Ein Stipendium nur für Jungfrauen

Johannes Dieterich aus Johannesburg am Mittwoch den 27. Januar 2016
Kleine Geschichte 
16 mittellose, aber reine Mädchen mit einem Studienplatz versorgt: Das Symbolbild zeigt Studentinnen in Südafrika. Foto: Jon Hrusa (EPA, Keystone)

16 mittellose, aber reine Mädchen wurden in Uthukela mit einem Studienplatz versorgt: Das Symbolbild zeigt Studentinnen in Südafrika. Foto: Jon Hrusa (EPA, Keystone)

Dass ein Mensch nur Medizin studieren kann, wenn er im Mathematik- oder Geschichtsunterricht nicht geschlafen hat, daran haben wir uns – selbst wenn es keinen Sinn macht – längst gewöhnt. Dass eine junge Frau nur studieren kann, wenn sie mit keinem Mann geschlafen hat – auf diese fantastische Idee ist man nun in Südafrika gekommen. Die Verantwortlichen des Uthukela-Distrikts in der Provinz Kwa-Zulu-Natal haben Stipendien für Studentinnen ausgeschrieben, die als Zeichen ihrer Jungfräulichkeit noch nachweisbar über ein Hymen verfügen. Als erstes Los wurden 16 mittellose Mädchen mit einem Studienplatz versorgt, die zuvor einer Überprüfung ihrer vaginalen Unversehrtheit Stand gehalten hatten.

Auf den ersten Blick scheint die ungewöhnliche Massnahme sogar Sinn zu machen. Uthukela gehört zu den südafrikanischen Regionen mit den höchsten HIV-Infektionsraten, ausserdem brechen hier zahllose Mädchen die Schule ab, weil sie bereits vor dem Abitur schwanger geworden sind. «Wir wollen die jungen Frauen belohnen, die sich auf ihre Ausbildung konzentrieren und dem Sex die kalte Schulter zeigen», sagt Distriktchefin Dudu Mazibuko und wähnt sich dabei in bester Gesellschaft. Aus denselben Gründen hatte Zulu-Monarch Goodwill Zwelithini bereits vor Jahren das «Umchwasho» genannte Keuschheitsgelübde wieder eingeführt, das reine Mädchen zur Belohnung am jährlichen Schilfstanz teilnehmen lässt.

Dennoch hat die Initiative der Distriktchefin am Kap der Guten Hoffnung zu einem Aufschrei geführt. Weniger traditionsbewusste Südafrikanerinnen verweisen auf den Eingriff in die Intimsphäre einer jungen Frau, wenn nach dem Zustand ihres Hymens geforscht wird: Und das soll den Plänen Mazibukos zufolge nach jeden Semesterferien aufs Neue geschehen, damit keine der Stipendiatinnen nachhaltige Unversehrtheit vorschwindeln kann. Experten, die weder im Mathematik- noch im Geschichtsunterricht geschlafen haben, verweisen ausserdem darauf, dass das Jungfernhäutchen nicht nur beim Beischlaf, sondern sogar beim Sportunterricht reissen kann: Insofern sei das Urteil der Hymen-Detektivinnen völlig unzuverlässig.

Schliesslich machen Landeskenner auf einen noch viel traurigeren Umstand aufmerksam. In Südafrika ist die Vergewaltigungsrate so hoch wie in kaum einem anderen Staat der Welt: Statistisch gesehen, wird hier jedes dritte Mädchen sexuell missbraucht, noch bevor es auch nur das Abitur abgelegt hat. In Uthukela werden die Opfer von Männergewalt also doppelt bestraft: Nach der Misshandlung brauchen sie sich auch gar keine Hoffnungen auf einen Studienplatz mehr zu machen.

Auf der Gegenseite weisen strenge Moralapostel darauf hin, dass die Existenz des Hymens über die Keuschheit relativ wenig aussagt: Einfallsreiche Sünderinnen können die Freuden des Menschseins auch ohne Gefährdung des Jungfernhäutchens geniessen. Für sie und alle anderen hält die südafrikanische Feministin Jen Thorpe einen wissenschaftlichen Trost bereit: «Sex und Examen schliessen sich nicht gegenseitig aus», schreibt sie auf ihrem Blog. Vorausgesetzt, man hat die nötigen Mittel dafür.

Johannes Dieterich
Johannes Dieterich, Johannesburg Er berichtet schon seit 13 Jahren aus Afrika. Trotzdem hat er es noch immer nicht geschafft, sämtliche 50 Länder seines Berichterstattungsgebiets auch persönlich kennen zu lernen: Derzeit fehlen ihm noch neun. Wie es sich ob seines Namens gehört, lebt Johannes Dieterich mit seiner Frau und zwei Kindern in Johannesburg.

9 Kommentare zu “Ein Stipendium nur für Jungfrauen”

  1. Ronnie König sagt:

    Das zeigt glasklar die Unfähigkeit der Behörden und Institutionen das Richtige zu tun für jene die eigentlich eine Chance bekommen sollten und auch die Zukunft fürs Land bedeuten! Aber keine Einsicht, der Swimmingpool alleine zählt oder unsinnige Strategien gegen HIV mit Knoblauch dafür aufgleisen, weil die Kasse wegen Pool und Karosse leer ist. Anstatt modernisieren verkauft man an China und Co. Selbst die Inder sehen keine Zukunft mehr und reisen tendenziell eher aus als ein. Wehrt sich die Opposition, dann kommen kriminelle Rollkommandos oder der Mob wird gegen Ausländer/Flüchtlinge losgeschickt. Und wir versuchen dann mit Fastenopfer zu helfen oder renovieren Kirchen dort.

  2. Christian Merz sagt:

    … und ist den prüfenden Professoren gegenüber nicht allzu sehr auf das Erhalten des Hymens auch nach der Prüfung aus, sondern sehe den Verlust desselben als ein Teil des Prüfungsrituals .. zudem man als weibliche Studentin ja auf leichte Weise zum nötigen Studiengeld kommen kann, mit oder ohne Erhalt des Hymens ..

  3. Rita sagt:

    kann man so etwas ernst nehmen? Die Mädchen werden vergewaltigt, zwangsverheiratet- und man verlangt dass nur Jungfrauen studieren dürfen? Diskriminierung im höchsten Grad. Und da redet man von Ehre. Vielleicht wäre es besser wenn man allen Männern die Frauen vergewaltigen das studieren verbieten würde?

  4. Daniel Gebistorf sagt:

    So eine Idee ist dermassen jenseits von unserer Lebensrealitaet, dass wir sie gar nicht kommentieren sollten. Lesen und staunen.

    • Schultes sagt:

      Wohne als Schweizer ebenfalls in Südafrika: Nehmen Sie nicht alles für bare Münze, was über dieses Land geschrieben wird. Hier lebt es sich wunderbar! Die CH steht allenfalls hin und wieder als kurzer Ferienaufenthalt auf dem Programm. Besuchen Sie dieses Land (SA), Sie werden es nicht bereuen!

      • Daniel Gebistorf sagt:

        Das habe ich schon gemacht, allerdings nur einen Monat Kapstadt, lokal bei einer Familie gewohnt, in einem Township “gearbeitet”. Ich nehme es leider fuer bare Muenze.

        • Schultes sagt:

          Sie tun mir leid, während einem Monat nicht mehr von Südafrika gesehen zu haben. Offenbar haben Sie nur die negative Seite dieses Landes wahrgenommen – ich empfehle Ihnen, nochmals zu kommen und das ganze Land, jedoch mit postiver Einstellung zu bereisen. Übrigens über die Regierung zu schimpfen gehört hier im selben Masse zur Gepflogenheit wie dies in der CH der Fall zu sein scheint. Sollte es der Wahrheit entsprechen, was Herr Dietrich schreibt, unterstütze ich dies in keiner Weise. Vielleicht ist es ein schwacher Versuch, der bedrohlich steigenden Geburtenrate, v.a. bei Jugendlichen und dem gleichzeitig sinkenden Bildungsniveau der nichtweissen Bevölkerung etwas Einhalt zu bieten???

          • Rita sagt:

            wenn es um Geburtenkontrolle gehen soll, warum werden dann die jungen Männer nicht dazu überredet ebenfalls etwas beizutragen? zB keine Mädchen vergewaltigen? Schwacher Versuch ist gut gesagt- ganz schwach!
            Ganz offen gestanden, es sieht es nach Diskriminierung aus.

  5. Marianne Reifers sagt:

    ich war im Nordwesten Kenias in einer ländlichen Gegend zu Besuch. Es war sehr schön dort, eine ärmliche, aber unversehrte Gegend mit Rundhütten zwischen grossen Felsblöcken, wie man es sich so vorstellt. Ein Mädchen schlich an uns vorbei, scheu und eilig. Mein Begleiter sagte: Die wurde auf dem Schulweg von Klassenkameraden vergewaltigt. Nun ist sie aus der Schule geflogen und die Familienehre ist verletzt. Die hat keine Zukunft mehr. Ich war entsetzt. Mein Begleiter meinte, die Ehre komme halt vor der Gerechtigkeit.

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