Ägyptens entgleiste Tourismuskampagne

Paul-Anton Krüger aus Zürich am Donnerstag den 17. Dezember 2015
Aufgeschnappt 
Ausser Kontrolle geratene Werbekampagne: Screenshot der Werbekampagne. (Youtube)

Ausser Kontrolle geraten: Screenshot der ägyptischen Werbekampagne. (Youtube)

Wüste, türkisfarbenes Meer, geschichtsträchtige Ruinen – und glückliche Menschen. So präsentiert sich Ägypten in einem neuen Video. Es ist Teil einer aufwendigen Werbekampagne, mit der das Land am Nil hofft, den schwer gebeutelten Tourismus wiederzubeleben. Nach dem Bombenanschlag der Terrormiliz Islamischer Staat auf einen russischen Ferienflieger mit 224 Toten am 31. Oktober bleiben die Gäste aus. Schon zuvor hatte die Regierung für 66 Millionen Dollar bei der Agentur J. Walter Thompson (JWT) die massgeblich auf den europäischen Markt zielende Kampagne in Auftrag gegeben, zu der auch das professionell produzierte Video gehört.


Sonne, Sand und Sicherheit: Ägyptens Werbekampagne. (Egypt/Youtube)

Den Start musste Ägypten wegen des Absturzes verschieben. Am Freitag nun hatte Tourismusminister Hisham Zaazou ins neu eröffnete Ritz-Carlton am Tahrir-Platz geladen. Überall war das Motto zu lesen: «This is Egypt». Es will vermitteln, dass es viel Unbekanntes und Schönes zu entdecken gilt. Zugleich spiegelt es ein wenig das beleidigte Ego eines Landes, in dem manche ernsthaft glauben, die Welt erkenne die Schönheit Ägyptens wegen der repressiven politischen Verhältnisse nicht hinreichend an. Dem wollte man etwas entgegensetzen.

Also fordert das Video die Zuschauer, Ägypter wie Touristen, auf, unter dem Hashtag #ThisIsEgypt ihre Fotos auf dem Kurznachrichtendienst Twitter zu posten, die tausendfach zeigen sollen, was alles den Urlauber noch so in Ägypten erwartet.

Solche viralen Kampagnen, die auf die kommunikative Kraft des Internets und den Schwarmeffekt setzen, sind der letzte Schrei in der Werbebranche. Sie haben nur ein Problem: Man gibt die Kontrolle über die Botschaft aus der Hand. Und so geschah, was geschehen musste.

Ägyptische Aktivisten, die immer noch ganz gut wissen, wie man das Netz nutzt, kaperten den Hashtag für ihren politischen Protest. «Amr Nohan, drei Jahre Haft für ein Foto von Sisi mit Micky-Maus-Ohren. #thisisegypt», schrieb der Blogger Wael Eskander. «#thisisegypt, ein Ort, an dem du ins Gefängnis kommen kannst, weil du einen Roman geschrieben hast», postete ein anderer, eine Anspielung auf den Schriftsteller Ahmed Nagy, der wegen eines Kapitels mit expliziten Beschreibungen sexueller Handlungen vor Gericht steht. Wieder andere posteten Fotos von Polizeigewalt, Armut und Müllbergen in den Strassen. «Ich versuche nicht, #thisisegypt zu vereinnahmen», twitterte Eskander. «Ich mache nur, worum sie gebeten haben: Ägypten durch meine Augen.» Und: «Wenn ihr Touristen anlocken wollt, dann macht, dass Ägypten wird wie in dem Video.»

 

Paul-Anton Krüger
Paul-Anton Krüger, Zürich arbeitet als Nahost-Korrespondent unter anderem für den «Tages-Anzeiger».

13 Kommentare zu “Ägyptens entgleiste Tourismuskampagne”

  1. Hannes Müller sagt:

    Ich find’s einfach nur schön, wie sich diese Ägypter hier nicht gängeln lassen.

  2. Matthias Meyer sagt:

    Wie kommen Sie darauf, dass die USA daran schuld seien? Amerika hat zwar eine Sauerei im Irak und Syrien sowie weiteren Ländern verursacht. – die Frage ist aber ob es Dummheit, Naïvität oder Aufsitzen wahrer Tatsachen aus israelischen Quellen war. Wer entsinnt sich nicht an das “Smoking Gun” oder die hollywood-reife Landung des Amerikanischen Präsidenten auf dem Flugzeugträger mit dem legendären Ausspruch “Mission accomplished” !
    Aegypten war – und ist – bei allem Gedöns ein treuer Begleiter der Amerikaner.

  3. Peter Vanderbilt sagt:

    Noch schnell zur verdauung: Ägypten lässt einen in New york Angesiedelten Werbeagentur Ihren Kampagne durchführen, wohl gemerkt einen Land was massgeblich an das Scheitern Ägyptens Interessiert ist… (Wirtschaftlich) das ist bereits nicht so schlau, Was jedoch ins Auge sticht ist ein US Firma , Land des Hashtags…sich nicht hat Ausmahlen können das so ein Hashtag “Misbraucht” werden könnte……Wirklich? die ganze Teppichetage war sich hier einig? Da stecken andere kräfte dahinter….Nenne mich Paranoia aber ich vermute hier Böse Absicht…..als folgender grund: Ägypten droht den Bankrot, Staatseinrichtungen werden ” Privatisiert” Pleitegeier kaufen alles auf… Sehe Griechenland

    • Guenter Volz sagt:

      Man kann strategische Absicht nie ganz ausschliessen, aber ich vermute eine in der Werbebranche gaengige und ungesunde Mischung aus Arroganz und Ingnoranz. Es gibt eben auch ein “zu clever” .
      Aus dem unerwuenschten Ergebnis dieser nicht viralen, sondern eher virulenten Aktion koennte Aegypten immerhin Massnahmen ableiten, wie das Land nachhaltig touristisch attraktiver wird und gleichzeitig seine Buerger an einem Erfolg beteiligen. Nennen Sie mich pessimistisch, aber diese Variante halte ich fuer unwahrscheinlich.

    • tigercat sagt:

      @Peter Vanderbilt: Und weshalb genau sollten die bösen Amis ein Interesse am Scheitern Ägyptens (oder jedem anderen Land auf dieser Welt) haben? Ich könnte ja noch verstehen, wenn Sie geschrieben hätten: ein Interesse am Scheitern der ägyptischen Regierung – aber am ganzen Land? Macht doch keinen Sinn.

    • Urs Müller sagt:

      Wie kommen Sie zum Schluss, dass die USA an einem «scheitern» Ägyptens interessiert sei?
      Vielleicht sind die USA an einer Kontrolle oder an Einfluss interessiert, aber sicher nicht am scheitern.

      • Mario Monaro sagt:

        Und selbst wenn, das heisst noch lange nicht, dass JWT die gleiche Meinung wie die Regierung hat. Die Amerikaner sind keine homogene, gleichgeschaltete Gruppe von Menschen.

  4. Marcel Pfister sagt:

    Wenn man Wael Eskander liest, könnte man meinen, dass nur unter der Regierung al-Sisi oder dem ehemaligen Präsidenten Murabak Armut, Müllberge oder exzessive Polizeigewalt gegeben hat. Wer allen Ernstens glaubt, dass wäre unter dem unsäglichen Islamisten Mursi nicht so gewesen, ist entweder total uninformiert oder geht einfach der Propaganda der Islamisten und ihrer Helfershelfer auf den Leim.

    • Rolf Rothacher sagt:

      Richtig! Oder schon vergessen, dass unter der Vorherrschaft der Muslim-Brüder der ägyptische Schauspiel-Star Adel Emam 2012 zu 3 Monaten Zwangsarbeit verurteilt wurde? Sein Vergehen: er soll den Islam und seine Symbole beleidigt haben, in einem Theaterstück 1998 und in einem Film 2007.
      Wären die Muslim-Brüder heute noch an der Macht, wir müssten um den gesamten Nahen Osten und Nordafrika fürchten und nicht bloss um Syrien, den Irak und Libyen. Darum entbehren die in anderen Leserbeiträgen angeführten Verdächtigungen gegen die USA jeglicher Sachkenntnis und sind reine Polemik.

      • Tobias Hagen sagt:

        Wobei ich die USA nicht nur als Heilsbringer sehe, da diese massgebend am Ausbruch der Kriege in Irak, Libyen und Syrien involviert waren. Insofern sehe ich auch Ihren Beitrag, Herr Rothacher, als Polemik an, nach dem Motto “whether you’re with me or against me”.

  5. Ägypten war mal ein schönes Touristenland. Die Zeiten sind aber leider vorbei. Zu gefährlich, zu unsicher, zu islamisch.

    • Rolf Rothacher sagt:

      Da bin ich anderer Meinung. Ich war das letzte Mal 2012 in Ägypten unterwegs (als Mursi Präsident war und die Muslim-Brüder Ägypten zu einem Gottesstaat machen wollten). In Kairo waren die Strassen zu verschiedenen Ministerien noch mit riesigen Betonblöcken (8 Meter hoch) abgeriegelt und überall war Militär unterwegs, auch sah man weit mehr verschleierte Frauen als in früheren Jahren. Doch in Assuan waren die Menschen so offen und herzlich wie früher. Keinen Moment lang fühlte man sich (zu zweit als Touristen-Pärchen aus dem Westen unterwegs) bedroht, im Gegenteil.
      Nur weil sich 1 Promille der Ägypter radikalisiert haben und 5% mit ihnen sympathisieren, bleibt das Land so sicher wie Paris.

      • Rolf Zach sagt:

        Diese Leute wissen genau, daß ihr noch verfügbarer Wohlstand von den Touristen abhängt. Aber ihre Einstellung uns Westlern gegenüber ist äußerst negativ. Ihr Verstand ist gegen das Massaker an Touristen, aber ihr Herz ist dabei, denn sie werden bewußt dazu erzogen. Haben Sie jemals vom sonnigen Spanien unter Franco gehört über die Abschlachtung von Touristen. Auch die fanatischsten Basken haben solches niemals getan. Sehr selten auch die PKK in der Türkei und nicht in diesem Blutrausch. Für die Araber sind wir Ungläubige und von Allah und seinem Propheten verflucht.

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