Hier endet der Highway to Hell

Wie lang kann die Party noch dauern? Und wer stirbt als Nächster? Iikka Tolonen porträtiert eine Clique alternder Rocker in Finnland.

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Wozu überhaupt aufstehen? Um ein bisschen Geld zu machen, mit halbwegs seriösen Autoreparaturen. Und dann möglichst schnell betrunken zu werden. So wie gestern. Und vorgestern. Und morgen auch wieder. «Weisst du», sagt Hara, «nach 25 Jahren saufen spüre ich, dass mein Gehirn am Absterben ist.» Drei seiner Kumpel liegen schon unter der Erde.

Härkälä, also «Dorf der Ochsen»: So nennt der finnische Fotograf Iikka Tolonnen den Kosmos dieser Clique von Rockern. Hara war schon im Sandkastenalter sein bester Freund, und so war er von Beginn weg mit seiner Kamera dabei. Zuerst in den Neunzigerjahren, in der Vorstadt von Helsinki, als sich Hara und seine Leute entschieden, niemals im Leben erwachsen, bürgerlich und nüchtern zu werden. Stattdessen: Bier und Benzin, schwere Motoren und leichte Mädchen.

Rund zehn Jahre später dann wieder, nach ihrem Umzug aufs Land, wo sie mit der Party weitermachten. Und schliesslich heute, da die ganze Runde in einem versifften Wohnzimmer Platz hat.

«Härkälä» heisst auch der Band, der Tolonnens Bilder versammelt, und wer ihn durchblättert, der merkt, wie sich mit den Jahren der Blick des Fotografen verändert: Er kommt immer näher an diese Leute heran. Zugleich sieht man, wie hier ein Abenteuer verdämmert. Aus den Helden sind Wracks geworden, aus den Unbändigen Abhängige, aus den Outlaws Sozialfälle. So unromantisch endet er wohl, der Highway to Hell, für Hara und seine Freunde. Was bleibt einem Rebellen, wenn er alt wird? Er überhört den Rat seines Arztes, augenblicklich mit dem Trinken aufzuhören.

«Es ist wirklich deprimierend», sagt der Fotograf selber. Und, abgesehen davon: Anstrengend ist es auch. «Nächtelang mit diesen Jungs herumzuhängen, das ist kein Spass mehr, sondern harte Arbeit.»

 

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Iikka Tolonen: Härkälä. Verlag Kehrer, Heidelberg 2015. Englisch/finnisch. 88 Seiten, 82 Abbildungen, ca. 45 Franken.

1 Kommentar zu «Hier endet der Highway to Hell»

  • Andre Leisner sagt:

    Ausdrucksvoll in Bildern festgehalten, auch wenn der Verlauf alles andere als schön ist. Die Frage die ich mir stelle, zum Beispiel die Ignorierung des Arztes… wird sich nie mit den Gedanken befasst, was ist Morgen oder in einem Jahr? Greifen sie dann wieder zur Flasche, wenn diese Gedanken aufkeimen, dass es eventuell so nicht weitergehen kann? Oder klar nach dem Motto der böhsen onkelz „nur die Besten sterben jung“?

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