China Girl


Ein bisschen Dadaismus, ein wenig unschludiger Rassismus: Musikvideo zu «China Girl». Video: emimusic/Youtube

Ah, die Achtziger. Das Jahrzehnt, in dem man Haltung und Haar wieder festigte. «München. Es ist windig. Perfekter Sitz.» Drei Wetter Taft. MTV. Weichzeichner. Musikvideos, die auslaufen in sich im Sonnenuntergang brechenden Wellen. Sänger in Krawatte und Anzug. Das Jahrzehnt, in dem der Mann und die Frau sich schliesslich im Abendrot ungestraft nackt in die Brandung legen dürfen, und dafür den Preis für das Musikvideo des Jahres einheimsen.

Welttheater

Haarspray-Frisuren und Schulterpolster: Werbung für Drei-Wetter-Taft aus dem Jahr 1989. Foto: PD

Die Achtziger. Als der Panda noch nicht entdeckt und die politische Korrektheit noch nicht erfunden war. Als ein wenig unschuldiger Rassismus noch o. k. war. Als man sogar glauben durfte, damit ein «einfaches, direktes Statement gegen Rassismus» abzugeben. David Bowie war damals irgendwie politisch. Ich irgendwie orientierungslos. Kurz vor dem Abitur. Und dann? Vielleicht Journalismus? «Junger Mann», erklärte mir ein weiser alter Professor, «suchen Sie sich ein Fachgebiet. Studieren Sie Ägyptologie, Indologie, egal. Gehen Sie dahin, wo Ihnen die Frauen am besten gefallen

Das war 1983, Chinesinnen kannte ich keine. Beziehungsweise nur eine: David Bowies «China Girl». Das Lied hatte er in Berlin geschrieben, gemeinsam mit Iggy Pop. Das Video zum Song ist ein Kuriosum. Kritiker feierten es damals als bewusste Parodie auf die über Asiatinnen kursierenden Stereotypen. Im Abstand der Jahrzehnte wirkt der Clip in Teilen wie eine unfreiwillige Parodie seiner selbst. All denen, die das Glück hatten, die Achtziger zu verpassen, sei er hier kurz skizziert.

Erstes Bild: Ein Mädchen in einer Art Chinesinnen-Burka. Hinter Stacheldraht. Weil, klar: Mann rettet Frau. Beziehungsweise weisser Mann rettet gelbe Frau. Weisser Mann singt in ein schmales Mikrofon, das aussieht wie ein Mont-Blanc-Füllfederhalter. Gelbe Frau in Rotgardistinnen-Uniform läuft mit wehender roter Fahne durch die Wüste. (Wüste?) Gelbe Frau drückt sich die Nase hoch, lacht. Weisser Mann macht sich mit den Fingern Schlitzaugen, lacht. (Macht sich David Bowie hier tatsächlich Schlitzaugen?) Kamerafahrt durch einen Hafen. (Sieht irgendwie aus wie Sydney.) Kameraflug über ein Operngebäude (Sydney! Hä?). Rotgardistin läuft durch die Wüste. Bassist steht einsam am Hafenkai und zupft an seinem Kontrabass. (Achtziger!)

Bowie rennt in wehendem Mantel durch Sydneys Chinatown, löst sich mit der Linken den Krawattenknoten. Gelbe Frau wartet mit einer dampfenden Schüssel Reis vor einem Take-away. Bowie entreisst ihr die Schüssel und wirft den Reis mit dramatischer Geste in den Himmel über Australien. Sie küssen sich. Bowie saugt am Strohhalm eines «Prima»-Trinkpäckchens. Gelbe Frau singt, mit der Stimme des weissen Mannes: «Oh Baby, just shut your mouth.» Gelbe Frau singt: «Shshshhh». Gitarrensolo. Körper in der Brandung. Abendrot. Stacheldraht. Abblende.

David Bowie zog von Berlin in die Schweiz. Ich zog von München nach Peking. Wegen Bowie? Nicht unbedingt. Aber mit ihm im Gepäck. Er ruhe in Frieden. Iggy Pop, Wahnsinn, lebt noch. Er hatte «China Girl» schon sechs Jahre vor seinem Freund Bowie aufgenommen. Man sagt, eine grosse Liebe habe ihn inspiriert.