Ein Stipendium nur für Jungfrauen

16 mittellose, aber reine Mädchen mit einem Studienplatz versorgt: Das Symbolbild zeigt Studentinnen in Südafrika. Foto: Jon Hrusa (EPA, Keystone)

16 mittellose, aber reine Mädchen wurden in Uthukela mit einem Studienplatz versorgt: Das Symbolbild zeigt Studentinnen in Südafrika. Foto: Jon Hrusa (EPA, Keystone)

Dass ein Mensch nur Medizin studieren kann, wenn er im Mathematik- oder Geschichtsunterricht nicht geschlafen hat, daran haben wir uns – selbst wenn es keinen Sinn macht – längst gewöhnt. Dass eine junge Frau nur studieren kann, wenn sie mit keinem Mann geschlafen hat – auf diese fantastische Idee ist man nun in Südafrika gekommen. Die Verantwortlichen des Uthukela-Distrikts in der Provinz Kwa-Zulu-Natal haben Stipendien für Studentinnen ausgeschrieben, die als Zeichen ihrer Jungfräulichkeit noch nachweisbar über ein Hymen verfügen. Als erstes Los wurden 16 mittellose Mädchen mit einem Studienplatz versorgt, die zuvor einer Überprüfung ihrer vaginalen Unversehrtheit Stand gehalten hatten.

Auf den ersten Blick scheint die ungewöhnliche Massnahme sogar Sinn zu machen. Uthukela gehört zu den südafrikanischen Regionen mit den höchsten HIV-Infektionsraten, ausserdem brechen hier zahllose Mädchen die Schule ab, weil sie bereits vor dem Abitur schwanger geworden sind. «Wir wollen die jungen Frauen belohnen, die sich auf ihre Ausbildung konzentrieren und dem Sex die kalte Schulter zeigen», sagt Distriktchefin Dudu Mazibuko und wähnt sich dabei in bester Gesellschaft. Aus denselben Gründen hatte Zulu-Monarch Goodwill Zwelithini bereits vor Jahren das «Umchwasho» genannte Keuschheitsgelübde wieder eingeführt, das reine Mädchen zur Belohnung am jährlichen Schilfstanz teilnehmen lässt.

Dennoch hat die Initiative der Distriktchefin am Kap der Guten Hoffnung zu einem Aufschrei geführt. Weniger traditionsbewusste Südafrikanerinnen verweisen auf den Eingriff in die Intimsphäre einer jungen Frau, wenn nach dem Zustand ihres Hymens geforscht wird: Und das soll den Plänen Mazibukos zufolge nach jeden Semesterferien aufs Neue geschehen, damit keine der Stipendiatinnen nachhaltige Unversehrtheit vorschwindeln kann. Experten, die weder im Mathematik- noch im Geschichtsunterricht geschlafen haben, verweisen ausserdem darauf, dass das Jungfernhäutchen nicht nur beim Beischlaf, sondern sogar beim Sportunterricht reissen kann: Insofern sei das Urteil der Hymen-Detektivinnen völlig unzuverlässig.

Schliesslich machen Landeskenner auf einen noch viel traurigeren Umstand aufmerksam. In Südafrika ist die Vergewaltigungsrate so hoch wie in kaum einem anderen Staat der Welt: Statistisch gesehen, wird hier jedes dritte Mädchen sexuell missbraucht, noch bevor es auch nur das Abitur abgelegt hat. In Uthukela werden die Opfer von Männergewalt also doppelt bestraft: Nach der Misshandlung brauchen sie sich auch gar keine Hoffnungen auf einen Studienplatz mehr zu machen.

Auf der Gegenseite weisen strenge Moralapostel darauf hin, dass die Existenz des Hymens über die Keuschheit relativ wenig aussagt: Einfallsreiche Sünderinnen können die Freuden des Menschseins auch ohne Gefährdung des Jungfernhäutchens geniessen. Für sie und alle anderen hält die südafrikanische Feministin Jen Thorpe einen wissenschaftlichen Trost bereit: «Sex und Examen schliessen sich nicht gegenseitig aus», schreibt sie auf ihrem Blog. Vorausgesetzt, man hat die nötigen Mittel dafür.