Die Rechung für Japans olympischen Grössenwahn

Japanese Prime Minister Shinzo Abe attends discussion about new law of Japan’s military role at the Upper House plenary session in Tokyo, Monday, July 27, 2015. (AP Photo/Koji Sasahara)

Will die Verantwortung fürs Milliardendebakel delegieren; Japans Premier Shinzo Abe. Foto: Keystone

Kimito Kubo muss zurücktreten, ein Bauernopfer, mit dem der japanische Premier Shinzo Abe sich aus der Linie der Kritik nimmt. Der Chefbeamte soll die Verantwortung für eine Kostenüberschreitung von mehr als einer Milliarde Franken übernehmen, die der Bau des neuen Nationalstadions verursacht – schon bevor überhaupt mit dem Bau begonnen worden ist.

Das alte Nationalstadion in Tokio von Mitsuo Katayam galt als wertvolles Denkmal der Sachlichkeitsarchitektur in der Wiederaufbauzeit; es wurde für die Olympischen Spiele 1964 errichtet. Schon mit jenen Spielen brach Tokio alle olympischen Kosten- und Kostenüberschreitungsrekorde. Wäre Putin mit seinem Sotschi-Wahnsinn nicht in neue Dimensionen gestossen, dann würde Tokio auch diesmal alles übertreffen. Und genau darum geht es der japanischen Regierung, nur eigentlich nicht mit den Kosten.

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Gibt es bereits nicht mehr: Das Nationalstadion in Tokio. Bild: worlstadiums.com

Gewonnen hat die japanische Hauptstadt ihre Olympia-Bewerbung mit der Versicherung, die meisten Sportstätten stünden schon. In Istanbul dagegen, dem aussichtsreichsten Konkurrenten, hätte fast alles neu gebaut werden müssen. Das Nationalstadion wollte Tokio nur renovieren.

Doch kaum hatte Nippon den Zuschlag erhalten, da sprach in der Regierung niemand mehr von Renovation. Die extravagante Architektin Zaha Hadid gewann einen zweistufigen Wettbewerb mit einem megalomanen Fahrrad-Helm mit verschliessbarem Dach, der das Vogelnest der Spiele in Peking in den Schatten stellen sollte. Yoichi Matsuzoe, der Bürgermeister von Tokio und der eigentliche Gastgeber der Spiele, wandte sich von Anfang an gegen den Bau, sagte aber, er könne nichts machen, das Nationalstadion sei ein Projekt der Zentralregierung. Die Stadt bezahle auch nichts an den Bau.

Die Bevölkerung ging gegen Hadids Grössenwahn auf die Strasse, Japans renommierteste Architekten wollten den Bau und vor allem den Abriss des alten Stadions stoppen. Im Frühjahr jedoch kamen die Abrissbirnen, man hatte es eilig mit dem Niederreissen, um fertige Tatsachen zu schaffen. Hadid bedachte ihre Kritiker mit Hohn. Widerstand gegen ihre Geniestreiche seien üblich, liess sie mitteilen.

Das Projekt der Stararchitektin Zaha Hadid. Quelle: Youtube

Der Abgeordnete Taro Kono, Chef der Budget-Kommission der Regierungspartei, sagte von Anfang an, Japan könne sich diesen Fahrradhelm für drei Milliarden Franken nicht leisten. Und das bewegliche Dach auf keinen Fall.

Nun ist die Botschaft bei Abe angekommen, zumal seine Popularitätswerte abnehmen. Erst wollte er die Kosten auf die Stadt Tokio abwälzen, nun will er umplanen lassen. Die Schuld schiebt er seinem Beamten in die Schuhe. Dessen Chef, Bildungsminister Hakubun Shimorura, kann er schlecht feuern. Er ist einer seiner rechtsnationalistischen Weggefährten. Die Olympischen Spiele 2020 mögen ein Welttheater werden, in Tokio spielen sich vorerst jedoch Provinzpossen ab.