Wer hat wen misshandelt?

Lilian Tintori, wife of jailed opposition leader Leopoldo Lopez, speaks during a news conference in Caracas November 26, 2015. South America's regional bloc UNASUR and Venezuela's opposition called on Thursday for a probe into the murder of an activist days before a legislative election that has sparked fears of renewed political violence. Luis Diaz, a leader of the opposition Democratic Action party in Guarico state in Venezuela's central plains, was shot during a public meeting on Wednesday night, his movement said. REUTERS/Carlos Garcia Rawlins TPX IMAGES OF THE DAY - RTX1VZY6

Unerhört und abgehört: Lilian Tintori, im Bild an einer Medienkonferenz in Caracas 2015. Foto: Carlos Garcia Rawlins (Reuters)

Es war eine massive Anschuldigung: Lilian Tintori, die Ehefrau des zu fast 14 Jahren Haft verurteilten venezolanischen Oppositionspolitikers Leopoldo López, erstattete bei der Staatsanwaltschaft in Caracas Anzeige gegen den Direktor der Haftanstalt Ramo Verde, José Viloria. Der Oberst der Nationalgarde solle sie misshandelt und diskriminiert haben, sagte die einstige TV-Moderatorin. Der Gefängnisdirektor habe sie vor anderen Militärs grob angefahren und insinuiert, sie pflege ihre Ehe nicht gebührend.

Ausserdem musste sich Tintori im Rahmen einer Leibesvisitation angeblich völlig entkleiden. «Man liess mich mehrmals meine Beine spreizen. Die Wachen untersuchten gar den Tampon, den sie mir rauszogen.» Ihre Schwiegermutter musste dieselbe Prozedur durchmachen, noch dazu vor den Augen ihrer Enkelkinder.


Ein Interview mit den Anschuldigungen. Video: Maduradas (Youtube)

Diese Vorwürfe kursierten schnell in den sozialen Netzen. Tintori ist eine Art Covergirl der venezolanischen Opposition, in ständigem Kontakt mit Medien und Regierungen. Schnell twitterte Luis Almagro, der Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten: «Wir verurteilen diesen Anschlag auf die Menschenwürde, der ein Fehlen öffentlicher Ethik verdeutlicht.» Tags drauf standen die Vorwürfe in der Weltpresse.

Frau und Mutter des inhaftierten Oppositionsführers: Tintori mit Antonieta Mendoza, 19. Januar 2016. Foto: Marco Bello (Reuters)

Frau und Mutter des inhaftierten Oppositionsführers: Tintori mit Antonieta Mendoza am 19. Januar 2016. Foto: Marco Bello (Reuters)

Das war der erste Teil der Geschichte. Den zweiten lieferte Diosdado Cabello, Abgeordneter und einstiger Putschgefährte von Hugo Chávez, ein bolivarisches Schwergewicht. Cabello moderiert die TV-Show «Con el mazo dando», zu Deutsch etwa: «Mit dem Prügel draufhauen». Dort denunziert er gerne – unter Aussendung illegal abgehörter Telefonate oder mitgelesener E-Mails – vermeintliche Verschwörungen gegen die Bolivarische Revolution.

Nun führte er Ton- und Videodokumente aus dem Gefängnis Ramo Verde vor. Unter anderem den Mitschnitt der Diskussion zwischen Gefängnisdirektor Viloria und Lilian Tintori. Dabei ist zu hören, wie der Offizier die Ehefrau darauf aufmerksam macht, dass die Besuchszeit von 8 bis 12 Uhr morgens sei, worauf Tintori antwortet, sie komme, wann sie wolle. Dann entspinnt sich ein Wortwechsel, in dem sich Tintori über verschlechterte Haftbedingungen beklagt und Viloria versucht, den Sachverhalt zu erklären. Tatsächlich geht einer der zwei Gesprächspartner hoch, aber es ist nicht der Direktor. Zum Abschied droht Tintori dem Offizier eine öffentliche Anklage an.


Der erste Mitschnitt: Tintori und Viloria. Video: MultimedioVTV

In einem zweiten Audio konnten die Venezolaner dann ein Gespräch mithören, in dem López und Tintori am 2. Januar während eines Gefängnisbesuchs der Oppositionellen im Flüsterton vereinbaren, eine Medienkampagne zu starten, falls die Gefängnisleitung dem Häftling López nicht wieder die Möglichkeit einräume, mit seiner Familie zu kochen und Musik per iPad zu hören. Das war López vorenthalten worden, weil die Behörden von einem angeblichen Fluchtplan des Oppositionsführers erfahren haben wollen. Deutlich ist López’ Stimme zu hören, die Tintori auffordert: «Geh zu den Zeitungen, geh zu den NGOs, bring das in die sozialen Netze!»

Nun, genau das hat Tintori getan. Nur weiss jetzt niemand, ob sie sich und ihrem Mann damit einen Gefallen erwies.


Der zweite Mitschnitt: Tintori und López. Video: Noticiero Digitalcom (Youtube)