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«Wer aufhört zu träumen, verliert einen Teil seiner Seele»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 18. Juli 2015
John Croft, Begründer der Dragon-Dreaming-Methode.

John Croft, Begründer der Dragon-Dreaming-Methode.

«Jedes Projekt auf dieser Welt begann mit dem Traum eines Einzelnen, der diesen Traum geteilt hat», sagt John Croft. Der Australier hat die Dragon-Dreaming-Methode entwickelt, die weltweit immer mehr Anhänger findet. Er möchte mit seinem Engagement zu einem Kurswechsel beitragen und mehr Wachstum und Kooperation statt zerstörerischer Konkurrenz ermöglichen.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Croft, Sie haben in den letzten 30 Jahren in Dutzenden von Ländern Tausende von Projekten gefördert. Gibt es einen roten Faden in all diesen Tätigkeiten?

JOHN CROFT: O ja, den gibt es. Ich bin in der Zeit des Kalten Kriegs gross geworden. Das Szenario auf unserem Planeten war sehr bedrohlich: Es gab 25’000 Nuklearwaffen, und es war, als ob sich die Menschheit auf einen Knall, einen plötzlichen Suizid zubewegte. Glücklicherweise ist das nicht passiert. Heute ist die Bedrohungslage anders, aber nicht weniger ernst: Es scheint, als seien wir im Begriff, einen Zeitlupe-Suizid zu sterben. Wenn wir in diese Richtung weitergehen, mit diesen andauernden Kriegen, der Zerstörung der Umwelt, der Spaltung zwischen Arm und Reich, den zerstörerischen Finanzmärkten, den schädlichen Emissionen, dann überleben wir das nicht mehr lange. Wir brauchen dringend einen Kurswechsel.

Und Sie wollen den herbeiführen?

Als Kind habe ich mich entschieden, mich mit meiner ganzen Kraft der Frage zu widmen, wie wir diesen Kurswechsel schaffen können. Ich bin überzeugt, dass es dafür eine dritte grosse Wende braucht, vergleichbar den beiden vorangegangenen: dem Übergang vom Jagen und Sammeln zur Sesshaftigkeit und der industriellen Revolution. Klar ist, dass wir nicht mehr Jahrhunderte zuwarten können beim aktuellen Bevölkerungswachstum und der fortschreitenden Zerstörung der Welt. Es muss uns gelingen, die menschliche Kreativität zu stimulieren und auf ein noch nie erreichtes Niveau anzuheben. Es spricht viel dafür, dass wir die aufregendsten Jahrzehnte der Menschheitsgeschichte vor uns haben.

Kreativität ist nicht per se positiv, die Entwickler der Atombombe brauchten sie auch. Entscheidend ist doch, wofür man sie einsetzt.

Entscheidend ist die Kultur, in der wir kreativ sind. Derzeit sind wir sehr in einer Gewinner-Verlierer-Kultur verhaftet. Sie zeigt sich zum Beispiel in der Polarität zwischen Arm und Reich, wo die einen immer noch reicher werden auf Kosten der anderen. Eines meiner wichtigsten Anliegen ist es, mehr Win-win-Situationen zu kreieren. Ich bin Australier. In Australien haben wir 60’000 Jahre Erfahrung mit der Win-win-Kultur – anders hätten die Aborigines nicht überleben können. Hier in Australien habe ich vor gut 30 Jahren die Gaia Foundation gegründet und später die Dragon-Dreaming-Methodik entwickelt. Dragon Dreaming ist ein spielerischer Ansatz für Projektentwicklung. Die Maxime ist, dass jedes Projekt dreifachen Nutzen generiert: Es soll dem persönlichen Wachstum der Beteiligten dienen, die Gemeinschaft fördern und die Welt besser machen.

Das klingt – mit Verlaub – ein wenig naiv. In der Wirtschaftswelt stehen Wettbewerb, Marktanteile und Profit im Vordergrund, nicht Selbstverwirklichung und Weltverbesserung.

Ja, das war die Logik der letzten Jahrzehnte: Trennung, Konkurrenz, Krieg und destruktives Wachstum. Das Problem an den Win-lose-Games ist, dass sie nur so lange funktionieren, wie der Verlierer die Chance hat, das nächste Mal der Gewinner zu sein. Wenn man als Verlierer immer wieder mitspielen muss ohne Chance auf den Sieg, dann beginnt man das Spiel zu sabotieren. Und dann verwandelt sich das Ganze rasch in ein Lose-lose-Game, in dem es nur Verlierer gibt. Betrachten Sie die Flüchtlingsdramen der letzten Monate, wie Westeuropa und die USA ihre Umweltverschmutzung nach Asien exportieren oder den mörderischen Kampf um Rohstoffe für unsere Unterhaltungselektronik im Kongo: Das sind auf Dauer alles Lose-lose-Games.

Was können Einzelne oder kleine Gruppen dagegen unternehmen?

Das ist eine wichtige Frage, weil leicht der Eindruck entsteht, angesichts der grossen Herausforderungen sei alles Engagement wirkungslos. Das stimmt aber nicht. Ein Beispiel dazu: Slowenien litt lange unter der extremen Verschmutzung des Landes, überall lag Abfall herum. Es brauchte die Initiative eines einzigen Mannes, der an einem Dragon-Dreaming-Workshop in Finnland teilgenommen hatte, um das Problem zu lösen. Nara Petrovic schaffte es, am 17. April 2010 rund 300’000 Leute zu mobilisieren, die am Clean-up-Day in Slowenien mitmachten und 140’000 Tonnen Abfall einsammelten. 300’000 Leute entsprechen 15 Prozent der Bevölkerung, auch der Premierminister machte mit. So wurde Slowenien an einem Tag von einem sehr schmutzigen zu einem sauberen Land.

Wie war es möglich, so viele Leute zu mobilisieren?

Er hatte eine Kerngruppe von acht Leuten, die dann alle Untergruppen von acht Leuten bildeten und so weiter. Via Social Media verbreitet sich so etwas schnell, im Vorfeld gab es viele Medienberichte und eine gute Übersichtskarte, die aufzeigte, wo Abfall zu entsorgen war. Wenn es möglich ist, dass an einem Tag 300’000 Menschen in ehrenamtlicher Arbeit das Abfallproblem Sloweniens lösen, wie viel mehr können wir da noch anpacken? Nehmen wir an, ich lerne während 7 Tagen, wie ich nachhaltig und umweltverträglich lebe, und gebe das Wissen in der darauffolgenden Woche an einen Menschen weiter. Wenn das alle machen, die so geschult wurden, dann erreichen wir in 32 Wochen die gesamte Menschheit. Neun Monate würden rein rechnerisch reichen, um eine nachhaltigere Gesellschaft zu werden.

Rein rechnerisch, ja.

Ich bin ein Optimist, ich weiss. Oder sagen wir: ein Apocaloptimist. Ich weiss, dass uns die Apokalypse droht, dass unsere Gesellschaft krank ist, aber ich glaube, dass wir das Potenzial haben, es viel besser zu machen. Weil Kooperation und Empathie tief in unserem Erbgut angelegt sind. Deswegen träume ich von einer Welt, in der wir mehr aus diesem Potenzial herausholen. Diese Hoffnung ist eine grosse Kraft. Denn wir alle hoffen auf eine bessere Welt. Dragon Dreaming setzt auf ein vierstufiges Vorgehen: Träumen – Planen – Handeln – Feiern. Das klingt banal, aber der Teufel liegt wie immer im Detail. 99 Prozent der Projekte scheitern in der Traum- oder Planungsphase, weil die Leute ihre Träume nicht teilen oder keinen realistischen Plan haben, den Traum auf den Boden zu bringen.

Träumer haben in unserer Gesellschaft einen schweren Stand.

Ja, ihr Image ist schlecht, man hält sie für Fantasten, die nichts begriffen haben. Dabei wissen wir, dass das Hirn beim Träumen neue Verbindungen schafft, dass der Traum eine Quelle der Kreativität ist. Die Aborigines sagen: «Wer aufhört zu träumen, verliert einen Teil seiner Seele.» Das führt in Apathie, Zynismus, kurzfristiges Gewinnstreben. Besonders wichtig ist das gemeinsame Feiern des Erreichten. In dieser Hinsicht könnten die Nordländer einiges von den Südländern lernen. Diese wiederum haben beim Planen Luft nach oben.

Sie haben in den letzten Jahrzehnten über 600 Projekte realisiert. Welches sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse, und was möchten Sie zu Lebzeiten noch erreichen?

Ich möchte noch erleben, dass der Win-win-win-Ansatz in unserer Gesellschaft ankommt, auch in den grossen Unternehmen. Jedes Projekt auf dieser Welt begann mit dem Traum eines Einzelnen, der diesen Traum geteilt hat. Wir können in dieser Hinsicht viel von den Aborigines lernen. Sie brauchten kein Geld und keinen Begriff für Arbeit, und zur Zeit der Entdeckung Australiens durch die Engländer wurden sie doppelt so alt wie die Menschen in der westlichen Zivilisation, weil sie sich mit der Befriedigung ihrer elementaren Bedürfnisse begnügten, Ressourcen teilten und die Natur respektierten. Wir dagegen erhoffen uns Glück vom Anhäufen materiellen Besitzes und beuten dafür die Natur und andere Menschen aus. Wir sollten uns dringend darauf besinnen, worauf es wirklich ankommt und was uns echte Befriedigung bringt.

Kontakt und Information:

www.dragondreaming.org

In den letzten Jahren wurden über 4700 Menschen in Dragon Dreaming ausgebildet, und 52 Dragon-Dreaming-Trainer in 37 Ländern, darunter auch in der Schweiz, geben die Methode weiter und begleiten Menschen in Projekten bei der Umsetzung ihrer Träume.

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3 Kommentare zu “«Wer aufhört zu träumen, verliert einen Teil seiner Seele»”

  1. meienberg sagt:

    “99 Prozent der Projekte scheitern in der Traum- oder Planungsphase, weil…” Die Menschen leiden an ihrer Verhaftung im Gewohnten und Materiellen. “Verhaftung” gilt hier in doppelter Deutung. Ihnen fehlen der Mut und die Perspektive für Neues. Denn oft wird den Kindern schon in der Schule die Lust am Fabulieren, Experimentieren und der Kooperation ausgetrieben. Sie sollen individualisierte, einsame, konforme, zustimmende, manipulierbare Steuer- und PrämienzahlerInnen werden, und auf keinen Fall kritisch hinterfragen. Daraus resultiert oft ein Suchtverhalten (Alkohol, Tabak, Medikamente, Fress-/Magersucht, Gewalt, Raserei, etc.). Denn Freiheit, Stabilität und Sicherheit sind nicht im Deierpack vorhanden. Kreativität bedeutet immer auch Bewegung, Instabilität, Neuorientierung. Das braucht Mut, Kraft, einen wachen Geist und eine lebendige Seele. Oft werde ich gefragt, was ich tue, um trotz meines herausfordernden Lebensweges und Alters noch so fit, kreativ, empathisch, motivierend und unternehmungslustig zu sein. Wenn ich ihnen erkläre, auf welchen Konsum ich VERZICHTE, um Energie für das Positive zu haben, dann winken sie ab! Sie wissen nicht, dass Verzicht auch ein Gewinn sein kann.
    PS: oft lese ich idealisierte Berichte über Ureinwohner. Doch damit sie im harten Umfeld, ob Urwald oder Steppe, überleben können, wenden sie strenge Benimm-Regeln an, denn nur wer kooperiert, dient der Gemeinschaft. Wer sich renitent verhält, wird bestraft, teils mit Ausschluss aus der Gemeinschaft, was nicht selten den Tod bedeutet. Auch die Kaori in Australien sangen nicht nur “Friede, Freude, Eierkuchen”.

  2. Peter Hufschmid sagt:

    John Croft hat die grundsätzlichen, gegenwärtigen und zukünftigen Probleme der Menschheit voll und ganz begriffen und sieht auch ganz klar, wohin sie führen werden. Trotzdem zeigt er einen Lösungsweg auf, der vielleicht dann eine Chance hat, wenn wir bereit sind in einigen Bereichen umzudenken und ihm zu folgen.

  3. Irene feldmann sagt:

    Toller Artikel!!