Schein oder Nichtschein

Federico Sturzenegger hat eine Vision: Am liebsten würde er das Bargeld abschaffen, wie Schweden das unlängst getan hat. Das hat der argentinische Ökonom mit Schweizer Ursprung vor nicht allzu langer Zeit verlautbart und dafür ordentlich Ohrfeigen eingefangen. Wie solle ein Land ohne Bargeld auskommen, das zur Hälfte informell wirtschaftet? Genau darum müsste man elektronische Zahlungssysteme forcieren, argumentierte der vormalige Harvard-Professor, denn Bargeld nutze nur der Mafia. Aber weil gerade Wahlkampf war, musste er zurückrudern und kleinlaut verkünden, sein Vorschlag habe einem «idealen Land» gegolten.

Seit Dezember ist Federico Sturzenegger Chef der argentinischen Zentralbank und hätte damit die Möglichkeit, alles Bargeld einzuziehen. Doch jetzt praktiziert er genau das Gegenteil: Er gibt Geldscheine aus, die höher notiert sind als die bisherigen. Zusätzlich zu den bisherigen Noten für 2, 5, 10, 20, 50 und 100 Peso wird es bald 200- und 500-Peso-Scheine geben, kommendes Jahr soll ein 1000-Peso-Schein folgen. Damit wird ein bizarrer Zustand vorläufig beendet. Denn nach einem Jahrzehnt mit zweistelligen Inflationswerten ist die grösste Banknote nur noch gut 7 Franken wert.

Noch ehe die neuen Scheine in Umlauf kommen, hagelte es bereits Protest. Denn die Regierung von Mauricio Macri beschloss, die altmodisch frisierten nationalen Gründerväter auf den nationalen Noten durch Vertreter der südlichen Fauna zu ersetzen. So soll die neue 200-Peso-Note ein farblich passender Blauwal zieren, während der 500er-Schein ähnlich schwarz-gelb gefleckt daherkommen wird wie das Fell des Jaguars, das er abbildet.

Federico Sturzenegger speaks during a Reuters Forum in Buenos Aires, in this November 13, 2014 file picture. Former Buenos Aires city bank chief Federico Sturzenegger was appointed chairman of the Central Bank by Argentine President-elect Mauricio Macri on November 25, 2015, but will only assume the position if current head Alejandro Vanoli steps down. REUTERS/Enrique Marcarian/Files - RTX1VV5L

Federico Sturzenegger. Foto: Enrique Marcarian (Reuters)

Sturzeneggers Vorgänger Alejandro Vanoli hatte, trotz der Weigerung von Präsidentin Kirchner, höhere Nennwerte zu genehmigen, auch 200er und 500er gestalten lassen. Natürlich war der grösste Schein für Juan Domingo Perón reserviert. Doch nun, nach der Wahlniederlage des Peronisten Daniel Scioli im November, soll ein niedliches Vögelchen auf den Tausender. Ein Tiefschlag für alle Anhänger des Volksgenerals. Zusätzlichen Schmerz werden diese Menschen verspüren, wenn auch noch Peróns Gattin Eva Duarte aus dem Zahlungsverkehr genommen wird. Noch bebildert sie die Hunderter, also etwa 85 Prozent aller Scheine. Doch bald soll ein Andenhirsch an Evitas Stelle röhren.

«Mit dieser neuen Notenfamilie möchte die Zentralbank auf die Grosszügigkeit der Natur hinweisen und zum Schutz der Artenvielfalt ermuntern», verlautbarte die Zentralbank. «Die Ausgabe grösserer Scheine ist eine Notwendigkeit. Gleichwohl wird die Zentralbank künftig den Gebrauch von elektronischen Zahlungsmitteln fördern und bald entsprechende Schritte einleiten.»

Heute ist Federico Sturzenegger übrigens in der Heimat seiner Vorfahren. Beim Wirtschaftsforum in Davos will er mit den Chefs jener Firmen sprechen, die Handyzahlsysteme in Kenia etablierten. Argentinien mag noch weit entfernt sein von einem «idealen Land» wie Schweden. Aber vielleicht erreicht es ja bald afrikanisches Niveau.