Kandidatenauslese

César Acuña vor den Medien in Lima, 27. Januar 2016. Foto: Vidal Tarqui (EPA, Keystone)

Plagiatsvorwürfe trüben seine Aussichten auf einen Wahlerfolg: César Acuña vor den Medien in Lima, 27. Januar 2016. Foto: Vidal Tarqui (EPA, Keystone)

Peru hat ein Bildungsproblem. Bei der Pisa-Studie 2012 lag das Andenland auf dem 65. und damit letzten Platz aller Teilnehmer in allen drei überprüften Disziplinen Mathematik, Naturwissenschaften und Lesefähigkeit. Genau darum, nämlich um das Vermögen, einen Text korrekt vom Blatt zu lesen, hat sich nun eine nationale Debatte entfaltet, die politische Weichenstellungen der Republik beeinflussen kann.

Im Zentrum des Wirbels steht César Acuña, der am 10. April Präsident des Landes werden möchte. Der Frontmann der Fortschrittsallianz, die er selbst gegründet hat, war vordem zweimal Bürgermeister der nordperuanischen Stadt Trujillo und Gouverneur der Region Libertad. Ein klassischer Selfmademan, der es aus ärmstem kleinbäuerlichem Elternhaus zum Millionär schaffte.

In den Umfragen lag der 63-Jährige Ende Januar mit etwa 13 Prozent Zustimmung auf dem zweiten Platz, es führt Keiko Fujimori, die Tochter des inhaftierten Ex-Präsidenten Alberto. Wie Keiko buhlt Acuña um die ärmeren Wähler, seine ländliche Herkunft verwendet er dabei gern als Markenzeichen. Er spricht die Sprache des Volkes. Aber beim Lesen hat er seine Schwächen.

Das bekam die Fernsehnation kürzlich vorgeführt, als der Kandidat auf einem Wirtschaftsgipfel vor laufenden Kameras versuchte, seinen Vortrag vom Blatt zu lesen, und dabei deutlich ins Stottern geriet. Dieser Auftritt veranlasste den TV-Moderator zur Frage, wie Acuña wohl seine komplexe Doktorarbeit fertiggestellt habe.

Die Antwort kam relativ schnell per Twitter. «Ich habe gerade ein Plagiat auf der 2. Seite der Zusammenfassung seiner Doktorarbeit gefunden», schrieb die Ethnologin Sandra Rodríguez.

Zeitgleich begannen auch andere junge Akademiker zu googeln und fanden heraus, dass Doktor Acuña – oder wer auch immer die Arbeit wirklich schrieb – seitenweise bei Pädagogen aus dem spanischsprachigen Raum kopiert hatte, ohne Quellen zu nennen.

Nun hat die Universidad Complutense de Madrid, die den Peruaner 2009 summa cum laude zum Doktor machte, eine schnelle Untersuchung angekündigt. Der Beschuldigte stritt zunächst alle Manipulationsversuche ab, gab aber zuletzt zu, es mit den Fussnoten nicht immer genau genommen zu haben. Sollte die Uni den Titel aberkennen, müsste der nationale Wahlrat den Kandidaten von den Wahlen ausschliessen, sagte dessen Vorsitzender Francisco Távara.

Mittlerweile wurden Unregelmässigkeiten bei Acuñas peruanischem Ingenieurdiplom entdeckt, zwei weitere Master-Titel werden untersucht. Medien erinnern sich, dass der damalige Bürgermeister die Buchmesse seiner Stadt 2013 mit dem schönen Satz eröffnete: «Leute, die mich kennen, wissen, dass ich niemals lese oder schreibe.»

Dass dem Mann akademische Grade trotzdem so wichtig sind, mag mit dem Geschäftsmodell zusammenhängen, das ihn zum Millionär machte: Acuña besitzt drei Universitäten, die insgesamt 200’000 Studenten ausbilden. Keines seiner Studienzentren belegt einen Platz in den Top 20 in den peruanischen Uni-Rankings. Aber sie sind offenbar einträglich genug, um Präsidentschaftskandidat zu werden, auch wenn das mit dem Lesen manchmal etwas schwierig ist.