Der Planet der Hoffnung

Ein typisches Beispiel für Möchtegern-Alleswisser. Die Hoffnung liegt bei den interessierten Laien.
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Leider sind interessierte Laien oft leichte Beute für die gewieften Verkäufer. (Bild: Flavia Vergani)

In das Zunfthaus zur Safran haben rund zwei Dutzend Barolo-Produzenten geladen, kaufkräftige Weintrinker sind dem Ruf gefolgt. Auf einem Tisch stehen als Kontrastprogramm ein paar Flaschen Dolcetto. Ich bin begeistert und versuche, einem der Besucher die Weine schmackhaft zu machen. «Nein danke», sagt er mit einem mitleidigen Lächeln. «Ich trinke keine Süßweine.»
Ein typisches Beispiel für die Möchtegern-Alleswisser. Inzwischen habe ich gelernt: Die Bewohner dieses Planeten sind absolut dogmatisch. Sie haben einen Tunnelblick, in dessen Zentrum einzig ihre Gurus (wahlweise Parker, Gabriel oder Gambero Rosso) Platz haben. Keine Chance also, zu ihnen durchzudringen.

Doch es gibt zum Glück noch andere Planeten. Einer meiner Lieblinge ist der Planet der interessierten Laien, auf dem erstaunlich viele Frauen leben. Sie trinken gerne und auch einigermaßen regelmäßig – was nach Schweizer Verhältnissen ein- bis zweimal die Woche ein Glas bedeutet. Sie genießen den Wein, aber sind überzeugt, keine Ahnung davon zu haben. Etiketten sagen ihnen nichts, das Weinwissen ist relativ klein.

Leider ist diese Gruppe leichte Beute für eine ganze Heerschar von gewieften Verkäufern, die alle gleich vorgehen: Erst protzt man mit Punkten, Medaillen oder Preisen, die der Wein irgendwo bekommen hat. Danach folgen hochtrabende Sätze wie «Rubinrote Farbe gepaart mit vielen roten Früchten und ein Hauch von Vanille ergibt ein Zauberspiel der Sinne…» Und zum Schluss erschlägt man den Kunden endgültig mit ein paar Fachworten, die er nicht versteht, die aber enorm wichtig klingen (zum Beispiel «Barriqueausbau“, «Assemblage», «Kaltmazeration» oder «Eiweißschönung»). Diesen Verkäufern hilfreich zur Seite stehen die meisten Schweizer Restaurants, deren Weinkarte exakt dem obigen Muster entspricht. Ich kenne ein Lokal, das seinen ständig wechselnden «Wein des Monats» immer mit der gleichen Beschreibung anpreist. Reklamiert hat noch nie ein Gast.

Dieses Behaupten, Säuseln, Klotzen der Verkäufer wirkt. Die interessierten Laien lassen sich beeindrucken und kaufen den Wein, den die Industrie will. Oft schmeckt er zwar nicht, aber das getraut sich keiner laut zu sagen, man hat ja keine Ahnung von Wein. Genau das ist das Ziel der Verführer: Das Wein-Selbstbewusstsein soll möglichst niedrig gehalten werden! Die Kunden müssen sich klein und nichtig vorkommen in diesem ach so komplizierten Weinuniversum und daher nie auf die Gedanken kommen, eine Rebellion anzuzetteln. Was in diesem Falle bedeuten würde, dass sie Weine trinken, die ihnen auch wirklich gefallen.

Doch es gibt Hoffnung: Denn die Bewohner dieses Wein-Planeten sind äußerst neugierig. Wenn sie ohne Brimborium und ohne Geschwafel Zugang zum Wein bekommen, hören sie zu, verkosten unvoreingenommen, entwickeln eine eigene Meinung und trinken ab dann ganz anders.

JP Ritler

Text: Jean-Pierre Ritler

 

Dieser Auszug ist erschienen im Merum (Ausgabe 6/2015), den ganzen Artikel können Sie hier bestellen.