Der High Court und das Auge der Göttin

Peter Nonnenmacher aus London am Donnerstag den 12. November 2015
Kleine Geschichte 
Welttheater

Teil der britischen Kronjuwelen: Die Krone von Queen Elizabeth, der Mutter der aktuellen Königin, mit dem Koh-i-Noor. Foto: Michael Crabtree (Keystone)

Vom Britischen Museum wollen die Griechen ihre Elgin Marbles wiederhaben, die Türken ihre Samsat-Stele und die Iraner den Kyros-Zylinder, eine kostbare Schrifttafel aus Babylon. König Salomon Iguru aus Uganda fordert einen Thron seiner Vorfahren vom Unimuseum Oxford zurück. Und im Victoria and Albert Museum hängt ein Kinderkopf aus dem Sidamara-Sarkophag, den Ankara ebenfalls will.

Vorwürfe historischen Kunstraubs sind für britische Museen nichts Neues. Aber nicht nur die renommierten Sammlungen der Insel kommen immer wieder unter Druck. Auch Königin Elizabeth II. und die ihren haben Probleme. Indien verlangt den Koh-i-Noor, einen der berühmtesten Diamanten der Welt, zurück von den Royals. Ein Prozess um die Rückgabe beginnt jetzt gerade vor dem Londoner High Court – zur gleichen Zeit, da der rote Teppich ausgerollt wird für den indischen Regierungschef Narendra Modi im Königreich.

Welttheater

Königin Alexandra mit der Krone im Jahr 1902. Foto: PD

Der Koh-i-Noor, muss man dabei wissen, war zur Zeit, als er in der Gegend des heutigen Andrah Pradesh gefunden wurde, mit 793 Karat der grösste bekannte Diamant der Erde. Das war im 13. Jahrhundert. In der Folgezeit wanderte er, im Besitz von Mogulen und Maharadschas, zwischen Indien, Persien und Afghanistan hin und her. Mal schmückte er als Auge einer Hindu-Göttin einen Tempel, mal zierte er den Pfauenthron eines Kaisers. Bis er schliesslich, im 19. Jahrhundert, der British East India Company in die Hände fiel.

Auf der HMS Medea wurde der Koh-i-Noor – der «Berg des Lichtes» – von der Company 1850 nach London verfrachtet und als Präsent Queen Victoria übergeben. Schon zuvor war das gute Stück mächtig zugeschliffen worden. Unter Prinz Albert wurde es zwecks grösserer Strahlkraft noch weiter, auf 105,6 Karat, reduziert. Für Königin Alexandra, Victorias Tochter, schuf man eine neue Krone, speziell mit dem Koh-i-Noor. Nur zu besonders festlichen Anlässen wird diese Krone getragen. Anders als die meisten Kronjuwelen (die im Tower liegen) wird sie in Schloss Windsor aufbewahrt.

Nun aber will Indien, dass der Diamant, der 100 Millionen Pfund wert sein soll, aus der Krone gebrochen wird und «nach Hause» zurückkehrt. Diesem Zweck dient der im High Court angesagte Prozess. Premier Modi wird wohl zu gute Manieren haben, um bei seiner Visite diese Woche den Koh-i-Noor zu erwähnen. Dafür hat sich David Cameron, sein Gastgeber, schon vor zwei Jahren zu dieser Frage geäussert. Eine Rückgabe komme überhaupt nicht infrage, meinte der britische Regierungschef damals: «Wenn wir erst einmal Ja sagen, ist als Nächstes gleich das ganze Britische Museum leer.»

Peter Nonnenmacher
Peter Nonnenmacher, London Unser Korrespondent in London. Er wohnt an der Themse, nicht weit vom Stadion des Fulham FC, mit Frau, Kindern und zwei schwarzen Katzen. Spricht Englisch mit unüberhörbar irischem Einschlag, hat aber auch der Queen schon die Hand gedrückt und ist von Haus aus Philosoph und Literaturwissenschaftler. Autor mehrerer Bücher übers UK.

11 Kommentare zu “Der High Court und das Auge der Göttin”

  1. Peter Stark sagt:

    Wenn man schon, über solch einen Stein berichtet, wäre es von Vorteil gewesen die Krone so zu zeigen, dass der genannte Stein nach vorne zu dem Betrachter zeigt und nicht nachlinks ! Auch eine Nahaufnahme wäre schön gewesen.
    Schade !

  2. Joe Weiss sagt:

    …wenn man sieht, was sonst noch so alles passiert, mit «unersetzlichen Kunst- und historischen Schätzen» auf der Erde, bin ich eigentlich froh, dass ein grösserer Teil davon im British Museum gelagert wird, wo sie für wenig Geld besichtigt werden können. «Gehören» tun solche Schätze sowieso «niemandem».

  3. Ben Hugentobler sagt:

    Das Britische Museum steckt voller und die Kronjuwelen sind Diebesgut, oder glaubt jemand diese Dekadenz habe die Dinge rechtmässig erworben?

    • G. Colombo sagt:

      Waren Sie dabei, als dieser Diamant “gestohlen” wurde? Wäre es nicht möglich, dass er durch Kauf nach England gekommen ist? Dies nur als kleiner Denkanstoss. Nach Ihrer “Denk”Weise, müsste die Schweiz ja auch Teile ihrer Territorien an Habsburg zurückgeben.

    • Peter sagt:

      Nun ja, under dem IS werden diese Dinge ja reihenweise zerstört weil sie “Götzenbilder” etc sind. Da ist mir das Britische Musem doch etwas lieber.

  4. U.P. Pfeiffer sagt:

    Elizabeth die sogenannte Queen Mother war Königin durch ihre Heirat mit George VI. Alexandra war die Ehefrau des Sohns Victorias, König Edward VII. Stimmt, dass Herr Nonnenmacher sich besser informieren sollte.

  5. Wuestenschiff sagt:

    Die Bildunterschrift ist falsch. Die Mutter der Queen heisst zwar auch Elisabeth war aber nie Queen und wird auch nicht so genannt (eventuell Queen Mum). Und ich galube auch nicht, dass Sie eine eigene Krone hat. Die Krone scheint wohl ihrer Grossmutter Alexandra gehört zu haben…

    • Andreas Gur sagt:

      Doch, doch, die Dame war tatsächlich Königin. Den Zähler II hatte sie einfach nicht erhalten da sie nicht die regierende Monarchin war. Ihr offizieller Titel nach dem Tode von König Georg VI lautete übrigens “Her Majesty Queen Elizabeth The Queen Mother “

  6. Gönül sagt:

    «Wenn wir erst einmal Ja sagen, ist als Nächstes gleich das ganze Britische Museum leer.» Mit anderen Worten gibt David Cameron zu: “Das britische Museum ist voll mit geklauten Wertsachen”!

  7. Urs W. Seiler sagt:

    Königin Alexandra war nicht eine Tochter von Viktoria, sondern Ihr Mann Eduard Vll.
    Schlecht recherchiert. Eigentlich ein bisschen enttäuschend für eine seriöse Zeitung mit eigenem England Experten!

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

 Zeichen verfügbar:

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.