Die gestohlene Piazza

Oliver Meiler aus Rom am Donnerstag den 17. März 2016
Kleine Geschichte 
Foto: Stefano M. (Panoramio, Google Maps)

Diese Idylle wird zurzeit durch den Lärm gestört, das ein weniger idyllisches Bild vom selben Ort macht. Foto: Stefano M. (Panoramio, Google Maps)

In Rom gibt es Ecken, die so zauberhaft entrückt sind, dass sie eigene kleine Welten bilden. Eine solche Welt findet man zum Beispiel hinter dem Campo de’ Fiori, dem Marktplatz im alten Zentrum der Stadt, dem Mittelpunkt der Movida auch, wie die Römer mit einer Entlehnung aus dem Spanischen ihre Nachtschwärmereien nennen.

Verlässt man den Campo an seiner Westseite, die Geruchsschwaden des Forno, des Bäckers, noch in der Nase, und biegt in die Via del Pellegrino ein, öffnet sich linker Hand bald ein Bogen. Man könnte ihn für einen Hauseingang halten, dunkel und verwunschen, wüsste man es nicht besser. Der Arco degli Acetari bereitet den Weg zu einer schönen Piazza, einem gefangenen Platz, einem Hof. Er ist ganz umgeben von roten Häusern, von denen manche ihre mittelalterlichen Strukturen bewahrt haben, samt Aussentreppen (schön zu sehen im folgenden Video von www.c6.tv).

Palmen stehen auf der Piazza, alte Olivenbäume, Büsche. Wäsche hängt an den Fenstern. Auf dem Kopfsteinpflaster liegen Katzen in der Sonne. Der Lärm vom Campo, der Verkehr vom nahen Corso Vittorio Emanuele – alles weit weg. Eine Idylle, eine romantische Welt ist das, geisterte nicht dieses frivole Foto durch die Zeitungen. Es macht gerade viel Lärm.

Das Foto, aufgenommen im vergangenen Sommer und anonym dem «Corriere della Sera» zugesandt, zeigt den Hof von oben: Mittendrin steht ein grosser, blauer Plastikpool, in dem sich ein Dutzend junger Menschen planscht, in Bikinis und Badehosen. Darum herum ein ausgelassenes Partygelage, das Orangefarbene in den Gläsern deutet auf einen dieser modischen Aperitifs hin. Nun ist eigentlich nichts falsch am sommerlichen Feiern, eher im Gegenteil. Und der letzte Sommer war ja auch noch ein Rekordsommer, brutheiss und viel zu lang. Aber was ist mit dem Rahmen?

Nach der Publikation des Fotos erfuhren die Römer, dass sich die Anwohner der Piazza schon lange die Freiheit nehmen, den Arco degli Acetari jeden Abend mit einem Eisentor zu schliessen. Sie haben es selber montiert, um den betrunkenen Nachtschwärmern, den Freipinklern und Drogendealern eine dunkle Ecke zu entziehen. Die Stadt, fanden sie, sorgte sich nicht genügend um ihren Schutz.

Und so wurde aus der zauberhaften Piazza aller Römer in der Nacht jeweils eine Piazza für wenige Private – eine «gated Community». Und diese geschlossene Gemeinschaft organisierte offenbar rauschende Privatpartys, mit Spritz und johlender Jugend. Der «Corriere della Sera» schrieb von einem «gestohlenen Platz», einer «Piazza rubata». Als der Bericht erschienen war, eröffnete die Staatsanwaltschaft eine Ermittlung, schloss sie aber gleich wieder.

Es ist nämlich so, dass die Stadt den Platzdieben unlängst ihren Segen gegeben hat – nachträglich, zehn Jahre nach der Montage des Tors. In der Bewilligung heisst es, «zwecks Aufwertung und Schutz» dürfe das Komitee der Anwohner die Piazza zwischen 23 Uhr und 6.30 Uhr schliessen. Selber wähnte sich die Stadt offenbar nicht in der Lage, den Platz zu schützen und aufzuwerten. Vielleicht fehlt dazu auch der Wille. Und so hebt diese kleine, romantische Welt hinter dem Campo de’ Fiori jede Nacht ab in die Privatsphäre.

Oliver Meiler
Oliver Meiler, Rom Aufgewachsen in St. Gallen und Genf, Studium der Politikwissenschaften, Korrespondent für Italien. Davor für Frankreich, Spanien, Maghreb, Südostasien und auch schon Italien. Verheiratet, zwei Jungs. Er hat eine kleine Schwäche für Fussball und indische Gegenwartsliteratur.

4 Kommentare zu “Die gestohlene Piazza”

  1. D. Kerner sagt:

    Warum immer alles so pessimistisch sehen und alles wie gehabt – Schweizer Mechanismus- auf die linken schieben ?
    Anscheinend ist die Stadt ganz froh über die Situation, so braucht man sich nicht mehr drum kümmern und wird nicht beim Büroschlaf gestört.

  2. Ernst Fluri sagt:

    Und jetzt geht es ca 2 Monate und dann ist diese schöne Oase nur noch ein Trümmerfeld voll von Bierbüchsen und Aperollflaschen verpinkelt und verkotzt und dann können die Anwohner wieder alles herrichten und Arbeit und Zeit investieren wenn ich mich nicht täusche ist Rom links regiert!!!!!

    • Samira sagt:

      Sie haben aber schon gelesen, dass die Parties von den Anwohnern veranstaltet werden?
      Und das die Stadt dies auch jetzt weiterhin duldet?
      Also alles wie gehabt….nächtliche Privat-Parties hinter verschlossenem Tor auf einem öffentlichen Platz….so ganz korrekt ist das ja nicht.
      Aber vielleicht ist der Stadt es ja recht, wenn schummrige Ecken, wie dieser Hof nachts abgeschlossen sind. Mehr Sicherheit, weniger Areal, wo man schauen muss und um die Instandhaltung kümmern sich die Anwohner selber.
      Vielleicht ist das Konzept gar nicht mal so schlecht.

      • Peter Müller sagt:

        Offensichtlich hat wohl keiner richtig gelesen.
        Das Tor wurde von der Stadt offiziell genehmigt und nun haben die Bewohner ihre Ruhe und die Stadt muss diese romantische, aber dunkle Ecke nicht bewachen.
        Strafbar wäre höchstens das Foto, das der Corriere aus der Luft aufnahm und mit erkennbaren Personen publizierte.

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