dinge schnell, ich hielt meinen qualvollen Fussmarsch für die beste Zeit meines Lebens.

Und dann gings doch an die Uni.

Ja, ich schrieb mich aus Ratlosigkeit in München für Politik und Geschichte ein mit dem vagen Ziel, später vielleicht Journalist zu werden. Ich brauchte noch ein zweites Nebenfach und schrieb mich aus pragmatischen Überlegungen für Chinawissenschaften ein. So hielt ich zwei Jahre lang durch, aber ich hasste mein Leben von ganzem Herzen. Das hatte nicht nur mit dem Studium zu tun, sondern auch mit München. Die wahre Trennlinie in Deutschland verläuft ja nicht zwischen Ost und West, sondern zwischen Nord und Süd – die Semmel-Brötchen-Grenze sozusagen. Ich fand diese beschaulich-konservative Welt in München grauenhaft, aber am meisten ärgerte ich mich wohl über mich selber, dass ich Paris gegen dieses München getauscht hatte.

Deshalb suchten Sie nach zwei Jahren wieder das Weite?

Mein Plan war immer: Schreib eine gute Zwischenprüfung und studiere dann in China weiter. Ehrlich gesagt hatte ich zu dem Zeitpunkt keine grosse Ahnung von China. Während die Studienkollegen über traditionelle chinesische Medizin, Tee-Zeremonien oder Kung Fu debattierten, beschränkte sich mein Grundwissen auf Reis, Bruce Lee, Mao und die Mauer. Als ich dann die Zusage fürs Austauschjahr in Peking inklusive Stipendium hatte und der Abflugtermin näher rückte, wurde mir sehr mulmig zumute. Ich bin – auch wenn mir das heute niemand mehr glauben will – im Grunde ein recht ängstlicher Mensch. Ich wage verrückte Dinge trotz meiner Angst, nicht weil ich angstfrei wäre. Und ich hatte sehr viele Ängste mit im Gepäck, als ich nach Peking flog.

Welches waren die ersten Eindrücke in dieser Metropole?

Ich war überwältigt und eingeschüchtert von der Grösse der Stadt. Und ich tat mich sehr schwer, mich im Alltag zurechtzufinden. Nach zwei Jahren Sinologie an der Universität München konnte ich Konfuzius-Texte entziffern, aber weder nach dem nächsten Supermarkt noch nach einer Toilette fragen. Und im städtischen Busverkehr war ich verloren. Jedes Mal, wenn ich zu einer Expedition in Richtung Supermarkt aufbrach, hatte ich eine Art Überlebensrucksack mit Wasser und Immodium dabei. So lernte ich im ersten Jahr primär Chinesisch und im zweiten an einer Filmhochschule das Handwerk der Kameraführung. Oft schwänzte ich allerdings den Unterricht, unternahm Entdeckungsreisen ins Hinterland und sehnte mich nach den Glücksgefühlen des Paris-Marsches. Und eines Tages war da diese Stimme, die sagte: Du könntest ja auch von hier aus zu Fuss nach Hause marschieren.

Kein sehr realistisches Unterfangen.

Das fand meine Familie auch, als ich erstmals darüber sprach. Und meine Freunde meinten: Jetzt versucht er sich wieder wichtig zu machen. Mir war die Sache eher peinlich, ich kam mir vor wie ein kleines Mädchen, das allen Ernstes sagt, es wolle Prinzessin werden. Aber ich hatte einen Atlas konsultiert und gesehen: Das ist grundsätzlich machbar auf dem Landweg, zuerst lange durch China, dann durch Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan, Turkmenistan, Aserbaidschan, Armenien, die Türkei … und der Rest würde sich dann schon finden lassen. Mit jedem Tag nahm ich meine verrückte Idee ernster, studierte die klimatischen Bedingungen in den verschiedenen Ländern und schrieb die deutschen Konsulate an. Zu meiner Überraschung antworteten all diese diplomatischen Vertreter und keiner hat mir dezidiert abgeraten. Der Konsul in Kasachstan riet mir einzig, ich solle mir das Land am besten nicht zu klein vorstellen.

Sie haben sich diesmal also seriös vorbereitet?

Ja, ich hatte einige Bücher gelesen und mich bei TV-Journalisten und Abenteurern über vieles erkundigt. Und ich sah das Ganze diesmal nicht einfach als Spass, sondern als seriöses Projekt. Ich nahm mir vor, täglich zu bloggen, Begegnungen mit der Kamera festzuhalten. Entsprechend akribisch recherchierte ich im Voraus. Bis ich von Philippe Valéry, der zu Fuss von Marseille nach Kashgar im äussersten Westen Chinas gereist war, den entscheidenden Rat erhielt: Wie es nicht den perfekten Moment für ein Kind oder einen Berufswechsel gebe, schrieb mir der Franzose, sei man nie gut genug vorbereitet für eine solche Reise – nach zwei Tagen so wenig wie nach zwei Jahren. Man zerbreche sich zwangsläufig über die falschen Fragen den Kopf. Entscheidend sei deshalb, den ersten Schritt zu machen und loszulaufen. Das überzeugte mich und so machte ich mich am Tag meines 26. Geburtstags auf den Weg.

Teil 2 des Interviews folgt in einer Woche an dieser Stelle.

 

 

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