Denn die sind alle nur gekauft

Martin Kilian aus Washington am Samstag den 9. Januar 2016
Kleine Geschichte 


Hereinspaziert zum Festival der Korruption, besser bekannt als amerikanische Wahlen. Hier kann sich der Milliardär, dem sonst nichts fehlt, einen Politico kaufen, vom Präsidenten bis hinunter zum Abgeordneten in einem Staatsparlament auf der hintersten amerikanischen Pampa. Die Preisklassen entsprechen dem gekauften Amt: Ein Präsidentschaftskandidat ist selbstverständlich teuerer als ein Senator, unter dem der Abgeordnete im Repräsentantenhaus rangiert und darunter die Meute der Staatsparlamentarier, Stadträte, Richter und so weiter.

Dass jeder Mensch seinen Preis hat, erfüllt sich hierbei auf wunderbare Weise und zur Freude der Sponsoren. Allerdings müssen die Gekauften nicht wie die Fahrer der Formel 1 oder die stets im Oval rasenden und deshalb besonders begabten Piloten amerikanischer Nascar-Rennen auf ihrer Bekleidung die Logos und Patches der Sponsoren tragen. Die bleiben unerkannt, was eine handfeste Sauerei ist. Als honoriger Kontrast bietet sich der Formel-1-Chauffeur Sebastian Vettel an, auf dessen Jacke die Logos der Sponsoren um die Aufmerksamkeit der Zuschauer wetteifern: Rauch, Red Bull, Pepe Jeans, Infiniti.

Auf Nico Rosbergs Flickenteppich sind Mercedes, Petronas, Bose und Puma vereint, beim Nascar-Ass Kyle Bush leben M&Ms friedlich mit Snickers, Goodyear und Toyota. Nicht nur ist die Berufsbekleidung der Rennfahrer exotisch bunt und durchaus geschmackvoll. Sie verrät zudem sofort, woher der kommerzielle Wind weht.

Geht es nach dem kalifornischen Geschäftsmann John Cox, soll es künftig nicht anders sein mit der Berufsbekleidung von Politikern: Cox möchte in Kalifornien ein Volksbegehren anschieben, wonach Politicos auf ihren Jacketts die Logos ihrer Sponsoren tragen müssen. Damit der Bürger sofort sieht, wer den Abgeordneten Bobby Joe Ham oder die Senatorin Juanita Cerveza im kalifornischen Staatsparlament gekauft hat. Setzen sich ein Prozent oder 365’000 Kalifornier für die Idee ein, wird der Populus im November bei den Wahlen darüber abstimmen können.

Cox ist Republikaner und ärgert sich seit langem wie viele andere auch über die korrupte amerikanische Wahlkampffinanzierung. Er meint, zuerst hätte die Idee ein amerikanischer Komiker propagiert, vielleicht der verstorbene Robin Williams. Wie auch immer: Man stelle sich nur das buntscheckige Plenum des kalifornischen Staatsparlaments in der Hauptstadt Sacramento vor mit den vielen Patches und Logos, den Slogans und den Farben auf den Anzugsjacken der Parlamentarier.

Hier der Demokrat Jackie Jackson von Exxon und Walmart, dort sein republikanischer Kollege Miles Van Der Bort, den neben den Koch-Brüdern sowohl General Motors als auch die Genossenschaft kalifornischer Milchbauern sponsort. Nicht auszudenken, wie es in Washington aussähe, falls das kalifornische Beispiel Schule machte: Präsidentin Hillary Clinton bei der TV-Ansprache an das amerikanische Volk mit Goldmann-Sachs-Patch auf dem Hosenanzug oder Präsident Ted Cruz mit Boeing-Werbung auf dem Revers.

Nur Donald Trump fiele aus der Rolle, der seinen Wahlkampf bislang selber finanziert. Er hätte keine Patches auf der Jacke, aber wahrscheinlich hielte er die TV-Rede in einem grell violetten Sakko. Das gäbe auch etwas her, oder?

 

 

 

Martin Kilian
Martin Kilian, Washington Er ist Amerikaner und Reisender durchs amerikanische Hinterland. Ihn interessiert ziemlich alles zwischen Boston und Seattle, San Diego und Miami. Er lebte unter anderem in Athens, Georgia, und Washington DC und wohnt derzeit in Charlottesville, Virginia. Gelegentlich fliegt er nach Europa und bewundert die Putzigkeit des Alten Kontinents.

9 Kommentare zu “Denn die sind alle nur gekauft”

  1. Martin sagt:

    Man kann es von zwei Seiten her betrachten: A. Die Politiker vertreten eine Meinung, die auch den Konzernen gefällt und deswegen unterstützen die Konzerne sie. Oder B. Die Politiker vertreten die Interessen der Konzerne und bekommen dafür Geld. Eines ist jedenfalls sicher: Ein Wahlkampf in den USA kostet viel Geld. Ausserdem: Auch in der Schweiz gibt es Spendengelder für Parteien von Firmen. Ausserdem sind wohl viele Vorstandsmitglieder in einer Partei. Um ehrlich zu sein: Solange nicht B. zutrifft, sehe ich da nicht so Probleme. Für Trump könnte seine Unabhängigkeit wirklich von Vorteil sein.

  2. Sterndale sagt:

    Das Amerikanische Wahlsystem mag zwar seine Fehler haben, aber der President wird von den Buergern gewählt! In der Schweiz dagegen wird der Bundesrat vom Parlament gewählt und Christoph Blocher ist der grösste Geldgeber bei der SVP! Ist das Schweizer System wirklich besser?

  3. Max Moser sagt:

    BRAVO! Super Artikel. Man stelle sich vor im Nationalrat säßen bei einer Debatte 65 von 200 NR im Saal. 60 würden, wie fast immer Zeitung lesen oder mit dem Handy gfätterlen. Aber die Tenu’s!!! Welch geballte Werbung für Banken, Chemie, Krankenversicherungen, staatliche Organisationen, In- und ausländische Industriekonzerne, NGO’s usw usw. DAS würde die TV Quoten explodieren lassen. Aber die Werbe-Einnahmen würden schrumpfen……..

  4. A.N. Stauffer sagt:

    Wie wahr, wie seiend… Danke Herr Wanner! Die Rechtsnationalen wollen das noch immer nicht begreifen, dass das Volch einen einzigen Gegner hat und spielen das ihnen verordnete Spielchen der Totengräber der Schweiz munter weiter…

  5. Sacha Meier sagt:

    Dem guten Herrn Cox scheint entgangen zu sein, dass wir seit den WTO-Globalismusbeschlüssen 1995 nicht mehr nur in einer postindustriellen, sondern auch in einer neofeudalistisch-postdemokatischen Zivilisation leben. Wie in jedem Feudalsystem, werden auch in West und Ost politische Entscheide heute nicht mehr nach dem Volkswohl, sondern dem Portemonaie des Meistbietenden ausgerichtet. Korruption war gestern. Heute haben wir den Lobbyismus. Eine Win-Win-Situation: Der Politiker geniesst einen raschen Vermögensaufbau und der Auftraggeber seines Lobbyisten bekommt ihm genehme politische Entscheide. Trump agiert gar als Feudalherr in eigener Sache. Nur zu dumm, dass das Volk keine Lobby hat.

    • Alex Kramer sagt:

      Nur zu dumm, dass das Volk es ist.

      • Sacha Meier sagt:

        Das Volk war noch nie systemrelevant, Herr Kramer. Schon Einstein fiel die unendliche Dummheit unserer Spezies auf. So läuft sie – ohne selber denken zu können – stets ihren Alpha-Tieren hinterher. Selbst in den Untergang. Und bei Kriegen gar freudig in den Tod. Darum hat das Volk eigentlich gar nichts besseres verdient. Allerdings besteht noch ein Funken Hoffnung. Wie formulierte es der berühmte Zoologe und Tierforscher Konrad Lorenz einmal so schön: «Das evolutive Bindeglied zwischen den Menschenaffen und dem Menschen – das sind wir.»

  6. Sepp Wanner sagt:

    Ich finde das überhaupt nicht eine komische Idee, sondern absolut notwendig. Kaum ein Politiker hat nämlich tatsächlich ein so sauberes Jacket wenn man prüft was hintenrum alles läuft. Da wäre es nichts als ehrlich wenn man ständig bei jedem seiner Auftritte sehen kann wer wie viel Einfluss hat auf ihn. Und bei uns in der Schweiz ist es auch nicht anders. Unsere Regierung wird durch Vertreter von Pharma, Banken und Industrie gebildet – das erklärt dann auch all das was bei uns falsch läuft. Das Volk wählt zwar einen Vertreter, aber sobald er im Amt ist arbeitet er für jeden der Geld hat, aber nicht mehr fürs Volk.

  7. Streuli sagt:

    Eine gute Idee auch für die Schweiz. Endlich mal wieder was Vernünftiges aus dem Land, wo Fanatiker, Rassisten und Hetzer sonst alles dürfen…

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